Viktualienmarkt Das Leben der Mia-san-mia-Münchner

Bar "Champunade" in München, 2015 Champagner-Kühler in der Bar "Schampunade" in der Prälat-Zistl-Straße am Münchner Viktualienmarkt.

(Foto: Florian Peljak)

Bei Fisch Witte am Viktualienmarkt sitzen an sonnigen Samstagen ein bis zwei Champagnerrunden, die eigentlich in eine "Typisch München"-Ausstellung gehören.

Glosse von Wolfgang Görl

Selbstverständlich ist es schön, beim Bummel über den Viktualienmarkt die majestätischen Kohl- und Kohlrabiköpfe zu bewundern oder die ersten Kirschen, die mit Gold aufgewogen werden, aber noch schöner ist die Beobachtung von Menschen. Der interessanteste Ort, abgesehen von der Freilichttheke am Liesl-Karlstadt-Brunnen, ist das Fisch-Witte-Bistro, wo an sonnigen Samstagen so ein bis zwei Champagnerrunden zu sehen sind, die das Stadtmuseum, wollte es seinem Bildungsauftrag gerecht werden, sofort in die Dauerausstellung "Typisch München" verpflanzen müsste.

Mehrheitlich sitzen hier Männer in den sogenannten besten Jahren, also 50 plus X, deren Teint so herrlich sommersonnenbraun ist, als wäre die Karibik ihr natürlicher Lebensraum, wenn nicht gar das Solarium. Die obligatorische Sonnenbrille steckt auf dem Grauhaar, vereinzelt baumeln lässige Goldkettchen am Hals, die dem Brustflaum, den das nachlässig geknöpfte Hawaiihemd den Blicken freigibt, eine festliche Note verleihen. Überhaupt strahlt die Erscheinung der Herren so viel Selbstbewusstsein aus, dass es kein Wunder wäre, würde sich der Rauch der Zigarren, die man hier pafft, über den Köpfen zum Schriftzug "Mia san mia" formen.

Kultur in München Giesing ist das bessere München
Lebensgefühl

Giesing ist das bessere München

Wäre Giesing von München unabhängig, es hätte das Zeug dazu, Kulturhauptstadt Europas zu werden. Nur zögern die Separatisten noch, sich zu erkennen zu geben - aus Angst davor, nach Bogenhausen ins Exil zu müssen.   Kolumne von Wolfgang Görl

Mei, das Leben in München ist hart, da darf man sich schon mal ein paar Austern und eine Flasche Schampus gönnen, vielleicht auch zwei oder drei, das Zeug verdunstet ja so schnell. Übrigens zieren auch Frauen die Runde, deutlich jünger zumeist, aber auch nicht mehr ganz jung, und begabt mit dem einschüchternden Charme der Mia-san-mia-Münchnerin, der Männer ohne Selbstvertrauen zu unterwürfigen Wichteln macht. Nicht ausgeschlossen, dass sogar das ebenfalls recht selbstbewusste Personal von Fisch Witte vor den Damen kuscht. Zudem erwecken die Frauen den Eindruck, als würden sie frivole Witze nicht nur dulden, sondern solche auch erzählen, wofür sie in genderpolitisch sensibleren Kreisen geteert und gefedert würden. Wie auch immer: Es herrscht beste Champagnerlaune, und die ganze fröhliche Runde ist ein prima Beleg für die These, dass anderswo Leben zwar möglich ist, aber das richtige Leben ausschließlich in München stattfindet.

Im Grunde weiß man so gut wie nichts über die Mia-san-mia-Münchner, doch das Klischee-Kino im Kopf spult automatisch seinen Film ab: Ihren SUV haben sie im Halteverbot geparkt, weil der Strafzettel ja nicht juckt, wenn man fünf Mietshäuser besitzt oder eine gefragte Anwaltskanzlei führt oder mit Schweinehälften en gros handelt. Sie haben Business-Seats beim FC Bayern in der Allianz Arena, nur einer geht zu Sechzig, das ist die verwegenste Extravaganz, die München zu bieten hat. Und sie sind immer gut drauf, sind immer "lustig und ventil", wie der famose Fredl Fesl zu sagen pflegt, und derart in sich ruhend, dass sie es nicht nötig haben, ihr Austerngelage auf Instagram zu präsentieren. Beneidenswert! Gerne wäre man selbst Mia-san-mia-Münchner, aber da fehlt's halt an allem: an einem Tisch bei Fisch Witte, einem Cityparkplatz im absoluten Halteverbot, einer Dauerkarte fürs Sonnenstudio und dem Konto in der Karibik. Immerhin bleibt einem der FC Bayern erspart.