Fotoausstellung von RTL 2 Armut an den Wänden, Sekt in den Gläsern

Die Bilder von Magdalena Possert sind nüchtern und beschönigen nicht. Aber sie nehmen den Menschen auch nicht die Würde.

(Foto: Catherina Hess)

Der TV-Sender RTL 2 hat mehrere Reality-Formate, die bedürftige Menschen zeigen. Bei den Dreharbeiten hat Magdalena Possert Porträtfotos gemacht, die nun in einer Ausstellung gezeigt werden.

Von Camilla Kohrs

Es klingt kurios: RTL 2 eröffnet eine Fotoausstellung über Menschen, die in Deutschland von Hartz IV leben. Die Porträtbilder sind entstanden während der Dreharbeiten zu den RTL-2-Reality-Formaten "Armes Deutschland" und "Hartz und herzlich". Mit diesen Sendungen polarisiert der Privatsender. Einige Medien und andere Kritiker werfen RTL 2 vor, aus den Lebenssituationen von Hartz IV- und Sozialhilfeempfängern eine Unterhaltungssendung zu machen. Die Menschen würden vorgeführt für die Quote. Der Sender nennt die Formate "Sozialdokumentationen", will damit Menschen sichtbar machen, die sonst von der Gesellschaft vergessen werden. Und man wolle eine gesellschaftliche Debatte über Armut anstoßen.

Die Bilder der Fotografin Magdalena Possert hängen verteilt in einem großen weißen Raum der Mohr-Villa im ehemaligen Arbeiterviertel Freimann. Auf dem hellem Parkettboden stehen Besucher, trinken Sekt, im hinteren Teil steht ein großer, schwarzer Flügel. An den Wänden: Armut. Zwei der Menschen, deren Gesichter in den Bilderrahmen zu sehen sind, sind die Jugendlichen Laura und Sarah. Sie leben mit 13 Geschwistern in einer heruntergekommenen Wohnung in Leipzig und wünschen sich, irgendwann einmal in den Urlaub fahren zu können. Auf der anderen Seite des Ausstellungsraums hängt Michael aus Mannheim, der täglich seine schwerkranke, bettlägrige Frau bekocht. Ein paar Bilder weiter Michaela aus Rostock, die sagt: "Bevor ich mir etwas kaufe, bekommen meine Kinder etwas."

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Es sind nüchterne Bilder, die nicht beschönigen, den Protagonisten aber auch nicht die Würde nehmen. Einige sitzen im Chaos vor unverputzten Wänden, andere in liebevoll eingerichteten Zimmern. Auf kleinen Tafeln kommen einige, wie Michaela, die zuerst etwas für ihre Kinder kauft, zu Wort. Neben anderen Bildern stehen Fakten über die Situation armer Menschen in Deutschland. Zum Beispiel: "Über die Hälfte der Familien, die Grundsicherung beziehen, kann genutzte Möbel nicht ersetzen." Quelle: Bertelsmannstiftung.

Seit drei Jahren strahlt RTL 2 die Sendungen aus, die unter dem Label "Trotz dem Leben" zusammengefasst sind, und erreicht damit Millionen Zuschauer. Das Konzept: Die Kamerateams reisen in Orte, in denen besonders viele Hartz IV- und Sozialhilfeempfänger wohnen, begleiten die Menschen über einige Monate und produzieren eineinhalbstündige Folgen. Die Sendungen sollen unverfälscht das widergeben, was passiert. Die Realität. Leise nennt der Geschäftsführer des Senders, Andreas Bartl, in seiner Ansprache, die Herangehensweise.

Natürlich, RTL 2 kann auch lauter, siehe Frauentausch. Doch auch die Formate von "Trotz dem Leben" sind nicht frei von Szenen, die die Zuschauer aufregen sollen. So sagt Christian aus Frankfurt innerhalb der ersten acht Minuten einer Folge von "Armes Deutschland" sechs Mal in die Kamera, dass Hartz IV besser sei als arbeiten. Seine schwangere Freundin wird beim Rauchen in Nahaufnahme gezeigt. An einem Drehort, der Eisenbahnsiedlung von Duisburg, fühlten sich die Anwohner nach der Ausstrahlung betrogen und schreiben einen offenen Brief an RTL 2: Gängige Klischees seien bedient und sie instrumentalisiert worden.

Die Sendungen haben eine Welle der Hilfsbereitschaft losgetreten

Doch die Sendungen können auch anders: An anderen Drehorten sind die Kamerateams auch nach der ersten Ausstrahlung noch willkommen. In den Benz-Baracken in Mannheim ist das Team in der aktuellen Staffel ein zweites Mal unterwegs. Besonders die Sendungen von "Armes Deutschland - Deine Kinder", die Kinder aus armen Familien porträtiert, sind deutlich zurückhaltender, das Problem der Kinderarmut wird mit Fakten belegt, der Alltag der Kinder mit vielen Facetten dargestellt. Und: Die Sendungen haben eine Welle der Hilfsbereitschaft losgetreten. Den Menschen werde Essen vorbeigebracht, Windeln für die Kinder. Auch die Zuschauerresonanz sei groß: Laut dem Sender sind zum Thema Kinderarmut unzähligen Mails eingegangen, von Menschen, die spenden wollten. Diese nimmt beispielsweise das Kinderhilfswerk entgegen und leitet sie an Betroffene weiter.

Die Sendungen sollen die Zuschauer polarisieren, aufregen, aber eben auch Mitgefühl hervorrufen. Den Zuschauer auf eine "emotionale Reise" schicken, heißt das bei RTL 2. Bei allen Überspitzungen, extremen Protagonisten und Unterhaltungselementen: Die Sendungen zeigen ein Teil der Realität, die für viele Menschen sonst nicht sichtbar sind. Gerade in einer Stadt wie München, in der Arm und Reich sich noch weniger begegnen als in anderen Orten, bleiben diese Menschen oft verborgen. Eine der Verantwortlichen für die Sendungen, Konstanze Beyer, sagt, die RTL- 2-Teams nehmen sich viel Zeit, um mit den Protagonisten warm zu werden. "Kaffee und Kippe", nennt sie das. Erst einmal sitzen und zuhören, ohne laufende Kamera. Viele der Protagonisten sagten dann: "Endlich hört uns jemand mal zu."

Die Ausstellung in der Mohr-Villa, Situlistraße 73, (Freimann) läuft noch bis zum 28. April, der Eintritt ist frei.

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