Starkbieranstich in Bad Tölz:"Entbindung am Rastplatz zwischen Gaißach und Lenggries"

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Bockbieranstich Binderbräu

O'spritzt is: Hubert Dorn (r.) von der Bayernpartei hat Probleme beim Anstich, Wirt Andreas Binder (l.) und Braumeister Andreas Forstner helfen.

(Foto: Manfred Neubauer)

Bei der Bayernpartei wettert Fastenprediger Michael Eimansberger gegen die Schließung der Kreißsäle. Und das Publikum erlebt eine Bierdusche.

Von Klaus Schieder

Dem Chef einer bayerischen, zumal einer bayerisch-patriotischen Partei, sollte das Ozapfn im Blut liegen. Ein Schlag, vielleicht noch einer, und der Hahn sitzt. Möchte man meinen. Hubert Dorn, Generalsekretär der Bayernpartei, hatte mit dem Anstich am Freitagabend im Gasthaus Binderbräu allerdings seine liebe Not. Das Draufhauen mit dem Schlegel gelang ihm nicht recht, weshalb das vom Binderbräu eigens gebraute Starkbier, Stammwürze 16, 5 Prozent und malzaromatisch, über die Gäste in der ersten Tischreihe spritzte. So ist das nun einmal bei einer kleinen Partei, die keinen Festsaal füllen kann, wo es zwischen Fass und Publikum einen ausreichenden Sicherheitsabstand gibt.

Wenn die Bayernpartei im Landkreis zusammentritt, reihen sich die Trachtenhüte an den Tischen aneinander, und wer sich im Straßenzivil darunter mischt, hat zumindest ein Foto im Geldbeutel, das ein Ortsausgangsschild zeigt: Oben steht "Republik Bayern", unten ist die "Bundesrepublik Deutschland" durchgestrichen. Immerhin etwa 50 Zuhörer kamen zum Starkbieranstich in den Binderbräu, noch einmal so vielen hatte Gastwirt Andreas Binder nach eigenem Bekunden absagen müssen. "Weil es keinen Platz mehr gab", wie er erklärte. Im Landkreis ist die Bayernpartei im politischen Geschäft nicht völlig außen vor: Mit Josef Eichner aus Dietramszell und Robert Mayr aus Geretsried stellt sie zwei Kreisräte, mit Josef Seemüller einen Gemeinderat in Kochel.

Inhaltlich ist man der CSU noch am nächsten, aber gerade an ihr reibt sich Dorn in seiner Rede. Der Generalsekretär stellt die Christsozialen in Berlin und Brüssel als "schwache Vertretung für Bayern" dar und ihnen seine eigene Partei als "neue konservative, ehrliche, bayerische Kraft" gegenüber. Für ihn hat die CSU unter Horst Seehofer ein Glaubwürdigkeitsproblem, nachdem sie erst 15 Monate gegen Angela Merkel und ihre Flüchtlingspolitik opponierte, nun aber mit Bundeskanzlerin in den Wahlkampf zieht. "Das waren 15 Monate Luftnummern, 15 Monate Fake News", wettert Dorn. Auch wenn er Caritas und Misericordia - Nächstenliebe und Barmherzigkeit - als bayerisch-christliche Wurzeln bezeichnet und die Aufnahme von Flüchtlingen nicht rundheraus ablehnt, lässt er doch keinen Zweifel daran, wofür die Bayernpartei in der Asylpolitik steht: eigene Grenzsicherung, mehr Sachbearbeiter und weniger Sozialarbeiter, um die Asylverfahren zu beschleunigen, harte Abschiebungen.

Der Tölzer Binderbräu ist nicht die Dreiländerhalle in Passau oder das Rennbahngelände in Vilshofen, aber für ein wenig Aschermittwochsflair will der BP-Generalsekretär schon an den Tischreihen zwischen den Brau- und Sudkesseln des Gasthauses sorgen. Mit oftmals über den Kopf erhobenen Armen predigt er für ein Europa der Regionen, das nur eine gemeinsame Außen- und Verteidigungspolitik haben soll, wo ansonsten aber Katalanen, Schotten, Südtiroler oder eben Bayern "ihre Sprache und Identität behalten können". Der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz ist für ihn ein Vertreter eines zentralistisch-bürokratischen Europa und bei der Bundestagswahl auch keine Alternative: "Wenn man auf einen alten Senftopf eine neues Etikett klebt, wird daraus keine Delikatesse." Und so geht es weiter: Mehr Respekt vor Handwerkern und kleinen Bauern, mehr Gewicht für Haupt- und Realschulen, mehr Ludwig Thoma im Unterricht als "die Stücke eines kommunistischen Autors wie Brecht". Am Ende sagt Dorn: "Das Land hat eine schwarze Vergangenheit, es wird Zeit für eine weißblaue Zukunft."

In schwarzgelber Kluft tritt noch Michael Eimansberger als Kaspar Winzerer III. ans Rednerpult. In seiner Fastenpredigt geißelt er die Neue Tölzer Hotelkultur als Flause, die ein eigenes Spa beinhalte "wie am Schliersee und am Tegernsee, nur ohne See". Und was die Geburtshilfe an der Asklepios-Klinik angeht, müsse sich Tölz auf Autogeburten umstellen, meint Eimansberger. Im Ausweis stehe dann als Geburtsort künftig eben "Rastplatz an der B 13 zwischen Gaißach und Lenggries, in rotem, rostigem Audi mit dem Kennzeichen ... "

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