Süddeutsche Zeitung

"Walküre"-Premiere in München:Verwesung, überall Verwesung

Morbide inszeniert Andreas Kriegenburg die "Walküre", die zweite Oper von Richard Wagners "Ring" im Münchner Nationaltheater. Die gewaltigen Götterwelten fesseln, die Sänger brillieren, das Publikum jubelt - bis der Auftakt zum Walkürenritt werktreue Wagnerianer lautstark schimpfen lässt. Denn Zappelei: Darf man das?

Oliver Das Gupta

Schwer und schmutzig hängt der Himmel über München an diesem Sonntag, aber Andreas Kriegenburg scheint trotzdem guter Dinge zu sein. Er steht vor dem Künstlereingang des Münchner Nationaltheaters, zieht an einer Zigarette und plauscht. Gelassen wirkt er, und das, obwohl in 20 Minuten die Walküre Premiere feiert - seine Walküre.

Kriegenburg inszeniert nun die zweite Oper des Rings, jener epischen Tetralogie von Richard Wagner. Teil eins, "Das Rheingold", wurde bejubelt und in der Presse gefeiert, vielleicht ist der Regisseur deshalb so entspannt. Vielleicht auch, weil er weiß, zu welchem Zeitpunkt sich Teile des werkkonservativen Publikums an seiner Inszenierung massiv stoßen werden.

Dabei dürften gerade Wagnerianer Kriegenburgs bisherige Arbeit am "Ring des Nibelungen" schätzen: Seine Götterwelten sind gewaltig, die Effekte wirkmächtig - kein Klamauk, wie er sich bei David Aldens Vorgänger-"Ring" fand. Stöckelte etwa 2002 die Münchner Brünnhilde noch mit lila Zylinder und Zigarettenspitze über die Bühne, wirbelt die Walküre Brünnhilde (Katarina Dalayman) nun, wie Wagner sie wohl auch gerne gesehen hätte: proper, mit wallender Mähne, mit Speer und Schwert bewehrt.

Dass Kriegenburgs Welten fesseln, liegt nicht zuletzt an der Gesamtleistung von Musikern und Sängern. Generalmusikdirektor Kent Nagano und das Bayerische Staatsorchester zeigen einmal mehr, in welcher Tradition sie stehen: Schließlich wurde die Walküre (wie auch "Das Rheingold" und die "Meistersinger") am selben Ort vom eben jenem Orchester uraufgeführt. Wagner übrigens schwänzte die Premiere 1870 - weil sein Gönner König Ludwig II. die Aufführung gegen seinen Willen befohlen hatte.

Heute lenkt Nikolaus Bachler die Geschicke des Opernhauses. Dem Staatsintendanten ist es wohl hauptsächlich zu verdanken, dass die Masse der Darsteller nicht nur brillant singt, sondern auch schauspielert. Hunding (Ain Anger) möchte man nicht im Dunklen begegnen, so überzeugend gibt er den sadistischen Gewaltmenschen. Siegmund (Klaus Florian Vogt) und Sieglinde (Anja Kampe) verkörpern und besingen ihr verzweifeltes Dasein so authentisch wie herzzerreißend. Sie ernten am Ende den größten Beifall.

Freude am blutigen Werk

Die Götter stehen ihnen an diesem Abend kaum nach: Mit glaubhafter Freude an ihrem blutigen Werk erscheint Brünnhilde und schmettert kräftig ins weite Rund. Mit der grenzenlosen Wut einer Betrogenen zwingt Fricka (Sophie Koch) ihren untreuen Gatten Wotan, den Tod seines Sohnes abzusegnen - sie ist eine phänomenale Giftspritze. Wotan selbst (Thomas J. Mayer) tobt und trauert auf eine Weise, die das emotionale Wrack im vermeintlich Allmächtigen bloßlegt.

