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Tams-Theater:Eine ganz verrückte Familie

Tams Theater, Puppenstück  Schlimmes Ende

Der Tisch, auf dem Lorenz Seib, Regisseurin Andrea Kilian und Tine Hagemann (von links) sitzen, wird später die Bühne für Eddie und alle wahnsinnigen Erwachsenen im Stück.

(Foto: Florian Peljak)

Charles Dickens verrührt mit Monty Python - diese Mixtur kommt heraus, wenn das Tams-Theater Philip Ardaghs Kinderbuch-Klassiker "Schlimmes Ende" für die Bühne adaptiert. Ein wunderbar wahnsinniger Spaß für Groß und Klein.

Wer möchte das schon? So krank sein, dass man sich ganz "wellig an den Rändern" fühlt, gelb wird im Gesicht und nach "alten Wärmflaschen riecht"? Niemand. Auch nicht die Eltern des kleinen Eddie Dickens. Aber es passiert. Sie werden so krank, müssen sich unter Decken aus braunen Papiertüten legen und wegen undefinierbarer Schwellungen Eiswürfel lutschen. Zumindest Mama Dickens. Damit sich ihr einziger Sohn nicht ansteckt, geben sie Eddie für eine Zeit in die Obhut des wahnsinnigen Onkel Jack und der noch wahnsinnigeren Tante Maud. Eine Reise zum Haus der beiden, namens "Schlimmes Ende", beginnt. Eine Reise, die für Eddie alles andere als lustig wird und die ihn verändert.

Was hier ein bisschen wirr klingt, ist wirr. Und very british. Denn die Geschichte von Autor Philip Ardagh hat etwas von einem skurrilen Sketch im Monty-Python-Stil. So viel Unwirkliches passiert, dass man manchmal den Kopf schüttelt und vor lauter Nonsens die kleinen Feinheiten fast überliest. Aber genau diesen Feinheiten widmet sich das Tams-Theater. Dessen Akteure haben das Buch zu einem Puppenstück umgeschrieben und es zu einem liebenswert-skurrilen Familien-Erlebnis gemacht, ihm eine Leichtigkeit verpasst, die wohl tut. Statt der so beliebten Adventsgarage kommt nun also Adventstheater.

"Es musste mal etwas Neues sein", sagt Lorenz Seib vom Tams-Theater. Und es wurde etwas, das dem Regisseur schon lange im Kopf herumgespukt ist - die Geschichte von Eddie. "Diese Reise eines kleinen Jungen durch die vollkommen verrückte Welt der Erwachsenen hat mich irgendwie nicht losgelassen. Die Extreme der Figuren und das, was sie symbolisieren." Seib ist ausgebildeter Puppenspieler, ein "Dipl.-Pupp", wie er lachend sagt. Das Drama um Eddie zu einem Puppentheater umzuschreiben, lag für ihn auf der Hand. Denn solche Charaktere lassen sich gut in unbewegliche Gesichter verwandeln. Und lassen vor allem neue Ebenen aufmachen. Tine Hagemann (33), ebenfalls Puppenspielerin aus München, und Seib sind Erzähler, die sich einmischen, lassen Eddie laut denken und machen alle anderen Figuren zu einem Panoptikum der Erwachsenenwelt. Es gelingt ihnen, die wirren Phasen des Buches zu glätten - ohne den Sinn und den Humor zu entstellen. Fast ist es leichter, diesem Destillat zu folgen als den Fantasien von Philip Ardagh.

Drei Wochen lang haben sie die Puppen gebaut. Nun sind sie lebendig geworden. Denn die Gestik der Spieler, ein Lächeln, ein Seufzen machen die Puppen "groß", wie Regisseurin Andrea Kilian sagt. Die Puppen, die Spieler und die Geschichte - diese Ebenen schlüssig miteinander zu verbinden, ist harte Arbeit in den Proben. Es wird um Worte gerungen, um den richtigen Blick, die beste Haltung und um viele Spielabläufe. "Kannst Du mit dem Kopf durch den Karton schauen und mit den Armen alles andere umfassen?", bittet Andrea Kilian. "Ähm, naja, nicht so leicht", sagt Seib, der die böse Waisenhausleiterin "Frau Grausam Unsäglich" spielt, und quetscht sich weiter durch das kleine Fenster aus Pappe. Da Eddies Eltern ja krank unter Papierdecken liegen - ganz wellig an den Rändern - , ist es naheliegend, dass die wenigen Requisiten aus Papier und Karton gemacht sind. Ob Kutsche oder Zelle, ob Kuh oder Bett, ein großer Karton wird ratzfatz auf der Bühne umfunktioniert. Immer wieder wird eine Szene geprobt, in der vielen Waisenkindern die Flucht gelingt. Die Kinder sind eine Papiergirlande. Sie reißt ständig, wenn Seib und Hagemann sie aus dem Karton ziehen.

Die Geschichte von Eddie berührt, so wie das Tams-Theater sie erzählt. Denn diese Inszenierung arbeitet die Feinheiten heraus, denen man im Buch erst nachspüren muss, inhaltlich wie sprachlich: Ein kleiner Junge, scheu und neugierig, wird im Stillen groß und mutig. Hat am Ende seinen Platz gefunden in der Welt der Großen. Dass die Eltern Dickens keine Papierdecken mehr brauchen, Onkel Jack und Tante Maud fast ein bisschen normal werden - nun, das ist eine andere Geschichte. Aber kein schlimmes Ende.

"Schlimmes Ende", von Philip Ardagh, ein Stück mit Puppen für Kinder von acht Jahren an. Premiere: Sonntag, 2. Dezember, 17 Uhr, Tams-Theater, Haimhauserstraße 13 a. Alle Adventswochenenden, Freitag bis Sonntag, jeweils 17 Uhr. Kartentelefon 34 58 90. Infos: www.tamstheater.de

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