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Landwirtschaft:Warum immer mehr Kühe auf der Weide stehen

Wörthsee, Kühe und Kälber am Hof v.Martin Schmötzl

Auf der Weide stehen meist Mutterkühe, denn die brauchen normalerweise kein Kraftfutter. Ihnen reicht Heu, Klee und Gras. Und die Kälber bleiben bei ihnen.

(Foto: Georgine Treybal)

Die Tiere fühlen sich wohl und Wanderer freuen sich über den Anblick. Doch für die Milchbauern ist das ein Zeichen der Krise, die Corona noch verschärfen könnte.

Von Christine Setzwein

18 Kühe hat Martin Schmötzl auf der Weide. Mutterkühe, keine Milchkühe. Eine von ihnen ist besonders neugierig, wer denn da am Zaun steht. Andere tun völlig gelangweilt oder necken sich; diejenigen, die gerade Nachwuchs bekommen haben, liegen auf der Wiese und machen es sich mit ihren Kälbchen bequem. Das Fleckvieh fühlt sich ganz offensichtlich sehr wohl auf der Weide. Es ist noch gar nicht so lange her, da hatte der 38-jährige Wörthseer Landwirt 35 Milchkühe im Stall. "Vor zwei Jahren haben wir das Melken aufgehört", sagt er. Der Verkauf der Milch habe sich nicht mehr rentiert.

So wie Schmötzl geht es vielen Milchbauern im Fünfseenland. Das weiß Michael Friedinger, schließlich ist er der Starnberger Kreisvorsitzende des Bundesverbands Deutscher Milchviehalter (BDM). Als er 2006 in dieses Amt gewählt wurde, gab es im Landkreis noch 154 Milchviehhalter; heute sind es noch 84. Allein im vergangenen Jahr haben acht Landwirte die Haltung von Milchkühen aufgegeben. Kein Wunder: Für das Kilogramm Milch bekommen die konventionellen Bauern gerade mal 33 Cent, Biomilch erzielt immerhin 48 Cent.

Farchach, Kühe v. Michael Friedinger

"Die Kühe springen vor Freude": Michael Friedinger aus Farchach.

(Foto: Georgine Treybal)

Ein großer Absatzmarkt ist aber in der Corona-Krise weggefallen: Hotels, Restaurants und Cafés, die für Monate schließen mussten und weder Joghurt noch Milch, Sahne und Käse brauchten. Zwar seien dafür zu Hause mehr Milchprodukte verzehrt worden, "aber das wiegt es nicht auf", sagt Friedinger, der zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn in Farchach den Löfflerhof bewirtschaftet. Die Familie hält 21 Milchkühe samt Nachzucht, der Hof ist Demeter-zertifiziert.

Eine Folge der Mutterkuhhaltung ist, dass mehr Vieh auf der Weide steht. Mutterkühe brauchen normalerweise kein Kraftfutter, ihnen reicht Heu, Klee und Gras. Der Vorteil für die Tiere: Sie sind an der frischen Luft, können fressen, wie und wann sie wollen und haben Auslauf. "Die springen richtig, weil sie sich so freuen, dass sie raus dürfen", sagt Friedinger. Nur Hitze mögen sie nicht. "Dann bleiben sie lieber im Stall." Für Öko- und Tierschutzverbände ist die Mutterkuhhaltung die beste Haltung für das Tierwohl und die Erzeugung hochwertigen Rindfleischs. Die Kälber bleiben nach der Geburt bei ihren Müttern und werden, sobald sie nicht mehr auf die Milch angewiesen sind, vom Bauern selbst gemästet, zu einem Mäster oder direkt zum Schlachter gebracht.

Martin Schmötzl bringt seine Kälber zum Mäster, zieht aber auch Jungvieh anderer Landwirte auf. Noch fehle es an der erfolgreichen Vermarktung von heimischem Kalb- und Rindfleisch, meint er. Die Verbraucher griffen trotz aller Fleischskandale immer noch lieber zum Billigprodukt aus dem Discounter. Trotzdem sei es für ihn nie in Frage gekommen, sich ganz von den Rindern zu trennen. "Vieh gehört auf einen Hof", sagt der Vater von zwei Kindern, der die Landwirtschaftsschule besucht hat, Metzger gelernt und seinen Meister gemacht hat. Vor zehn Jahren hat er den Hof von seinem Vater übernommen, aber von der Landwirtschaft alleine - zwei Drittel Ackerbau, ein Drittel Grünland - kann Schmötzl nicht leben. Darum arbeitet er auch als Zimmerer oder Baggerfahrer. Das wiederum kann er nur, weil er nicht mehr regelmäßig in den Stall zum Melken muss.

Die Kühe genießen das Weideleben, wo sie frisches Gras finden und gleichzeitig wertvollen Mist für die Grünfläche produzieren. Der Bauer kann seine Grünflächen nutzen, muss sie aber pflegen und einzäunen. Im Vorteil sind Landwirte, die ihre Tiere im Sommer auf die Weide treiben oder Laufställe gebaut haben, allemal: Ein Verbot der ganzjährigen "Anbindehaltung" bei Milchkühen ist seit langem im Gespräch und soll in die Nutztierhaltungsverordnung aufgenommen werden.

Wörthsee, Kühe und Kälber am Hof v.Martin Schmötzl

"Vieh gehört auf einen Hof": Martin Schmötzl aus Wörthsee.

(Foto: Georgine Treybal)

"Es werden noch viele Milchbauern aufgeben", prophezeit Friedinger. Übrig blieben leere Ställe, Mutterkuhhaltung oder reine Mastbetriebe. Außer die Politik handle und regle den Markt. Beim BDM kümmert sich nun ein "Milchmarketingmanagement" um das Problem des Milchüberschusses. Vorschläge hätte Friedinger schon: Bauern, die weniger Milch produzieren, bekommen Geld, die anderen müssen Abgaben zahlen. Aber der kleine Bundesverband Deutscher Milchviehhalter habe mächtige Gegner: "den Bauernverband, die Molkereien und die Lobbyisten".

© SZ vom 18.07.2020

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