Degenerierte Albinos sind sie in Kriegenburgs Ring alle, die vermeintlich "Ew'gen", deren Ende doch schon feststeht. Ihr flachsblondes Haar, ihre anämische Blässe und ihr neurotisches Gehabe lassen sie wirken, als seien sie einem Vampirfilm entsprungen - oder einem Musikvideo von Rammstein.

Skandalöses Walkürengestampfe

Wie schon im "Rheingold" macht Kriegenburg Menschen zum Teil der Kulisse. Das überzeugt bei Lakaien auf Walhall, die den Göttern binnen Sekunden zu Thronen aus Fleisch erstarren. Doch wenn in Hundings Haus eine Schar junger Frauen als flexible Scheinwerferarmada fungiert, stört das eher, als dass es den Plot beleuchtet.

Morbide ist all das, was Kriegenburg inszeniert: Die umwerfende wie unmögliche Liebe der Geschwister Siegmund und Sieglinde sprießt unter einer Esche, in deren Geäst Kadaver faulen; im Hintergrund bergen Rotkreuzschwestern leblose Körper und wuchten sie auf Bahren. Obergott Wotan lässt mit einem einzigen Blick Krieger zusammensacken, einige von ihnen kriechen noch viele Minuten über das Schlachtfeld. Die Walküren haben ihren Auftritt in einem Szenario, bei dem ein Dutzend toter Helden auf Stäben hängt. Überall herrscht Verwesung, die man fast riechen kann, als im zweiten Aufzug die Nebelschwaden in den ausverkauften Zuschauerraum wabern.

Zu Beginn des dritten Aufzugs dann liegt etwas anderes in der Luft: ein Skandal. Zumindest von der Warte hartgesonnener Traditional-Wagnerianer aus gesehen. Alles wartet auf den Walkürenritt, jene Takte, die wohl zu den bekanntesten des Komponisten gehören. Doch statt "Hojotoho" von Gerhilde kommt: Zischen. Noch mal. Und noch mal. Gut zwei Dutzend Frauen beginnen einen Formationstanz (oder vielmehr ein Formationsgewüte), wie man es in einer Wagner-Oper noch nicht gesehen haben dürfte.

Stampfend und schnaubend wirft das Fußvolk der Walküren die Köpfe hin und her, reckt die Arme, rennt hin und her. Zwischen den Stangen, von denen die Leiber hängen. Minutenlang dauert der ekstatische Furor - ganz ohne Musik, dafür mit mächtig Publikumsteilnahme. "Hallo" schallt es zunächst von den Rängen, dann "Aufhören!", "Buh", "Was soll das?", "Musik!".

Skandal liegt in der Luft

Sofort halten andere dagegen, sie klatschen, während auf der Bühne unbeirrt weiter das blutige Schlachtgetümmel getanzt wird. Im Halbdunkel der Intendantenloge wendet Hausherr Bachler sein Gesicht in den Raum: Er lächelt. Überall Gewisper: Solch Zappelei in einem Wagner-Werk, darf man das? Erste Besucher stehen empört auf.

Doch der Skandal bleibt aus. Die Musik beginnt, die Tänzerinnen rücken in den Hintergrund und die Walküren, acht dralle oder auf drall gemachte Rachegöttinnen, setzen den Furor musikalisch fort. Er mündet in Wotans Bestrafung der ungehorsamen Brünnhilde, der Abschied eines jähzornigen Vaters von seiner geliebten Tochter in Form der vielleicht schönsten Musik, die Richard Wagner je geschrieben hat.

Als die letzten Noten verklungen sind, brandet Applaus auf, Buhrufe bleiben weitgehend aus. Die Tanzeinlage scheint für einige, die zuerst irritiert waren, im Nachhinein doch stimmig gewesen zu sein. Das Publikum jubelt zumindest umso lauter, als Kriegenburg auf die Bühne kommt und sich verneigt.

Lesen Sie in der Printausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 13. 3. eine ausführliche Kritik zur Premiere von Die Walküre.

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