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Werksviertel:Münchens Ort für junge Kreative

"Container Collective" im Werksviertel in München, 2017

Die Schiffscontainer können auch nur für einen Tag gemietet werden.

(Foto: Stephan Rumpf)

Start-ups, Tabledance-Bars und Graffiti: Im Werksviertel hinter dem Ostbahnhof entwickelt sich ein spannendes Stadtviertel. Ein Rundgang.

Nein, Münchens Denker der Zukunft erwartet man hier wirklich nicht. Nicht in diesem alten Gebäude zwischen Kartoffelgleis, Kraftwerkgasse und Püreelinie, an dem die Farbe abblättert, Betonträger aus der Mauer ragen und Kabelstränge außen an der Wand entlang verlaufen. Vor Kurzem erst hat im Erdgeschoss ein Tabledance-Laden dicht gemacht, im Gegensatz zum "Willenlos", das immer noch jeden Abend das Feierpublikum ins Werksviertel am Ostbahnhof zieht. Auf der Rückseite ist ein Haus abgerissen worden, ein Teil einer Mauer steht noch, wie auf so vielen Wänden prangen Graffiti darauf. Manchmal dröhnt aus den Bandräumen im Nachbargebäude Heavy-Metal-Musik herüber.

Doch der Schein trügt: Hinter den Mauern dieses Gebäudes, das so einen heruntergekommenen Eindruck macht, arbeiten 35 Start-ups an der digitalen Zukunft. Das Werk 1 ist das Gründerzentrum im Werksviertel, einem der aufstrebendsten Quartiere in München. Hier soll der "Erfindergeist leben", so haben es der Pfanni-Erbe Werner Eckart und seine Mitarbeiter, die fast schon verehrend über ihn sprechen, in ihrem Masterplan formuliert. Unternehmen arbeiten an Buchungssystemen für Tourenanbieter, Apps für Kindergärten oder Waschmaschinen, Carsharing mit Wasserstoffautos oder an smarten Systemen, und selbst große Unternehmen wie die Munich Re oder die Versicherungskammer Bayern haben Innovation-Labs ins Werksviertel ausgelagert.

Zu den Jungunternehmern im Werk 1 zählen Eugen Pflüger und Nikolaj Klebert. Sie entwickeln mit ihrer Firma "Parce" seit zweieinhalb Jahren einen Zwischenstecker für die Steckdose, über den Geräte im Haushalt mit Smartphone gesteuert werden können. Warum sie sich im Werksviertel angesiedelt haben? "Du kannst an jeder Tür klopfen", sagt Eugen Pflüger. "Wir haben eine Menge von den Leuten hier profitiert, ich hoffe, sie profitieren auch etwas von uns." Denn letztlich seien die Anfangsprobleme bei vielen Neugründern ähnlich.

Werksviertel

"Wir wollen, dass sich etwas reibt"

Die Türen der oft spartanisch eingerichteten Büros sind aus Glas, viele stehen offen. Wer vorbeigeht, dem wird freundlich zugewunken. Man kennt sich, man duzt sich. Die Gründer treffen sich in den gemeinschaftlichen Kaffeeküchen oder sie spielen im Eventspace eine Runde Tischtennis. Alle zwei Wochen findet ein kostenloses Gründer-Frühstück statt, und abends wird hier schon einmal die Konsole herausgeholt und gemeinsam gezockt. Studentenwohnheimflair statt Konkurrenzkampf, Kreativität statt Hamsterrad. "Man kann hier gut atmen", sagt Eugen Pflüger.

Das und die vergleichsweise günstigen Mieten - für ein Zwei-Personen-Büro zahlt man inklusive Internet, Strom und allen weiteren Nebenkosten etwa 350 Euro - haben sich herumgesprochen: "Wir haben jede Woche Anfragen von drei bis fünf Firmen", sagt Florian Bergmann. Er ist Chief Operating Officer, also so etwas wie der Manager des Werks. Vielen Interessenten muss er absagen, auch wenn einige Büros leer stehen. Die Start-ups sollen die Möglichkeit haben, sich im Werk 1 zu entwickeln, und dazu gehört, dass Gründer ohne lange Kündigungsfristen in ein anderes Büro ziehen dürfen, wenn das Geschäft mal nicht läuft oder die Aufträge hereindrücken. "Da habe ich Lehrgeld gezahlt", sagt Bergmann. Einmal musste eine junge Firma ausziehen, weil sie nicht wachsen konnte. "Die hätte ich gerne drin gehalten."

