Werksviertel München hat jetzt Rooftop-Schafe

Auf ein begrüntes Dach am Ostbahnhof ist eine Herde Skudden gezogen. Sie wurden begrüßt wie Filmstars.

Von Isabel Bernstein

Diese Szenen kennen normalerweise berühmte Hollywood-Schauspieler bei Filmpremieren: An den Absperrungen drängen sich Fans, die Smartphones sind gezückt, einige klettern auf Geländer, um auf ihre Stars einen besseren Blick zu haben. Aufgeregtes Getuschel ("Hast du die Franzi angerufen, dass sie hochkommen soll?" - "Wann kommt die denn?"), im Hintergrund wartet ein Pfarrer mit zwei Ministranten und brennendem Weihrauch. Er soll die so sehnsüchtig erwarteten Idole später segnen.

Dann endlich: Die Tür öffnet sich, und eine Herde Schafe stakst auf dem eigens für sie ausgerollten grünen Gras-Teppich aus dem Aufzug. Die Wartenden sind entzückt: "Ooooh!" - "Oh mei, das Kleine!" - "Ach, wie süß!" Der Ministrant mit dem brennenden Weihrauch versucht, auf die Schnelle ein Foto der fünf erwachsenen Tiere und der zwei Lämmer zu schießen.

Schafe ziehen auf Dach im Werksviertel

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Das Werksviertel am Münchner Ostbahnhof hat eine neue Attraktion: Fünf Ostpreußische Skudden und zwei Lämmer sind am Montag auf Münchens höchstgelegene Alm gezogen. Skudden gehören zu den ältesten Hausschafrassen und sind vom Aussterben bedroht.

Es ist ein ungewöhnliches Projekt, das Pfanni-Erbe Werner Eckart Ende 2013 ins Leben gerufen hat. Das Dach des Werks 3 wollte er so umgebaut haben, dass dort Regenwasser versickern kann. Dann kam eins zum anderen: Wenn schon Gras wächst, könnte man dort oben doch auch Schafe halten. Die bräuchten aber einen Stall - schwupps war eine Almhütte mit in der Planung. Und schließlich der Birnbaum, der dem Hausherrn so gut gefiel. . .

"Keiner hat ihn damals ernstgenommen", erinnert sich Landschaftsarchitektin Stefanie Jühling, die mit ihrem Büro Jühling & Partner das begrünte Dach für Werner Eckart gestaltet. Einen halben Meter Substrat ließ sie auftragen für diese Pläne. 150 Liter Wasser kann der Boden nun pro Kubikmeter aufnehmen.

Vier Jahre später stehen Almhütte, Wassertränken und Obstbäume auf dem Dach, das Werk 3 ist als landwirtschaftlicher Betrieb eingetragen, und auch das Veterinäramt hat sein Einverständnis zur Schafzucht gegeben. Die Tage vor dem Almauftrieb mussten die Schafe in Quarantäne gehalten werden, damit sie keine Krankheiten mit auf die Weide tragen. Dafür wurde im Zündapp-Werk eigens ein kleiner Stall gebaut. Selbst ein Schäfer ist engagiert worden: Nikolas Fricke züchtet selbst am Starnberger See die seltenen Walliser Schwarznasen-Schafe, hat kürzlich erst seine Promotion zum Agrarwissenschaftler abgegeben und soll sich nun um das gesamte Thema Nachhaltigkeit im Werksviertel kümmern.

Irritiert von zwei Plastikschafen

Der 35-Jährige merkt gleich zu Beginn des Almauftriebs, dass seine Tiere nervös sind. Vorsichtig nimmt Fricke am Ende des grünen Teppichs eines der zwei schwarzen Lämmer auf den Arm, er will, dass die erwachsenen Schafe auf der Wiese hinter ihm direkt zur Almhütte herlaufen. Doch die Tiere sind irritiert, sie springen aufgescheucht hin und her: zu viele Schaulustige, zu ungewohnte Umgebung.

Und dann noch diese seltsamen Mitbewohner: Gleich am Eingang der Weide stehen zwei Deko-Plastikschafe, die erst einmal beschnüffelt werden - und schließlich umgerannt, bevor es am Maibaum mit der wehenden München-Fahne vorbei in den hinteren Teil der Almhütte geht. Hier im Stall sollen sich die Schafe in den ersten Tagen einleben, erst dann dürfen sie heraus und über den Dächern Münchens grasen.

Die Skudden dürften nicht die letzten Tiere im Werksviertel bleiben. Nächstes Jahr sollen Bienenstöcke und Hühner ebenfalls auf das Dach von Werk 3 ziehen, und es wird wohl noch weitere Lämmer geben. Weil die Rasse vom Aussterben bedroht ist, will das Werksviertel auf der Alm eine Erhaltungszucht betreiben. Für den Bock bedeutet das Freud und Leid zugleich: Seine Dienste sind zwar gefragt, danach wird er aber durch einen Neuen ausgetauscht. In der kleinen Herde soll so Inzucht vermieden werden.

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