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Bahnlärm:Jeder Zug donnert "wom-wom, wom-wom, wom-wom"

Mitten in Tutzing sind die Schienen ausgetauscht worden. Anwohner klagen seither über mehr Lärm als früher - auch in anderen Gemeinden an der Trasse.

Von Sabine Bader, Tutzing

Manchmal, wenn Anja Behringer nachts von einem lauten Wom-Wom, Wom-Wom, Wom-Wom aus dem Schlaf gerissen wird, ist sie wütend, manchmal ist sie nur noch ratlos. "Ich kann keine Nacht mehr durchschlafen", sagt die 66-Jährige. Seit 35 Jahren lebt sie mit ihrer Familie in Tutzing, nahe der Bahngleise. Sie ist Bahnlärm gewöhnt, weiß, wie Gleisarbeiten vonstatten gehen und was es in diesen Zeiten hinzunehmen gilt. Aber diesmal ist alles anders, schlimmer.

Die Bahn hat im April dieses Jahres damit begonnen, die Gleise auf der acht Kilometer langen Strecke zwischen Starnberg und Tutzing zu erneuern. Im Zuge dessen hat sie auch die Schienen zwischen der Traubinger Straße und der Waldschmidtstraße in Tutzing ausgetauscht - eine 200 Meter lange Strecke mitten im Ort - zwischen Kilometer 38,6 und 38,8. Mitte Mai sind die Baufahrzeuge dann wieder abgerückt. Was zurückblieb: eine Vielzahl an Schweißstellen und etliche ausrangierte Schienen im Gleisbett. Die Baustelle wirkt so, als hätten die Arbeiter sie überstürzt verlassen.

Tutzing: Anja Behringer beschwert sich über den Bahngleislärm

Anja Behringer aus Tutzing kann nachts nicht mehr durchschlafen. Seit die Bahn die Schienen erneuert hat, wird sie vom Wom-Wom, Wom-Wom, Wom-Wom der vorbeifahrenden Züge geweckt.

(Foto: Nila Thiel)

Anja Behringer kann sich noch gut daran erinnern, wie die Schienen- und Gleisbettarbeiten auf Höhe ihres Wohnhauses vor sieben Jahren vonstatten gingen. Nach Abschluss der Arbeiten kam hier ein spezieller Zug, der die Schweißnähte abgeschliffen hat. Danach war alles besser. 2018 hat man dann die Bahnsteige in Tutzing verlängert. Im Zuge dieser Arbeiten gab es laut Behringer auch Veränderungen im Gleisbett und die Geschwindigkeit der Züge sei erhöht worden, was sich akustisch bemerkbar machte. Es wurde lauter.

Seit Mai hofft Behringer auf den Schleifzug. "Bisher ist er nicht gekommen." Das Ergebnis: Es kracht, bebt und donnert weiter, wenn die Züge mit einer Achslast von bis zu 20 Tonnen und hoher Geschwindigkeit über die Schweißstellen rumpeln. Behringer hat überschlägig ausgerechnet, was das für sie persönlich bedeutet: "Jeden Tag brausen speziell auf unserem kurzen Streckenabschnitt 3600 Achsen über gut ein Dutzend Schweißstellen. Das bedeutet: Es kracht und knallt zirka 50 000 Mal am Tag. Und das mitten im Ort." Behringer ist nicht allein mit ihrer Kritik. Auch etwas weiter südlich, in den "Pschorrhöfen", stören sich Anlieger an den lauten Zügen. Beschwerden über lärmende Züge hatte es auch in Feldafing und Pöcking gegeben. Von der Bahn fühlt Behringer sich schlecht bis gar nicht informiert, vertröstet und ruhiggestellt. Seit 2018 korrespondiert sie mit dem Unternehmen.

Tutzing: Anja Behringer beschwert sich über den Bahngleislärm

Auch wenn ein Sachverständiger der Bahn inzwischen die Schweißnähte manuell nachgeschliffen hat, an der Lautstärke der Zuggeräusche habe dies so gut wie nichts geändert, sagen Anlieger.

(Foto: Nila Thiel)

Auch ein Bahnsprecher berichtet von Anwohnerbeschwerden nach dem Schienenaustausch. "Daraufhin wurde ein Experte an die betreffende Stelle geschickt, der an einem Schienenstoß eine unsaubere Schweißnaht feststellte", so der Sprecher auf Anfrage der SZ. Und weiter: "Die entsprechende Stelle in Bahn-Kilometer 38,8 wurde Mitte Juni manuell - ohne großen Schleifzug - geschliffen und der Mangel damit beseitigt." Seitdem habe es keine Beschwerde mehr gegeben. Lärmempfindungen seien nun mal "immer subjektiv", meint er. "Geräuschlos für die Anwohner kann ein Bahnbetrieb, von dem viele Zugfahrer profitieren und der die Umwelt schont, leider nicht angeboten werden." Das tröstet Anja Behringer wenig. Sie fragt sich jetzt: "Was habe ich vom manuellen Schleifen, wenn es immer noch kracht?"

© SZ vom 03.09.2020
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