Wohnen:Was ist das Schönste im Leben eines Hausmeisters?

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Nichts entgeht Bojen. Kein Paketbote kann unkommentiert ein Päckchen abgeben, kein Besuch betritt ungesehen das Haus, kein Bewohner kommt ungegrüßt davon. Und wehe dem, der seinen Müll auf den Bürgersteig schmeißt. Nicht einmal die Einbrecher wollen sich mit Ewald Bojen anlegen. Nur in den Heizungskeller sei in all den Jahrzehnten einmal eingebrochen worden, erinnert er sich.

Das Wohnhaus mit der Nummer eins ist irgendwann um 1900 gebaut worden. Entscheidend ist, dass Ewald Bojen dort immer schon gelebt hat, zumindest gefühlt für alle Mieter. Niemand wohnt länger dort als er, niemand kennt sich so gut aus wie er in allen Wohnungen, im Keller, im Hof, mit all den Umbauten und Sanierungen. Ewald Bojen weiß, wo noch die Überreste der Fliegerbombe von 1944 auf dem Speicher liegen und wann in der Küche im Hochparterre die Holzdielen aufquollen, weil die Wasserleitungen verstopft waren. Er weiß auch, welcher Mieter zu viel Dreck, aber nicht genug Essig in seinen Abfluss gekippt hat, welche Wohnung mit einem Fluch belegt ist, und wie die jugendlichen Bewohner, die nun wilde Partys feiern, aussahen, als sie noch Windeln trugen.

Ewald Bojen ist 1981 seiner Frau Edith, die vier Jahre zuvor als Hausmeisterin dort eingezogen war, in das Haus gefolgt. Sie bauten die Wohnung im vierten Stock aus, zuvor hatte sie als Trockenraum gedient. Beide waren sie im Vertrieb von Zeitungen beschäftigt. 30 Jahre lang hat Bojen nur Nachtschichten geschoben. "Die Hausmeisterei, das haben wir noch nebenbei gemacht", sagt er. Und seine Frau hat neben der eigenen Tochter auch noch die anderen Kinder im Haus mit großgezogen, hat sie durch die Straßen geschoben und zur Kita gebracht.

Mit der Eigentümerin waren er und seine Frau eng befreundet. Als sie starb, erbten ihre Kinder das Haus, die bis heute zu jenen besonderen Vermietern in München gehören, die die Mieten nicht ins Maximale hochtreiben und einen zuverlässigen Hausmeister nicht rausgentrifizieren, nur weil sie seine Wohnung mit mehr Gewinn vermieten könnten.

Das Schönste im Leben eines Hausmeisters? "Ordnung und Sicherheit", sagt Bojen, kneift sein linkes Auge zusammen. "Und die Hausgemeinschaft." Der Zusammenhalt sei zwar nicht mehr so wie früher, jaja, als noch viel öfter Kellerpartys und Hoffeste gefeiert wurden. Aber herzlich geht es immer noch zu im Haus Nummer eins. Die eine Nachbarin backt Kuchen für Bojen, die anderen gehen mit seinem Hund spazieren, kochen für ihn oder kaufen ein. Und von seiner Frau, die vor acht Jahren starb, schwärmen die langjährigen Mieter noch immer. Nur in einer Sache, da konnte sie richtig wütend werden: Wenn sich jemand über Kinder beschwerte. Diese Einstellung hat Ewald Bojen von ihr übernommen und bis heute beibehalten.

Kürzlich empörte sich ein junger Mieter beim Hausmeister über die Kinder, die morgens wie eine Elefantenherde durchs Treppenhaus trampeln und ihn dabei, je nach Laune, Lieder schmetternd oder brüllend aus seinem Schlaf reißen. Ewald Bojen hörte sich die Beschwerde des 40 Jahre jüngeren Mieters an und beendete das ganze Thema dann entschieden mit dem Hinweis: "Wir sind doch kein Altersheim!"

Wohnen in München
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In keiner anderen deutschen Stadt sind die Preise auf dem Wohnungsmarkt so expoldiert wie in München. Allein in den vergangenen zehn Jahren gab es einen Anstieg um etwa 40 Prozent.

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