bedeckt München

Typisch deutsch:Abschied vom Müllbehälter für alles

Biomüll in München, 2018

Eine Münchner Mülltonne, in der Biomüll mit Plastikabfall vermischt ist.

(Foto: Stephan Rumpf)

Recycling? Geschenkt. Erst ein Erlebnis an der Biotonne in ihrer neuen Nachbarschaft brachte unsere Autorin zum Umdenken. Über eine schwierige Trennung.

Kolumne von Lillian Ikulumet

Lange Zeit habe ich Mülltrennung nicht ernst genommen. Ich begnügte mich mit der Annahme: Eine Trennungsverweigerin allein wird der Erde keinen Schaden zufügen. Zumal ich in meiner engen Wohnung wenig Platz für die einzelnen Behälter gehabt hätte. Also alles in einen. In meiner ehemaligen Nachbarschaft im Münchner Norden war ich damit in guter Gesellschaft. Mülltrennung war dort kein großes Thema. Bio-Müll, Kunststoff, Alu - alles wurde vermischt. Meiner Motivation zur Mülltrennung hat das sicherlich nicht geholfen.

In meiner neuen Nachbarschaft im Münchner Westen stehen die Entsorgungsbehälter im Freien. Man kann den Menschen dabei zusehen, wie sie ihren Müll entsorgen. Vor allem aber können einem die anderen dabei zusehen, was man selbst wo hinein wirft. Auf Fehler wird man höflich aber deutlich hingewiesen. Und ich dachte noch, wie vorbildlich ich mich verhalte. Ich hatte den Biomüll in einer Plastiktüte gesammelt und war gerade dabei, die Tüte in die braune Biotonne zu werfen. Da ging das Fenster meines Nachbarn auf. Seine Kritik: Kein Plastik in den Biomüll. Das ergab Sinn. Ich fühlte mich ertappt wie ein kleines Kind.

Kindheit. Vielleicht hat es genau damit zu tun, dass ich ein schwerer Fall bin. Recycling war kein Begriff, den ich oft gehört habe, weder in der Schule noch sonst wo. In meinem Heimatland Uganda ist Mülltrennung kein Faktor wie etwa in München. Es kommt alles in einen Behälter. Für die Menschen dort ist das normal, es ist gar nicht Teil der Gedanken, dies zu hinterfragen. Nach meinem beschämenden Erlebnis an der Biotonne war aber nun klar: Ich muss mich umstellen.

Es ist schon bemerkenswert, wie das Umfeld unser Verhalten beeinflusst. Dass die Menschen, die um uns herum leben, sich von uns unterscheiden und ihr Verhalten uns dazu bringt, das Gleiche wie sie tun zu wollen. Das ist ein Zeichen, dass wir soziale Wesen sind, aber auch sehr angepasst. Fast alles, was uns als Individuen beeinflusst und formt, kommt aus der uns umgebenden Gesellschaft. In diesem Fall war es etwas Gutes.

Und doch bleibt die Umweltverschmutzung ein globales Problem. Es bräuchte ein weltweites Gesetz, dass die Abfalltrennungskultur in sämtlichen Schulen dieser Erde Pflichtfach wird. Wie viele von uns werden die Trigonometrie Sinus und Cosinus aus der Mathematik je wieder in ihrem Leben brauchen? Also warum wird in der Schule nicht gelehrt, wie man richtig recycelt? In der kurzen Zeit, in der ich in meiner neuen Nachbarschaft Müll trenne, kann ich mir bereits vorstellen, eine Prüfung darüber zu schreiben - und eine hohe Punktzahl zu erzielen.

© SZ vom 22.01.2021/koei
Zur SZ-Startseite
A bowl of vegetable stew and a bunch of fresh herbs on a table PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY

Typisch deutsch
:Wie der Eintopf das Leben erleichtert

Unsere Autorin hat früher immer unkomplizierte Gerichte gekocht. Fischstäbchen mit Rahmspinat etwa. Doch dann kam Corona - und sie entdeckte eine Perle der deutschen Hausmannskost.

Kolumne von Lillian Ikulumet

Lesen Sie mehr zum Thema