Doch es gibt bereits Pläne, das Gründerzentrum zu erweitern. Und nicht nur das Werk 1 wird sich in den nächsten Jahren verändern. Überall im Viertel wird gehämmert, gebaut, mit Bauzäunen abgetrennt, weisen riesige Tafeln auf die neuen Werke hin, die gerade entstehen. Wo im Pfanni-Werk früher Kartoffelknödel hergestellt wurden, werden nun Künstler in Ateliers kreativ, gehen junge Eltern Kindersachen shoppen, grasen bald Schafe auf dem Dach. Schafe? Ja, auch solche Ideen finden im Werksviertel ihren Platz.

Was gestern war, kann heute schon anders sein und schon bald wieder der Vergangenheit angehören. "Wir wollen, dass sich etwas reibt", sagt Markus Wiegand, Sprecher der Firma Otec, die Eigentümerin des Geländes ist. Denn Kontrast erzeuge Kreativität. Street-Art-Künstler Loomit darf sich im Viertel legal austoben, seine Graffiti verzieren unter anderem die Schiffscontainer, die seit Jahresbeginn an der Friedenstraße stehen. Auf den ersten Blick will dieses Ensemble so gar nicht in das Bild eines aufstrebenden Viertels passen.

Ort für Experimente - auf Zeit

Tut es aber. Auch die Container sollen jungen Menschen mit Ideen die Möglichkeit zum Experimentieren im kleinen Rahmen geben, bevor sie in ein paar Jahren dem letzten Neubau im Werksviertel werden weichen müssen.

Marinus Schuster ist einer von denen, die hier seit zwei Monaten ein Experiment eingehen: zusätzlich zum Online-Handel einen Laden in der realen Welt betreiben. Eine kleine Skater-Rampe hat er in seinem "Templeton Outerwear" schon eingerichtet, sie nimmt die Hälfte des Containers ein. Jeden Mittwoch treffen sich Skater, teils standen sie schon zu fünfzehnt in dem doch recht überschaubaren Container zusammen. Schuster träumt von einem Skater-Contest, er würde gern Bier ausschenken, "bisschen Leute für Events anlocken", jetzt, da an heißen Tagen ohnehin schon viele Menschen in die Bar of Bel Air am Eingang des Container Collectives strömen. Doch die Alternativität hat ihre Grenzen dort, wo Bürokratie beginnt. Und so lässt die Ausschank-Lizenz auf sich warten.

Stefan Pistauer ist zufrieden, wie sein Experiment läuft. Er hat sich mit seiner Veloterie vor drei Monaten am Knödelplatz gegenüber dem orange gestrichenen Werk 3 eingemietet und möbelt alte Rennräder aus Frankreich auf. Auch er hatte seine Bikes bisher nur im Internet angeboten. Einige Räder sind mit einem Haken an einer Holzleiste befestigt, andere stehen im Freien - zu wenig Platz im Container, und zu viel Arbeit. Er komme nicht dazu, sich schön einzurichten, "da blutet mir das Herz", sagt der studierte Innenarchitekt. Alle zwei bis drei Monate fährt Pistauer nach Frankreich und holt bei Händlern an die 60 Räder ab, die Nachfrage ist groß. Inzwischen hilft ihm ein Zweiradmechaniker, die Räder zu reparieren. Der Kontakt kam werksvierteltypisch zustande: durch einen Ratsch mit dem Container-Nachbarn.

Ein paar Meter weiter hofft Alex Frek von Freak Fashion Agency darauf, noch länger im Werksviertel bleiben zu können. Mitte Juli ist er mit neuen Kollektionen wie der von Elias Rumelis oder Chili Bang Bang in den Container gezogen, davor hat er Modegeschäfte wie Ludwig Beck, Konen oder Garhammer direkt abgefahren und war im Internet aktiv. "Das hast du sonst so in München nicht", schwärmt er vom Container Collective. Bis 1. September läuft sein Mietvertrag.

Unrealistisch ist sein Wunsch, länger zu bleiben, keineswegs. Erst Anfang der Woche hat ein Snowboard-Handel früher als geplant sein Experiment beendet. Aber auch das gehört im Werksviertel dazu: Dinge ausprobieren und wieder sein lassen. Der Snowboard-Handel stellt anderswo im Werksviertel weiter seine Snowboards her. Nun eben ausschließlich fürs Internet.

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