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Blick zu den Nachbarn:"Diese Situation hat eine eigene Dynamik"

FILE PHOTO: Hungarian-Austrian is closed near Nickelsdorf

Die ungarische Grenze ist für Nicht-Ungarn dicht: Mit dieser Situation hat Nickelsdorf es seit voriger Woche zu tun.

(Foto: REUTERS)

Gerhard Zapfl, Bürgermeister der Geretsrieder Partnergemeinde Nickelsdorf in Österreich, empfiehlt für die Corona-Krise Nachbarschaftshilfe und "Hausverstand"

So klein die Gemeinde Nickelsdorf im Burgenland sein mag, so oft hat sie doch mit der großen Politik zu tun. Bürgermeister Gerhard Zapfl (SPÖ), 60 Jahre alt und seit 24 Jahren im Amt, hat schon manches bewältigt. Im Jahr 2015 etwa kamen innerhalb von sechs Wochen 300 000 Flüchtlinge nach Nickelsdorf; an manchen Tagen waren es 10 000 Menschen auf einmal, die Polizei sprach von Chaos, der Verkehr kam streckenweise zum Erliegen, glücklicherweise sammelten sich aber auch Ehrenamtliche als Flüchtlingshelfer. Heute hat es Nickelsdorf nicht mit offenen Grenzen zu tun, sondern im Gegenteil mit der von Machthaber Viktor Orbán verordneten Abschottung Ungarns. Denn der Ort mit seinen 1850 Einwohnern liegt an der österreichisch-ungarischen Grenze. Er ist im Übrigen seit Jahrzehnten Partnergemeinde von Geretsried, der mit 26 000 Einwohnern größten Stadt im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Auch diese Beziehung geht letztlich auf Menschen zurück, die ihre ursprüngliche Heimat verlassen mussten: die nach dem Zweiten Weltkrieg vertriebenen Deutschen, die Geretsried aufgebaut haben.

Nun teilen Nickelsdorf und Geretsried ein Problem - oder wie Bürgermeister Zapfl sagt: eine Herausforderung. Beide Kommunen müssen versuchen, so gut es geht, durch die Corona-Krise zu kommen. Zapfl und sein Geretsrieder Amtskollege Michael Müller (CSU) haben sich darüber vergangene Woche in einem ausführlichen Telefonat ausgetauscht.

Gerhard Zapfl ist seit 24 Jahren Bürgermeister der Geretsrieder Partnergemeinde Nickelsdorf in Österreich.

(Foto: Privat/oh)

"Keine Beschlüsse"

Österreich sei ja in Sachen Corona "ein bisschen vorn", sagt der Nickelsdorfer Bürgermeister. Tatsächlich ist etwa die Ausgangssperre - die hier wie dort Ausgangsbeschränkung genannt wird - im Nachbarland schon früher als in Bayern verfügt worden. Allerdings ist die Position eines österreichischen Bürgermeisters wegen der Krise auch deutlich gestärkt. "Bei uns gibt es seit Mitte voriger Woche den klaren Erlass der Landesregierung, dass bis Ende April keine Beschlüsse zu fassen sind." Soll heißen: Der Gemeinderat tagt nicht und muss das auch nicht tun. Vielmehr ist der Bürgermeister dazu ermächtigt, notwendige Entscheidungen selbst zu treffen und gegebenenfalls später billigen zu lassen. "Ich informiere aber natürlich die zuständigen Gremien, den Gemeindevorstand und den Gemeinderat", sagt Zapfl. Eine außergewöhnliche Maßnahme sei bisher ohnehin noch nicht erforderlich gewesen.

Nickelsdorf hat bis dato vier Corona-Fälle - "Infizierte, aber keine Erkrankten", so Zapfl am Montag, und zwei von ihnen seien schon über die 14-tägige Quarantäne-Frist hinaus. Dennoch wisse man ja nicht, was noch komme, sagt der Nickelsdorfer Bürgermeister: "In solchen Fällen ist es wichtig, den Hausverstand einzusetzen." Zapfl hat wie sein Geretsrieder Amtskollege Müller einen Krisenstab zusammengestellt, der zwar nicht täglich im Einsatz, aber jederzeit abrufbar ist. In Nickelsdorf gehören dazu etwa zwanzig Personen, die Organisationen und Einrichtungen von der Feuerwehr über die Volkshilfe bis zu Bauhof und Kläranlage vertreten.

Mit hörbarem Stolz berichtet Zapfl, dass Nickelsdorf eine "Nachbarschaftshilfe plus" hat, ein überparteiliches Sozialprojekt, geleitet von Ina Sattler. Auf deren Anregung hin hätten sich vorige Woche "fünf junge Burschen" zusammengetan, um einen Zustelldienst für Lebensmittel und Medikamente anzubieten. Die jungen Männer, allesamt Anfang zwanzig, hätten derzeit pro Tag etwa zehn Lieferungen zu leisten. Die Menschen, die Hilfe beanspruchen, rufen im kleinen Supermarkt am Ort an, dort werden die gewünschten Waren zusammengestellt, und zu Mittag stellen die Burschen sie zu.

Besonders günstig ist die Versorgung mit Medikamenten in dem kleinen österreichischen Ort: Gemeindeärztin Adele Schmidt hat eine Hausapotheke. Das bewährt sich nun in der Corona-Krise noch einmal als eigener Vorteil, da die Patienten nur anzurufen brauchen, um ein Mittel abholen zu lassen.

"Gute Disziplin"

Die Nickelsdorfer verhalten sich nach Einschätzung des Bürgermeisters absolut vernünftig: "Die Risikogruppen bleiben alle zu Hause, das funktioniert von der Disziplin her sehr gut." Im Übrigen sei es auf dem Land ja ohnehin einfach, Abstand zueinander zu halten. Er selbst sei bei dem schönen Wetter am Wochenende walken gegangen, da seien viele Leute unterwegs gewesen. Er lacht: "Wir haben hier sechzig Quadratkilometer für 1800 Menschen." Es gebe, soweit er das beobachtet, auch noch "keinen Lagerkoller oder ähnliches". Dennoch spüre er, dass die Krise, je länger sie anhalte, zu psychologischen Problemen führen könne: "Diese Situation hat auch eine eigene Dynamik." Nur eben keine, die man schon einschätzen könne: "Es gibt kein Schema dafür, man muss es täglich neu erfinden."

Ob er persönlich Angst hat? "Überhaupt nicht", sagt Zapfl. "Das ist eine Herausforderung, der man sich stellen muss." So wie jene andere, mit welcher der Nickelsdorfer Bürgermeister akut zu tun hat - dass Orbán Ungarn für Nicht-Ungarn dicht gemacht hat. "Der hat vorige Woche Dienstag auf Mittwoch um Mitternacht zugesperrt, und niemand wusste das." Auf der Autobahn hätten sich Autos und Lastwagen zig Kilometer lang gestaut, bis endlich am Donnerstag ein Korridor aufgemacht wurde. Aber in Nickelsdorf seien etliche Serben "gestrandet", die nicht in ihre Heimat zurück könnten, weil dort die Grenze zu sei. "Ich will nicht, dass Panik entsteht", sagt Zapfl. Theoretisch sei das Ganze kein kommunales Problem, aber wenn sich Nickelsdorfer Sorgen machten - "die rufen nicht den Bundeskanzler an, sondern mich".

© SZ vom 25.03.2020
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