bedeckt München 32°

"Walküre"-Premiere in München:Skandalöses Walkürengestampfe

Wie schon im "Rheingold" macht Kriegenburg Menschen zum Teil der Kulisse. Das überzeugt bei Lakaien auf Walhall, die den Göttern binnen Sekunden zu Thronen aus Fleisch erstarren. Doch wenn in Hundings Haus eine Schar junger Frauen als flexible Scheinwerferarmada fungiert, stört das eher, als dass es den Plot beleuchtet.

Walküre-Premiere in München

Gewaltige Götterwelten

Morbide ist all das, was Kriegenburg inszeniert: Die umwerfende wie unmögliche Liebe der Geschwister Siegmund und Sieglinde sprießt unter einer Esche, in deren Geäst Kadaver faulen; im Hintergrund bergen Rotkreuzschwestern leblose Körper und wuchten sie auf Bahren. Obergott Wotan lässt mit einem einzigen Blick Krieger zusammensacken, einige von ihnen kriechen noch viele Minuten über das Schlachtfeld. Die Walküren haben ihren Auftritt in einem Szenario, bei dem ein Dutzend toter Helden auf Stäben hängt. Überall herrscht Verwesung, die man fast riechen kann, als im zweiten Aufzug die Nebelschwaden in den ausverkauften Zuschauerraum wabern.

Zu Beginn des dritten Aufzugs dann liegt etwas anderes in der Luft: ein Skandal. Zumindest von der Warte hartgesonnener Traditional-Wagnerianer aus gesehen. Alles wartet auf den Walkürenritt, jene Takte, die wohl zu den bekanntesten des Komponisten gehören. Doch statt "Hojotoho" von Gerhilde kommt: Zischen. Noch mal. Und noch mal. Gut zwei Dutzend Frauen beginnen einen Formationstanz (oder vielmehr ein Formationsgewüte), wie man es in einer Wagner-Oper noch nicht gesehen haben dürfte.

Stampfend und schnaubend wirft das Fußvolk der Walküren die Köpfe hin und her, reckt die Arme, rennt hin und her. Zwischen den Stangen, von denen die Leiber hängen. Minutenlang dauert der ekstatische Furor - ganz ohne Musik, dafür mit mächtig Publikumsteilnahme. "Hallo" schallt es zunächst von den Rängen, dann "Aufhören!", "Buh", "Was soll das?", "Musik!".

Skandal liegt in der Luft

Sofort halten andere dagegen, sie klatschen, während auf der Bühne unbeirrt weiter das blutige Schlachtgetümmel getanzt wird. Im Halbdunkel der Intendantenloge wendet Hausherr Bachler sein Gesicht in den Raum: Er lächelt. Überall Gewisper: Solch Zappelei in einem Wagner-Werk, darf man das? Erste Besucher stehen empört auf.

Doch der Skandal bleibt aus. Die Musik beginnt, die Tänzerinnen rücken in den Hintergrund und die Walküren, acht dralle oder auf drall gemachte Rachegöttinnen, setzen den Furor musikalisch fort. Er mündet in Wotans Bestrafung der ungehorsamen Brünnhilde, der Abschied eines jähzornigen Vaters von seiner geliebten Tochter in Form der vielleicht schönsten Musik, die Richard Wagner je geschrieben hat.

Als die letzten Noten verklungen sind, brandet Applaus auf, Buhrufe bleiben weitgehend aus. Die Tanzeinlage scheint für einige, die zuerst irritiert waren, im Nachhinein doch stimmig gewesen zu sein. Das Publikum jubelt zumindest umso lauter, als Kriegenburg auf die Bühne kommt und sich verneigt.

Lesen Sie in der Printausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 13. 3. eine ausführliche Kritik zur Premiere von Die Walküre.

Walküre-Premiere in München

Gewaltige Götterwelten