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Studierendenvisum:Angst vor der Heimkehr

"Ich bin für meine Karriere als Künstlerin hierher gekommen", sagt Abir Kobeissi. "Ich möchte hier etwas zu Ende bringen."

(Foto: Abir Kobeissi)

Im Juni läuft die Aufenthaltsgenehmigung von Abir Kobeissi ab. Nur wenn sie verlängert wird, kann die junge Frau aus dem Libanon ihr Studium an der Akademie der Bildenden Künste fortsetzen

Von Ornella Cosenza

Die junge Frau fährt sich mit den Händen durch die schwarzen Locken. Abir bewegt ihren Körper zu orientalischer Musik. Bewegt Schultern und Arme zum Rhythmus. Um sie herum: ihre Kommilitonen. Auch sie tanzen. Abir lächelt. Dreht sich tanzend im Kreis. Dieser Abend in einem Raum in der Akademie der Bildenden Künste ist schon ein paar Monate her. Die Tanz-Szene ist eine von vielen Sequenzen in Abir Kobeissis jüngster Videoarbeit "The Sleep-dying Family", die sie während der Ausgangsbeschränkung in ihrer Wohnung in München erstellt hat. Das Video erzählt mehrere Geschichten. Obwohl die Welt gerade still zu stehen scheint, ist in Abir Kobeissis Leben viel los: Im Juni läuft ihre Aufenthaltsgenehmigung ab - und die muss verlängert werden, damit sie ihr Kunststudium fortsetzen kann. Das Coronavirus und die wirtschaftliche Lage in ihrem Heimatland, dem Libanon, stellen die Studentin aber vor eine besondere Herausforderung.

Abir Kobeissi, Jahrgang 1988, kam 2017 nach erfolgreicher Bewerbung mit einem Studentenvisum nach München an die Kunstakademie. Zuvor hat sie im Libanon Innenarchitektur studiert und Deutsch gelernt. "Ich bin sehr glücklich, dass ich hier Kunst machen kann. Ich mag meine Klasse an der Akademie", sagt sie. Abir arbeitet mit verschiedenen Medien, ihre Kunst kreist oft um persönliche Erfahrungen. Pola Sieverding, ihre Professorin, sagt: "Abir beschäftigt sich mit der Wechselwirkung zwischen persönlicher Narration und dem Eingebundensein in unterschiedliche gesellschaftliche, kulturelle und politische Zusammenhänge. Migration, politische oder gesellschaftliche Machtverhältnisse, Körperbilder, Leben und Tod stellen sich in ihren Arbeiten als universale Fragen unserer Zeit."

Die Videoarbeit "The Sleep-dying Family" ist ein gutes Beispiel dafür. "What would be the most peaceful way of dying?" - wie sähe die friedlichste Art zu sterben aus, fragt Abir im Video. Sie erzählt die fiktive Geschichte einer im Schlaf sterbenden Familie. "Ich denke jeden Tag an den Tod", sagt Abir an einer Stelle, während sie sich selbst filmt. Im Libanon hat sie zwei Kriege überlebt. "Einmal 1996, ich war noch ein Kind, und dann noch einmal 2006." Ein anderes Mal sieht man im Video Abirs Silhouette als Schatten, der sich tanzend bewegt, dann ihre Hände, die sie mit Seife wäscht. Eine sich wiederholende Szene. Gemüse. Ein libanesisches Rezept. Meeressalz. Telefongespräche mit Freunden und mit ihrer Professorin. Irgendwann dann eine Nahaufnahme von Abirs Gesicht. Sie spricht deutsche Wörter in die Kamera: "Staatsangehörigkeit", "Geburtsort", "Aufenthaltsgenehmigung". Als sie über diese Stelle im Video spricht, sagt sie: "Ist es nicht faszinierend, wie lang diese Wörter sind? Ich kann sie alle aussprechen. Ich mag die deutsche Sprache."

Sie sagt, man müsse positiv bleiben. Um weiterzukommen. Irgendwie müsse es weitergehen

Es sind natürlich nicht einfach irgendwelche Wörter. Es sind Wörter, die Abir momentan in ihrem Alltag begleiten. "Meine Aufenthaltsgenehmigung läuft im Juni ab. Um weiterhin in München studieren zu können und den Aufenthaltstitel zu erneuern, muss ich 10 236 Euro auf einem Sperrkonto nachweisen, oder ein Stipendium vorweisen", sagt Abir. International Studierende müssen, um in Deutschland studieren zu können und um ein Visum zu erhalten, diese festgelegte Summe auf einem Sperrkonto haben. "Das Sperrkonto muss genügend Guthaben enthalten, um die für die Dauer des geplanten Aufenthalts in Deutschland anfallenden Kosten abzudecken, soweit nicht zusätzlich andere Finanzierungsnachweise im Visumverfahren vorgelegt werden", heißt es auf der Webseite des Auswärtigen Amts.

