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"Walküre"-Premiere in München:Verwesung, überall Verwesung

Morbide inszeniert Andreas Kriegenburg die "Walküre", die zweite Oper von Richard Wagners "Ring" im Münchner Nationaltheater. Die gewaltigen Götterwelten fesseln, die Sänger brillieren, das Publikum jubelt - bis der Auftakt zum Walkürenritt werktreue Wagnerianer lautstark schimpfen lässt. Denn Zappelei: Darf man das?

Oliver Das Gupta

Schwer und schmutzig hängt der Himmel über München an diesem Sonntag, aber Andreas Kriegenburg scheint trotzdem guter Dinge zu sein. Er steht vor dem Künstlereingang des Münchner Nationaltheaters, zieht an einer Zigarette und plauscht. Gelassen wirkt er, und das, obwohl in 20 Minuten die Walküre Premiere feiert - seine Walküre.

Walküre 2012 Kriegenburg

Das Fußvolk der Walküren stampft und zischt in Andreas Kriegenburgs Inszenierung.

(Foto: Hösl/Bayerische Staatsoper)

Kriegenburg inszeniert nun die zweite Oper des Rings, jener epischen Tetralogie von Richard Wagner. Teil eins, "Das Rheingold", wurde bejubelt und in der Presse gefeiert, vielleicht ist der Regisseur deshalb so entspannt. Vielleicht auch, weil er weiß, zu welchem Zeitpunkt sich Teile des werkkonservativen Publikums an seiner Inszenierung massiv stoßen werden.

Dabei dürften gerade Wagnerianer Kriegenburgs bisherige Arbeit am "Ring des Nibelungen" schätzen: Seine Götterwelten sind gewaltig, die Effekte wirkmächtig - kein Klamauk, wie er sich bei David Aldens Vorgänger-"Ring" fand. Stöckelte etwa 2002 die Münchner Brünnhilde noch mit lila Zylinder und Zigarettenspitze über die Bühne, wirbelt die Walküre Brünnhilde (Katarina Dalayman) nun, wie Wagner sie wohl auch gerne gesehen hätte: proper, mit wallender Mähne, mit Speer und Schwert bewehrt.

Dass Kriegenburgs Welten fesseln, liegt nicht zuletzt an der Gesamtleistung von Musikern und Sängern. Generalmusikdirektor Kent Nagano und das Bayerische Staatsorchester zeigen einmal mehr, in welcher Tradition sie stehen: Schließlich wurde die Walküre (wie auch "Das Rheingold" und die "Meistersinger") am selben Ort vom eben jenem Orchester uraufgeführt. Wagner übrigens schwänzte die Premiere 1870 - weil sein Gönner König Ludwig II. die Aufführung gegen seinen Willen befohlen hatte.

Heute lenkt Nikolaus Bachler die Geschicke des Opernhauses. Dem Staatsintendanten ist es wohl hauptsächlich zu verdanken, dass die Masse der Darsteller nicht nur brillant singt, sondern auch schauspielert. Hunding (Ain Anger) möchte man nicht im Dunklen begegnen, so überzeugend gibt er den sadistischen Gewaltmenschen. Siegmund (Klaus Florian Vogt) und Sieglinde (Anja Kampe) verkörpern und besingen ihr verzweifeltes Dasein so authentisch wie herzzerreißend. Sie ernten am Ende den größten Beifall.

Freude am blutigen Werk

Die Götter stehen ihnen an diesem Abend kaum nach: Mit glaubhafter Freude an ihrem blutigen Werk erscheint Brünnhilde und schmettert kräftig ins weite Rund. Mit der grenzenlosen Wut einer Betrogenen zwingt Fricka (Sophie Koch) ihren untreuen Gatten Wotan, den Tod seines Sohnes abzusegnen - sie ist eine phänomenale Giftspritze. Wotan selbst (Thomas J. Mayer) tobt und trauert auf eine Weise, die das emotionale Wrack im vermeintlich Allmächtigen bloßlegt.

Degenerierte Albinos sind sie in Kriegenburgs Ring alle, die vermeintlich "Ew'gen", deren Ende doch schon feststeht. Ihr flachsblondes Haar, ihre anämische Blässe und ihr neurotisches Gehabe lassen sie wirken, als seien sie einem Vampirfilm entsprungen - oder einem Musikvideo von Rammstein.

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