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Uhrmacherhäusl:"Aufgeben ist keine Alternative"

Gesicherte Überreste eines illegal abgrissenen Baudenkmals in München, 2018

So sieht es aktuell dort aus, wo im vergangenen Jahr noch das Uhrmacherhäusl stand.

(Foto: Catherina Hess)
  • Vor einem Jahr ist das Uhrmacherhäusl illegal abgerissen worden.
  • Die Stadt will, dass es wieder originalgetreu aufgebaut wird. Der Eigentümer klagt dagegen.
  • Eine Bürgerinitiative will am 1. September an die Vorkommnisse in Obergiesing erinnern.

Es war nur ein kleines Haus an der Oberen Grasstraße 1 in Obergiesing. Doch als es vor genau einem Jahr illegal abgerissen wurde, da löste das Schockwellen aus, die in der ganzen Stadt zu spüren waren. Es folgte ein Aufschrei wütender Bürger und empörter Politiker angesichts der offenbar grenzenlosen Dreistigkeit eines Grundstückseigentümers, den auch der Denkmalschutz nicht davon abhielt, das sogenannte Uhrmacherhäusl von bezahlten Helfern plattmachen zu lassen. Ein Vorwurf, den der Eigentümer bis heute von sich weist. Er befindet sich wegen drohender Strafzahlungen und Auflagen zum Wiederaufbau des Anwesens im Rechtsstreit mit der Stadt - wobei der Ausgang noch immer offen ist.

An die unseligen Vorkommnisse von damals will die Bürgerinitiative "Heimat Giesing - gemeinsam fürs Uhrmacherhäusl" jedenfalls an diesem Samstag, 1. September, erinnern. Das Programm zum ersten Jahrestag beginnt um 16 Uhr mit einem kurzen "akustischen Abriss" des Geschehens: Evi Keglmaier (Bratsche, Gesang) und Alex Haas (Bass, Banjo), bekannt von der Band Die Hochzeitskapelle, bieten den Zuhörern einen handfesten "Skandal in Giesing". Es folgt eine Straßentheater-Aufführung vor der Kulisse eines Kerkers - in dem am Ende vermutlich der Immobilienhai landen soll. Geschrieben hat das Stück der bekannte Dokumentarfilmer Klaus Bichlmeier.

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Anschließend folgen Vorträge von Norbert Ott und Christian Hierneis, in denen sie sich unter anderem mit Denkmalschutz und Stadtentwicklung, dem wachsenden Einfluss von Investoren auf die Politik, mit Erhalt beziehungsweise Zerstörung von Sozialstrukturen zugunsten der Profitgier Einzelner befassen.

Eine, die das gewaltsame Ende des Uhrmacherhäusls aus nächster Nähe miterlebt hat, ist Angelika Luible. Anfangs habe sie selbst nicht gewusst, wie sie darauf reagieren sollte. Doch nachdem Anwohner wie Monika Maier, Clemens Meyer oder Barbara Kress mit Protestaktionen angefangen hatten, entschloss sie sich, mitzumachen. Seitdem versucht Angelika Luible im Kreis von Heimat Giesing die Erinnerung an den aus ihrer Sicht kriminellen Akt wachzuhalten. Dazu gehören beispielsweise die monatlich stattfindenden Mahnwachen vor dem Grundstück. "Ob sich's lohnt, wird man erst noch sehen", sagt Luible.

Jetzt gehe es darum, ein Bewusstsein für den Denkmalschutz sowie den Erhalt sozialer Strukturen zu schaffen. Eines hätten die Aktionen schon bewirkt - die Nachbarschaft sei zusammengerückt. Und andere wolle man, so Luible, dazu bringen, sich Fragen zu stellen: Kann man so etwas wie den Abriss des Hauses einfach hinnehmen? Was muss man sich gefallen lassen? Was ist uns der Denkmalschutz und der Erhalt alter städtebaulicher Strukturen wert? Allgemeiner gesprochen geht es Luible darum, eine Sensibilisierung der Menschen für Lebensqualität zu erreichen.

Der Prozess kann noch lange dauern

In diesem Kampf werden Luible und ihre Mitstreiter, so zumindest ihre Einschätzung, von den Politikern durchaus wahrgenommen. Immer wieder lasse sich ein Volksvertreter in Giesing sehen und äußere Verständnis für die Anliegen der Bürgerinitiative. Angelika Luible empfand das Vorgehen des Grundstückseigentümers als persönlichen Angriff, als "Schlag ins Gesicht - so jemanden sollte man nicht ungestraft davonkommen lassen".

Ob es dazu kommt, darüber haben demnächst Juristen zu entscheiden. Denn nach dem illegalen Abriss des Uhrmacherhäusls hatte die Stadt eine Verfügung zur Wiederherstellung des Anwesens - in der ursprünglichen Größe - erlassen. Dagegen hat der Eigentümer jedoch Widerspruch eingelegt. Mit einer schnellen Entscheidung des Verwaltungsgerichts München ist allerdings nicht zu rechnen. Ein Termin zur mündlichen Verhandlung, so die Auskunft von Pressesprecher Martin Friedrich, werde in diesem Jahr voraussichtlich nicht mehr anberaumt.

Die Abrisstelle Anfang September 2017.

(Foto: Robert Haas)

Wobei auch die Polizei ihre Arbeit an dem Fall noch nicht abgeschlossen hat. Laut Florian Weinzierl, dem stellvertretenden Pressesprecher bei der zuständigen Staatsanwaltschaft München I, rechnet seine Behörde frühestens Ende September mit den polizeilichen Ermittlungsergebnissen. "Wir beleuchten den ganzen Sachverhalt." Das heißt, die Staatsanwaltschaft prüft, ob und - falls ja -, welche Rechtsnormen verletzt wurden.

Ein juristisch komplexer Fall

Insbesondere interessiert natürlich die Frage, ob strafbares Verhalten des Grundeigentümers oder anderer Beteiligter nachweisbar ist. Falls nicht, würde zwar ein Strafverfahren eingestellt, der Abriss aber als Ordnungswidrigkeit weiterverfolgt. "Die Zeugenvernehmungen sind im Wesentlichen abgeschlossen", erklärt Weinzierl weiter. Die "Überprüfung der Finanzflüsse", unter Umständen ein maßgeblicher Punkt im Verfahren, stehe aber noch an. Versteht man Weinzierl richtig, darf man den Fall als juristisch sehr komplex einstufen.

Eine Prognose über den Ausgang des Verfahrens verbietet sich somit. Dessen ist sich Angelika Luible bewusst. Doch egal, wie der Richterspruch ausfällt, ihr Engagement für ein lebenswertes Giesing soll darunter nicht leiden: "Aufgeben ist auch keine Alternative."

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