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Wohnen in München:Abmahnung, Kündigung, Haftstrafe: Was noch alles?

Von Mietwucher jedoch hatte Günter nie gesprochen. "Sollte Ihnen die Miete zu hoch sein, so stellt es Ihnen mein Mandant frei, so bald als möglich auszuziehen." Dann geht es zur Sache: "Sollten weiterhin Beschwerden über zu lauten Sex aus Ihrer Wohnung zu vernehmen sein, so werde ich meinem Mandanten sämtliche rechtlichen Möglichkeiten anraten, wie Abmahnung, Kündigung und Unterlassungsgeld samt Ordnungsgeld und Haftstrafe." Der Brief schließt wie folgt: "Da mein Mandant allerdings nach wie vor an einem rücksichtsvollen und friedlichen Mietverhältnis interessiert ist, geht er davon aus, dass Sie sich in Zukunft leise verhalten und die volle Miete bezahlen werden."

Abmahnung, Kündigung, Haftstrafe. Günter fühlt sich, als befände er sich im falschen Film. Am 3. Juni schreibt die Vermieterin ihm, die Mietpreisbremse gelte nicht, da sie vor seinem Einzug sehr viel Geld in die Modernisierung gesteckt habe. Und plötzlich zaubert sie die längst erledigten Anschuldigungen hervor: "Nicht erledigt hat sich die Ruhestörungsproblematik."

David Günter tritt in den Mieterverein ein. Dort errechnet ein Jurist, dass Günter 121,89 Euro zu viel im Monat bezahle. Unterdessen verteilt die Vermieterin Lärmprotokolle an die Nachbarn im Haus. Nahezu wöchentlich leitet ihre Anwältin nun die Beschwerden zweier Nachbarn an Günter weiter. Von Möbelrücken ist die Rede, lauter Musik, Stöckelschuhen und Lärm beim Beischlaf. Ein weiterer Nachbar aus dem Haus gegenüber wird aktiv; Günter parke immer wieder seine Einfahrt zu, behauptet er. Im Übrigen könne die Vermieterin sogar 950 Euro kalt verlangen, rechnet ihre Anwältin vor - wegen der umfassenden Modernisierung vor dem Einzug.

Ob die neuerlichen Lärmvorwürfe etwas mit Günters Beharren auf der Mietpreisbremse zu tun gehabt habe? Auf Nachfrage verneint die Vermieterin am Telefon. "Es gibt einfach Leute, die stören." Ihr Mieter habe "keine Ruhe geben" wollen. Und: "Eine 45-Quadratmeter-Wohnung kostet in München halt 750 Euro." Dass es auffällig ist, wie sie die alten Anschuldigungen Monate später hervorgekramt hat, dazu will sie nichts sagen - und legt auf.

Am 5. Oktober wird David Günter wegen angeblicher Ruhestörung abgemahnt. Bei der Polizei erstattet er Anzeige wegen Verleumdung gegen seine Vermieterin, zwei Nachbarn und den Vermieter des Nachbarn. Am 12. Oktober wird ihm der Mietvertrag gekündigt: fristlos, "hilfsweise ordentlich zum nächstmöglichen Termin". Der Mieterverein vertritt ihn zu dem Zeitpunkt nicht mehr, weil die Nachbarin, die ihn der Lärmbelästigung bezichtigte, ebenfalls Mitglied im Verein ist und somit Interessen kollidieren.

Tobias Vollmar, der Günter als Jurist beim Mieterverein beraten hat, sagt: "Es wäre auch für uns interessant gewesen zu sehen, wie der Fall vor Gericht ausgegangen wäre. Die spannende Frage ist: Was muss ein Vermieter vor der Vermietung getan haben, um aus der Mietpreisbremse rauszukommen?" Welche Umbauten hätte die Vermieterin als Modernisierung anrechnen können? "Überspitzt gefragt, gehört ein goldener Wasserhahn zur Sanierung, oder nur ein Wasserhahn?"

Wie der Fall vor Gericht ausgegangen wäre, das weiß man nicht, weil er gar nicht erst dort gelandet ist. Einen Anwalt hat sich David Günter nicht leisten wollen. Er hat eine neue Wohnung in einem anderen Stadtteil gefunden, zum Jahreswechsel ist er umgezogen. Er habe sich den Verleumdungen nicht weiter aussetzen wollen, sagt er. Seine neue Miete sei vernünftig.

© SZ vom 13.02.2017/infu

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