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Typisch deutsch:Der unnachahmliche Putzfimmel der Münchner

Max-Planck-Gymnasium in München bereitet Teilöffnung nach Corona-Zwangspause vor, 2020

Ein Putzwagen in einem Gang für die tägliche Reinigung in einem Münchner Gymnasium (Symbolfoto).

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Körperhygiene und Sauberkeit in der Wohnung ist Teil der Erziehung nigerianischer Familien und Schulen. In München lernt man die Steigerung kennen.

Kolumne von Olaleye Akintola

Leere Flaschen, Pizzakartons mit Krümeln, alte Dosen in offenen Mülleimern, die bereits verrotten und verirrte Mäuse einladen. Ein ganz normaler Hinterhof in einer ganz normalen Stadt. Außer in München, der Stadt der Blitzsaubermänner und -frauen. Ob in den frühen Morgenstunden oder spät in der Nacht, die Reinigungskräfte sind wie eifrige Männer in Uniform im Einsatz. Keine Polizisten, sondern Zivilisten mit Wischstöcken und Kehrmaschinen, die gefühlt 24 Stunden lang daran arbeiten, die Stadt sauber zu halten.

Am Hauptbahnhof sieht man sie teilweise mitten in der Nacht schrubben und bürsten. Einmal musste ich bis früh Morgens warten, um einen Zug zu erreichen. Da fiel eine Armee an Reinigungskräften mit einer Armada an Putzgeräten ein. Eines der Geräte glich einem Bulldozer, der den Schmutz am Boden mit Wasser und Seife vernichtete: Ich konnte fast mein Gesicht auf dem Boden sehen, so blank war er nun. Es ist wie eine ununterbrochene Kette im Streben nach Perfektion.

Reinlichkeit ist seit ich denken kann ein wichtiger Begleiter. Körperhygiene und Sauberkeit in der Wohnung ist Teil der Erziehung nigerianischer Familien und Schulen. In München ist der Putzfimmel aber besonders spektakulär ausgeprägt. Wenn man in den Supermarkt kommt, gibt es stets ein riesiges Fach, das Sanitärartikeln gewidmet ist. Dort stapeln sich spezielle Lösungen, um Glas zu reinigen, Putzmittel für Möbel. Ein Spray für die Kloschüssel, eines fürs Waschbecken, eines für Fliesen. Die Regale für den Putzfimmel nehmen im Laden so viel Raum ein, dass sie mich stets an die Staubflusen in meiner Wohnung erinnern und zu Investitionen bewegen.

Dem Putzfimmel der Münchner kann man sich nur schwer entziehen. Das hat den Nachteil, dass man mehr Geld ausgibt. Es schafft aber auch Arbeitsplätze. Allein in München kann man die Reinigungsfirmen nicht mehr zählen. Manche haben sich spezialisiert, etwa auf Teppiche oder Krawatten. Andere sind Experten für Toiletten. Es gibt regelrechte Klopolizisten; sie kontrollieren gar, ob ein Gast gespült hat und nehmen ihm diese Arbeit im Zweifel ab.

Die allgegenwärtige Präsenz von Reinigungskräften in München hat mein Gewissen angestachelt, darauf zu achten, dass ich Abfälle akribisch in Behälter werfe und Böden nicht vermülle. Meistens gelingt mir das relativ gut. Ausgenommen mit den Pizzakartons in meiner Küche.

Übersetzung aus dem Englischen: Korbinian Eisenberger

© SZ vom 12.02.2021/koei
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