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SZ-Adventskalender:Leben, so normal wie möglich

In Sicherheit: Raghad M. ist mit ihren Geschwistern aus Syrien geflohen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Raghad wurde in Syrien von einer Bombe verletzt, Marie leidet an Mukoviszidose. Die Schicksale der beiden Mädchen sind sehr unterschiedlich - doch sie beide haben Wünsche.

Von Monika Maier-Albang

Es fällt Raghad bis heute nicht leicht, zu erzählen, was da passiert ist an diesem Tag, der ihr Leben verändern sollte. Sie war draußen auf der Straße, es war Bayram, das Zuckerfest. "Ich lief mit meinen Freundinnen herum. Wir waren vielleicht 20 Kinder." Die Bombe muss in ihrer Nähe explodiert sein.

Raghad kann sich an die Detonation nicht erinnern. Nur an den Moment, als sie das Bewusstsein wiedererlangte. "Ich habe die anderen gesehen, wie sie dalagen. Ein Mädchen hatte nur noch ein Auge. Eines keine Füße mehr." Es kamen Männer, die das Mädchen hochhoben. Sie hat verschwommene Bilder vor ihrem inneren Auge, wie sie in ein Auto gelegt wird. Zwischen die Leichen ihrer Freundinnen.

Was sie später erst erfuhr: Nur drei der Kinder überlebten den Anschlag, Raghad war eine davon. Allerdings merkten die Helfer anfangs nicht, dass das Mädchen noch am Leben war. Sie konnte nicht sprechen, stand wohl unter Schock. Auch im Krankenhaus muss Chaos geherrscht haben an diesem Tag, der knapp drei Jahre zurückliegt. "Es gab schon fast keine Ärzte mehr", ergänzt der Übersetzer Raghads Erzählung; er stammt wie sie aus Syrien.

"Die einen flohen vor Assads Regime, die anderen vor den Islamisten. Und wer es nicht schaffte, wurde ermordet." Wann immer es also einen Anschlag gab, kümmerten sich vor allem freiwillige Helfer um die Verletzten - und um die Toten. Im Krankenhaus kam Raghad in den Raum, in dem die Leichen abgelegt werden. "Bei uns war es zu der Zeit üblich, dass Freiwillige kommen und Tote mitnehmen, um sie in ihrem Garten zu begraben", erzählt Raghads Mutter, Ahida M..

Nach muslimischer Sitte soll der Verstorbene rasch, möglichst noch am selben Tag, beigesetzt werden. Man mag sich das nicht ausmalen: wie Ragad dalag, hörte, wie man über sie sprach und nicht auf sich aufmerksam machen konnte. Ihr Körper war starr, sie unfähig zu sprechen. Irgendwann kam ein Sanitäter und sah sich das Mädchen noch einmal gründlich an. "Da haben sie gemerkt, dass ich noch lebe. Und sie haben mich mitgenommen zur Behandlung."

Die Behandlung allerdings war, wie es im Krieg nunmal so ist, eine notdürftige. Raghad kann seit jenem Tag nicht mehr laufen, sie deutet auf den Bauchnabel: "Ab da spüre ich nichts mehr", sagt die Zwölfjährige - schon in ganz passablem Deutsch. Das Loch in ihrem Rücken hat man zugemacht. Vermutlich stecken bis heute Splitter in ihrem Körper; Raghad sagt, sie habe manchmal stechende Schmerzen, "als ob ein Messer auf den Knochen drückt".

Niemand kann bislang sagen, was genau ihr fehlt - all die Jahre gab es keine Möglichkeit für eine eingehende Untersuchung. Idlib, jene Stadt in der Nähe von Aleppo, aus der die Familie stammt, ist bis heute umkämpft. Raghad, die meisten ihrer Geschwister und ihre Mutter sind erst seit ein paar Monaten in Bayern, in München sind sie in einer staatlichen Unterkunft untergebracht; Betreuer der Inneren Mission kümmern sich um die Familie.

Was Raghad bräuchte, sagen die Helfer, wären zunächst ein paar Stunden Physiotherapie, damit sie ihren Körper wieder richtig spüren kann. Ihre Muskeln sind versteift, die Sehnen verkürzt, an den Füßen drehen sich die Zehen nach oben. Die Helfer würden deshalb auch gern Spezialschuhe für Raghad anfertigen lassen, in normales Schuhwerk passen ihre Füße nicht.

Momentan trägt sie, wenn es kalt wird, ein paar Socken übereinander. Raghads Hoffnung ist, wieder laufen zu können. Sie hat ein Attest aus der Heimat mitgebracht, demzufolge eine Möglichkeit besteht, dass sie wieder gesund wird. Die Helfer wollen aber nicht zu große Hoffnungen wecken - keiner weiß, was genau ihr fehlt. In Deutschland war sie noch bei keinem Arzt.

Und noch etwas treibt Raghad um. "Ich hätte so gern meine Brüder hier", sagt sie. Die Familie ist groß, Raghad hat elf Geschwister. Zwei der älteren Brüder leben in Norddeutschland, ebenfalls in einer Unterkunft. Als die Familie aus Syrien aufbrach, war Winter, erzählt Ahida M.. Auf den Bergen lag so viel Schnee, dass die Eltern mit den kleinen Kindern umkehren mussten, die älteren Söhne aber schickten sie weiter. Sie kamen bis nach Deutschland.

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