Als Abir 2017 zum Studium an der Akademie in München zugelassen wurde, betrug dieser gesetzlich vorgeschriebene Betrag noch etwa 8 000 Euro. Pro Monat darf man von diesem Konto eine begrenzte Summe abheben. "Dieses Geld ist mittlerweile aufgebraucht. Ich benötigte es, um am Anfang in München mein Leben zu finanzieren", sagt Abir. Unterstützung bekam sie damals von Freunden und ihrer Familie. Doch seitdem ist vieles anders. Der Libanon steht kurz vor dem Staatsbankrott. Die Bevölkerung ist stark von Armut betroffen. "Meine Familie hat finanzielle Schwierigkeiten, genau wie viele andere Bürger jetzt auch. Selbst, wenn ich jemanden kennen würde im Libanon, der über die finanziellen Mittel verfügt - es wäre nicht möglich. Aktuell dürfen keine Auslandsüberweisungen getätigt werden", sagt Abir.

Junge Leute

München lebt. Viele junge Menschen in der Stadt und im Umland verfolgen aufregende Projekte, haben interessante Ideen und können spannende Geschichten erzählen. Auf dieser Seite werden sie Montag für Montag vorgestellt - von jungen Autoren für junge Leser. Lust mitzuarbeiten? Einfach eine E-Mail an die Adresse jungeleute@sueddeutsche.de schicken. Weitere Texte findet man im Internet unter http://jungeleute.sueddeutsche.de oder www.facebook.com/SZJungeLeute. SZ

Neben dem Studium hat sie in München als Innenarchitektin gejobbt. "Den Job habe ich verloren. Aufgrund der Pandemie konnte ich nicht mehr bezahlt werden", sagt sie. Abir war noch in der Probezeit. Auch mit den Mietkosten hat sie jetzt Schwierigkeiten. "Mein Vermieter hat Verständnis für meine Lage, aber ich würde ihm trotzdem gern die Miete zahlen können. Wer will das nicht?", sagt die Kunststudentin.

Einen neuen Job oder ein Stipendium finden - beides ist momentan selbst in München nicht einfach. "Meine Bewerbungen für Notfall-Fonds wurden bisher abgelehnt. Auf Bafög habe ich keinen Anspruch, weil ich keine EU-Bürgerin bin", sagt Abir. Ein Stipendium, das zu ihren Kriterien passt, hat sie bisher nicht gefunden. Viele bürokratische Hürden stellen sich der Kunststudentin in den Weg.

"Ich habe eine Vielzahl junger Menschen aus der Welt und Deutschland unterrichtet und begleitet. Die Studierenden kommen nicht hierhin, um sich nur was abzuholen. Diese Menschen bringen unglaublich viel mit, bereichern die Diskussionen um wichtige Perspektiven, um kulturelles Wissen", sagt Pola Sieverding, Abirs Professorin. "Warum sonst werden sie zum Studium zugelassen?"

Es gibt eine Szene in der Videoarbeit, in der Abir gesammelte Zeitungsberichte über den Libanon vor sich auf dem Boden ausbreitet. Eine Schlagzeile ist zu erkennen. Sie lautet: "Angst vor der Heimkehr." Abir sagt: "Natürlich mache ich mir Sorgen. Auch um meine Familie. Ich bin für meine Karriere als Künstlerin hierher gekommen. Ich möchte hier etwas zu Ende bringen." Oft telefoniert sie mit ihrer Mutter. Oft träumt sie von ihrer Familie. Sie bleibt optimistisch. Trotz allem: "Ich lasse mich durch nichts von meiner Produktivität abhalten. Auch nicht jetzt. Ich versuche alles irgendwie zu nutzen." Sie sagt, man müsse positiv bleiben. Um weiterzukommen. Irgendwie müsse es weitergehen.

Abir Kobeissi möchte ihre Geschichte zu Ende erzählen. Bis zum Schluss

Im Moment wartet Abir auf einen Brief von der Ausländerbehörde, um das weitere Vorgehen zu klären. Viel Zeit bleibt nicht mehr. Doch die Behörde kann Fälle aktuell nicht regulär bearbeiten: Aufgrund des Coronavirus können persönliche Termine zum Vorsprechen nicht stattfinden. Vieles verzögert sich. Und: Das Ein- und Ausreisen ist aufgrund der Pandemie auch nicht möglich.

Vielleicht hat Abir Kobeissi Glück. Sie könnte Zeit gewinnen. Oder eine vorübergehende Duldung könnte ausgestellt werden. Das ist aber nicht das Ziel. "Seit Januar filme ich intensiver. Ich arbeite an einer Dokumentation. Sie soll am Ende, nach meinen fünf Jahren Studium, abgeschlossen sein. Hoffentlich kann ich daran weiterarbeiten", sagt Abir. Sie möchte ihr Kunststudium in München vollständig absolvieren. Sie möchte bleiben. Bis zum Schluss. Sie möchte ihre Geschichte zu Ende erzählen.

© SZ vom 04.05.2020
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