SZ-Kolumne Zwischen Welten:Die Stimmen der Opfer

SZ-Kolumne Zwischen Welten: Emiliia Dieniezhna

Emiliia Dieniezhna

(Foto: Bernd Schifferdecker (Illustration))

Zwei Jahre Krieg in der Ukraine, das bedeutet für SZ-Kolumnistin Emiliia Dieniezhna den Verlust ihrer Hoffnung auf ein schnelles Ende des Krieges. Wie gut, dass sie Landsleute hat, die die Täter nicht davonkommen lassen wollen.

Von Emiliia Dieniezhna

Der zweite Jahrestag des russischen Angriffskriegs steht unmittelbar bevor, für mich als Ukrainerin ist es inzwischen wichtig, die Situation zu akzeptieren und damit zu leben. Dabei hilft mir der Mut und Widerstandswille meines Volkes. Ich denke an die Menschen, die trotz aller Brutalität dieses Krieges nicht nur Mensch bleiben, sondern auch noch neue Ideen haben und Lösungen finden, um Land und Leute zu unterstützen. Solche Menschen opfern oft ihr Privatleben, ihre seelische und körperliche Gesundheit, ihren Schlaf und ganz oft auch ihre berufliche Karriere im Dienst der Gerechtigkeit.

Ein prominentes Beispiel für diese Arbeit ist die "Ukraine 5 AM Coalition", die nun mit dem ifa-Preis in Berlin ausgezeichnet worden ist. Vergeben wird der Preis vom Institut für Auslandsbeziehungen, kurz ifa. Die Ukraine 5 AM Coalition ist ein Bündnis ukrainischer Nichtregierungsorganisationen und Experten, die Kriegsverbrechen dokumentieren. Insgesamt sind etwa 40 Organisationen und Experten in diesem Bündnis vereint. Die Auszeichnung unterstreicht den Wert der Arbeit dieses Zusammenschlusses. Sie zeigt, wie wichtig das zivilgesellschaftliche Engagement im Angriffskrieg gegen die Ukraine ist. Ich hatte die ehrenvolle Aufgabe, bei der Organisation der Preisverleihung zu helfen.

Die Mission dieser Koalition ist kein einfacher Job. Die Menschenrechtler versuchen, die Opfer der Angriffe zu schützen und die Täter der Kriegsverbrechen in der Ukraine vor Gericht zu stellen. Sie machen diesen Job, weil sie möchten, dass die Stimmen der Opfer russischer Kriegsverbrechen in der Welt gehört werden.

SZ-Kolumne Zwischen Welten: Onysiia Syniuk nahm den Preis für das NGO-Bündnis "Ukraine 5 AM Coalition" in Berlin entgegen.

Onysiia Syniuk nahm den Preis für das NGO-Bündnis "Ukraine 5 AM Coalition" in Berlin entgegen.

(Foto: Peter Adamik / oh/www.peteradamik.de)

Analytikerin Onysiia Syniuk, die den Preis im Namen der Koalition entgegengenommen hat, ist noch sehr jung, aber bereits eine erfahrene Menschenrechtlerin. In ihrer Rede hat sie über den Einfluss des Krieges auf die ukrainische Kultur und ukrainische Künstler gesprochen. Wissenschaftlerinnen, Lehrer, Künstlerinnen waren und sind aufgerufen, ihre Arbeitsplätze zu verlassen, um in den Schützengraben zu ziehen. Forschung, Schulklasse, Konzerte - das alles sollten sie ruhen lassen, damit das alles nach dem Krieg in der Ukraine weiter möglich sein kann.

So hatte der weltberühmte Sänger und Solist an der Pariser Oper, Vasyl Slipak, schon 2016 entschieden, die Ukraine im Donbass zu verteidigen. Er starb an der Front. Oder die Direktorin des landeskundlichen Museums in Kupjansk - sie ist an ihrem Arbeitsplatz gestorben, während das Museum beschossen wurde.

Onysiia Syniuks Rede handelte dennoch nicht von der Hoffnungslosigkeit, die einen angesichts dieser Tragödien überfallen mag, sondern vom Engagement, für die Opfer wenigstens Gerechtigkeit zu erreichen. Sie sagte, dass es ihr nicht nur wichtig sei zu gewinnen, sondern auch dem Grauen in der Zukunft vorzubeugen. Die Losung ist nur zu logisch: Wer Bestrafungen vermeidet, befördere neue Verbrechen.

Fast zwei Jahre nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine und fast zehn Jahre nach dem Beginn des Angriffs in Donbass ist der Krieg für viele außerhalb der Grenzen meines Landes zu einer gewissen Routine geworden. Umso wichtiger ist es, die Stimmen der Opfer nicht zu verlieren. Gut, dass es Menschen wie Onysiia Syniuk gibt, die diese Stimmen sammeln und verbreiten.

Dies ist die letzte Kolumne "Zwischen Welten" im wöchentlichen Rhythmus. Künftig wird unsere ukrainische Autorin Landsleute treffen und darüber schreiben, wie diese sich ein Leben in München aufbauen.

Emiliia Dieniezhna, 35, flüchtete mit ihrer damals vierjährigen Tochter Ewa aus Kiew nach Pullach bei München. Sie arbeitet ehrenamtlich für die Nicht-Regierungs-Organisation NAKO, deren Ziel es ist, Korruption in der Ukraine zu bekämpfen. Außerdem unterrichtet sie ukrainische Flüchtlingskinder in Deutsch. Für die SZ schreibt sie einmal wöchentlich eine Kolumne über ihren Blick von München aus auf die Ereignisse in ihrer Heimat.

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