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Bundestagswahl:Ein Geretsrieder in Berlin

"Die Verankerung vor Ort" sei ihm wichtig, sagt Andreas Wagner. So überlegt er auch, ob er ein Abgeordnetenbüro im Wahlkreis einrichten soll.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Andreas Wagner zieht für die Linke in den Bundestag ein. Sein bestes Ergebnis holt er in seiner Heimatstadt - ausgerechnet dort, wo auch die AfD die meisten Prozente im Landkreis bekommt.

Andreas Wagner weiß es seit Montagmorgen zwischen drei und halb vier Uhr: Er ist drin. Der 45-jährige Geretsrieder Heilerziehungspfleger ist einer von sieben bayerischen Linken, die in den Bundestag einziehen. Bis in die frühen Morgenstunden hat er nach dem Wahlabend die Nachrichten und die Ergebnisse des Bundeswahlleiters verfolgt. Am Tag danach klingt er völlig entspannt, als er die Frage nach seinen wichtigsten Zielen wie gewohnt mit "Friedenspolitik und soziale Gerechtigkeit" beantwortet. Gar nicht aufgeregt? Er lacht: "Ich bin ziemlich durch den Wind. Aber langsam legt sich die Aufregung." Wagner hat als Direktkandidat 6,3 Prozent erzielt und kommt über die bayerische Landesliste der Linken ins Parlament. Er stand auf Platz 6, der von vornherein als aussichtsreich galt. Sein persönlich bestes Ergebnis hat der Geretsrieder wie erwartet in seiner Heimatstadt mit 9,2 Prozent.

Schon an diesem Dienstag tritt Wagner zur ersten Fraktionssitzung der Linken in Berlin an. Eine Einführung steht an und die Bildung der Landesgruppe. Ansonsten aber sei für ihn noch vieles ganz offen, sagt der Familienvater: Wo er in Berlin wohnen wird, wie sein Abgeordnetenbüro aussehen wird, ob er ein Büro im Wahlkreis Bad Tölz-Wolfratshausen/Miesbach einrichten soll, welche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - der Linke verwendet konsequent die männliche und weibliche Formulierung - er haben wird. Spannend werde es dann wieder bei der konstituierenden Sitzung des Bundestags, sagt er: "Da werde ich bestimmt wieder aufgeregt sein."

Andreas Wagner ist im Wahlkreis bekannt für seine politischen Positionen. Und das nicht nur weil er zweimal für den oberbayerischen Bezirkstag und schon einmal für den Bundestag kandidiert hatte - 2013 auf Platz 8 der bayerischen Liste der Linken. Als Heilerziehungspfleger engagiert er sich in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, er ist aktiv in der Friedensbewegung und hat den Ortsverband Geretsried-Wolfratshausen der Linken mit aufgebaut. Sein Entschluss, zunächst zur WASG, dann zur Linken zu gehen, war seinerzeit eine Reaktion auf die Agenda 2010 der rot-grünen Bundesregierung. Die Folgen dieser Umwandlung des Sozialsystems nennt er auch heute als einen Antrieb seiner politischen Tätigkeit.

Im Bundestag wolle er sich für soziale Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit, den Schutz der Menschenrechte und Abrüstung einsetzen, sagt Wagner. Gerade vor dem Hintergrund des "erschreckenden Abschneidens der AfD" halte er eine starke Stimme auf all diesen Gebieten für wichtig. Er befürchte, dass CDU und CSU Positionen der AfD übernehmen und diese damit hoffähig machen und es einen Rechtsruck im Bundestag geben werde. Auf die Frage, was er von einer Bundesregierung aus Union, FDP und Grünen erwarte, sagt Wagner: "Keine Verbesserungen."

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Ausgerechnet in Geretsried, wo Wagner und die Linke bei dieser Bundestagswahl stark abgeschnitten haben, kommt die AfD mit 14,3 Prozent Zweitstimmen auf ihr landkreisweit bestes Ergebnis. Der neue linke Abgeordnete sieht dafür keine spezifisch örtlichen Gründe. Er hat den Eindruck, dass es viele Menschen gebe, die sich durch die Auswirkungen der Agenda 2010 abgehängt fühlten. Dazu kämen die enormen Schwierigkeiten, bezahlbare Wohnungen zu finden: "Es gibt ganz viele, die sich von der großen Koalition nicht mehr vertreten fühlen und offensichtlich der AfD und ihren einfachen Erklärungen auf den Leim gegangen sind."

Einen konkreten Auftrag nimmt der neue Abgeordnete mit nach Berlin: die Verbesserung der Geburtshilfe. Die Schließung der Station in Bad Tölz ist für ihn Zeichen eines Mangels, der nur auf Bundesebene behoben werden kann. Er wolle sich für eine bessere Finanzierung der Gesundheitsvorsorge einsetzen, sagt Wagner, und gegen weitere Privatisierungen von Krankenhäusern. Außerdem fordere er wie die Linke insgesamt einen öffentlich finanzierten Haftungsfonds für Hebammen.

Wagner sagt, er sei sich bewusst, dass der Bundestag ihn verändern werde: "Man muss aufpassen, dass man nicht abgehoben wird." Umso mehr sei ihm "die Verankerung vor Ort" wichtig. Wagner und seine Frau haben eine 14-jährige Tochter und zwei Söhne im Alter von 17 und 20 Jahren, alle leben noch zu Hause. Die Familie freue sich über seinen Erfolg, sagt er, die Kinder fänden es cool, dass er jetzt Abgeordneter sei - aber nicht so schön, dass er nun so oft nicht da sein werde.

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