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Lebensgefühl:Giesing ist das bessere München

"Zum Tony´s Stüberl" in Giesing

(Foto: Stephan Rumpf)

Wäre Giesing von München unabhängig, es hätte das Zeug dazu, Kulturhauptstadt Europas zu werden. Nur zögern die Separatisten noch, sich zu erkennen zu geben - aus Angst davor, nach Bogenhausen ins Exil zu müssen.

Als die Fußballer des TSV 1860 und ihre Fans den sensationellsten Aufstieg der Weltgeschichte feierten, ging der Triumphzug - übrigens der größte seit Cäsars Sieg über die Gallier - nicht etwa zum Marienplatz oder zu den Glückslöwen vor der Residenz, sondern er schlängelte sich vom Sechzgerstadion zum Vereinsgelände an der Grünwalder Straße, von wo aus die Feierlichkeiten auf ganz Giesing übergriffen, sodass das Viertel am nächsten Morgen leer getrunken war.

Die Siegesfeier blieb also eine interne Angelegenheit Giesings, und das nährt abermals den Verdacht, dass München und Giesing de facto zwei verschiedene Städte sind, die im 19. Jahrhundert zwangsvereinigt wurden, so wie man ja auch Altbaiern und Franken zwangsvereinigt hat, obwohl sie nicht zusammenpassen. Einen Unterschied gibt es aber doch: Während es gut ist, dass die Franken unter bayerischer Aufsicht stehen, was man jetzt wieder an dem aus Nürnberg stammenden Ministerpräsidenten sieht, hätte ein von München unabhängiges Giesing durchaus das Zeug, eines Tages als Kulturhauptstadt Europas zu fungieren.

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So viel man weiß, sind die Giesing-Separatisten, deren Dunkelziffer nach Polizeiangaben mindestens zwei bis drei beträgt, noch nicht so recht in Erscheinung getreten, möglicherweise aus Angst, wie der Katalane Puigdemont ins Exil zu müssen, etwa nach Pasing oder in ganz schlimmen Fällen nach Bogenhausen. Ohnehin würde es genügen, Giesing eine gewisse kulturelle Autonomie zuzugestehen, um das zu bewahren, was im übrigen München so gut wie ausgestorben ist:

Kneipen, die so altmodische Namen wie "Zum Tony's Stüberl" haben und in denen man nicht den innovativsten Modedrink ordern muss, um geduldet zu werden; kleine Handwerkerhäusl, die dem Verwertungsdruck von Investoren trotzen; eine Kneipe wie das Riffraff, in der seit mehr als einem Jahr unter großem Hallo regelmäßig Texte des widerborstigen bayerischen Dichters Oskar Maria Graf vorgelesen werden; lustige Abende, für die man sich nicht aufbrezeln muss wie zur Prinzenhochzeit, um Gnade beim Türsteher zu finden; und natürlich Menschen, vor denen man sich zu 1860 bekennen kann, ohne ausgelacht zu werden. Sagen wir's, wie es ist: Giesing ist das bessere München.

Offenbar haben das jetzt auch die Topleute im Rathaus bemerkt, denn das städtische Internetportal empfiehlt gerade eine Erkundungstour nach Giesing unter dem Titel "Ausflug ins Aufsteiger-Viertel". Das ist einerseits eine pfiffige Anspielung auf die Löwen, andererseits aber klingt es wie ein Drohung. Aufsteiger? Das sind doch die coolen Erfolgsmenschen, die in ein Arbeiterviertel ziehen, weil's dort so urig ist, und die dann erwarten, dass aus dem Stüberl ein Szeneclub mit Promifaktor und eigenem SUV-Parkplatz wird.

Und die Allercoolsten sagen, sie würden nie ins geschleckte, öde München ziehen, deshalb suchten sie jetzt ein Loft in Giesing. Die Altgiesinger können dann schauen, wo sie bleiben - vielleicht in einem polnischen Altersheim. Da beißt der Löwe keinen Faden ab: Es ist bereits viel zu viel kaputtveredelt worden in Ober- wie in Untergiesing. Da und dort sieht es schon aus wie in München.

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