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Wohnen:Wo die Miete in Starnberg noch sechs Euro pro Quadratmeter kostet

Starnberg, Wohnungsgenossenschaft Starnbeger See

Stolz auf 40 neue Wohnungen: (v. li.) Rudolf Bördlein, August Mehr, Günther Weikl, Franz Reuber, Patrick Manoppo und Hannelore Hartmann.

(Foto: Georgine Treybal)

Die Genossenschaft hat 40 seniorengerechte Wohnungen fertiggestellt, 30 davon gehen an Bedürftige. Doch selbst die übrigen sind vergleichsweise günstig zu haben.

Von Christine Setzwein

Eine "abenteuerliche und arbeitsreiche Zeit" ist zu Ende. August Mehr und seine Vorstandskollegen der "Wohnungsgenossenschaft Starnberger See" sind sichtlich erleichtert, dass das jüngste und große Projekt endlich fertig ist. 40 seniorengerechte Wohnungen hat die Genossenschaft an der Ecke Leutstettener/Himbselstraße in Starnberg gebaut. Seit Mitte Juni können die Mieter einziehen. Zehn Wohnungen sind frei finanziert, 30 öffentlich gefördert, die Miete entsprechend günstig. Dafür ist ein Wohnungsberechtigungsschein nötig.

Es war ein finanzieller und ein nervenaufreibender Kraftakt, den die Starnberger Genossenschaft ein Jahr vor ihrem 100. Geburtstag zu stemmen hatte. Kurz nach Baubeginn stand die Baugrube im Herbst 2017 unter Wasser. Bis die Ursache - ein unterirdischer Bach - gefunden und das Problem gelöst war, vergingen wertvolle Monate. Erst im Frühjahr 2018 konnte weiter gebaut werden. Nicht nur der Zeitverlust war ärgerlich - der Wasserschaden verursachte auch Mehrkosten in Höhe von knapp einer Million Euro. Einen Großteil des Geldes, 800 000 Euro, will sich die Genossenschaft nun zurückholen. Gegen zwei Planungsbüros "werden wir Klage einreichen", kündigte Mehr am Mittwoch an. "Die hätten wissen müssen, dass sie die Spundwände tiefer einsetzen müssen."

Das war noch nicht der ganze Verdruss. 500 000 Euro kostete es, den kontaminierten Boden zur reinigen. Und dann kam noch der Ärger über die Stadt Starnberg hinzu. Bereits 2016 habe man einen Zuschussantrag in Höhe von 600 000 Euro eingereicht. Vorstand Mehr: "Schließlich bauen wir ja auch für die Stadt, der wir ein Belegungsrecht für zwei Wohnungen einräumen." Es sei nur der damaligen Stadtratsmehrheit zu verdanken gewesen, dass der Zuschuss "gegen die sperrige Stadtspitze" genehmigt wurde. Aber die zweite Tranche von 300 000 Euro sei erst im Dezember 2019 überwiesen worden. "Schwamm drüber", meinte Mehr, mit dem neuen Bürgermeister Patrick Janik pflege man ein gutes Verhältnis. Weil die Zielgruppe der Genossenschaft Landkreisbürger ab 60 Jahren und Menschen mit schwerer Behinderung sind, hat auch die Lebenshilfe Starnberg ein Belegungsrecht für zwei Wohnungen. Für einen elektrischen Rollstuhl, der einen Wendekreis von eineinhalb Metern hat, ist allerdings nur eine Wohnung geeignet.

Die Wohnungen sind zwischen 40 und 70 Quadratmeter groß, die meisten haben zwei Zimmer. Aktuell sind noch vier öffentlich geförderte Wohnungen frei, für die die Einkommensstufe III nötig ist. Für eine Person liegt die Grenze bei einem Jahreseinkommen von 23 000 Euro, bei zwei Personen bei 45 000 Euro. Für die frei finanzierten Wohnungen verlangt die Genossenschaft 12,50 Euro pro Quadratmeter, in der Einkommensstufe I liegt sie bei effektiv sechs Euro, in der Stufe II bei sieben und in Stufe III bei acht Euro.

Allein 2,2 Millionen Euro hat die Tiefgarage mit 65 Stellplätzen gekostet. Insgesamt wurden in das Neubauprojekt 14,2 Millionen Euro investiert, zwei Millionen mehr als geschätzt. Die Starnberger Genossenschaft ist mit einem Eigenkapital von 2,9 Millionen Euro dabei. "Wenn wir die 1,5 Millionen für den Wasserschaden und die Dekontamination abrechnen, liegen wir bei einer Kostensteigerung von 500 000 Euro. Das ist ein hervorragendes Ergebnis", sagte Mehr. Städtebaulich ist das Ensemble an der Leutstettener Straße nicht unbedeutend. Sie ist das Eingangstor in die Stadtmitte vom Würmtal kommend, der Bahnhof Nord mit S-Bahn und Bussen ist zu Fuß erreichbar, ebenso Einkaufsmöglichkeiten.

Nicht gespart wurde an der Energieeffizienz der Gebäude, wie Vorstandsmitglied Rudolf Bördlein erläuterte. Durch Dämmung, dreifach isolierte Fenster, eine Grundwasserpumpe für die Heizung, eine Gastherme für Warmwasser und einer kontrollierte Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung sei der Energieverbrauch um 45 Prozent niedriger als bei vergleichbaren Neubauten. Bördlein: "Wir haben den KfW-Standard 55." Den Bewohnern steht ein Gemeinschaftsraum mit Küche zur Verfügung, ein Besucherappartement und dem ganzen Quartier eine Carsharing-Station.

Das Grundstück an der Leutstettener Straße gehört der Genossenschaft. "Es war das erste, das unsere Vorgänger gekauft haben", sagte Franz Reuber. "Dafür müssen wir ihnen heute noch dankbar sein." Es sei mittlerweile 2,8 Millionen Euro wert. Im Bestand der Genossenschaft, die 2021 ihr 100-jähriges Bestehen feiert, befinden sich aktuell 570 Wohnungen. Sie zählt 1691 Mitglieder, es gibt einen Aufnahmestopp. Auf der Warteliste für eine bezahlbare Bleibe stehen mehr als 100 Personen.

Eigentlich hätte die Genossenschaft diese 40 seniorengerechten Wohnungen gerne gefeiert. Doch der erste Spatenstich fiel quasi ins Wasser, fürs Richtfest hatten die Firmen keine Zeit, und die Einweihung verhinderte Corona. Kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen. Das nächste Neubauprojekt steht im Quartier Egerer-/Angerweidestraße an. "Wir sind tatendurstig", sagt August Mehr.

© SZ vom 17.07.2020

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