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Landkreis Starnberg:"Radfahren ist ein Corona-Gewinner"

Starnberg Söcking, Stadtradeln

Ja, mir san mim Radl da: Starnbergs Zweite Bürgermeisterin Angelika Kammerl (vorn) und Andrea Schmölzer (2. v.re., vorn) beim Auftakt zum diesjährigen Stadtradeln in Söcking.

(Foto: Georgine Teybal)

Bei der Aktion "Stadtradeln" treten 2441 Aktive in 234 Teams im Landkreis in die Pedale. Dabei sind die Bedingungen alles andere als optimal.

Von Peter Haacke

Das Jubiläumsjahr soll zur Rekordveranstaltung im Landkreis werden: Unter dem Motto "Ja, freilich mit'm Radl" ist am Sonntag bundesweit die Aktion Stadtradeln gestartet. Bis 10. Juli können alle, die im Fünfseenland wohnen, arbeiten, einem Verein angehören oder zur Schule gehen, an der Aktion teilnehmen und täglich Kilometer auf dem Radl sammeln. Auch wer nur gelegentlich radelt, tut Gesundheit und Umwelt etwas Gutes. Ob zur Arbeit, für Erledigungen oder einen Ausflug: Immer mehr Menschen satteln vom Auto aufs Fahrrad um. Im Vorjahr kamen trotz Corona-Pandemie rund 900 000 Kilometer zusammen, diesmal soll die Millionen-Grenze geknackt werden. Doch was bleibt vom idealistischen Anspruch im Alltag? Welchen Wert hat ein Wettbewerb, den niemand kontrolliert? Andrea Schmölzer ist Koordinatorin des Stadtradelns und vom Sinn der Aktion überzeugt.

SZ: Aus bescheidenen Anfängen hat sich Stadtradeln zum attraktiven Mitmach-Wettbewerb entwickelt. Dieses Jahr haben bereits 239 Landkreis-Teams aus allen 14 Gemeinden mit rund 2440 Aktiven gemeldet. Ist Radeln nun sexy oder nur ein Feigenblatt zur Befriedigung des ökologischen Gewissens?

Schmölzer: Sexy? Naja. Aber Radeln ist definitiv "in". Radfahren ist ein Corona-Gewinner, war immer erlaubt und wurde durch E-Bikes nochmals befeuert. Die Leute haben Lust, was gemeinsam zu machen. Starnberg und Herrsching waren 2009 die Stadtradeln-Gemeinden der ersten Stunde, 2012 folgte der ganze Landkreis - die Kontinuität macht viel aus. Viele Teams waren von Anfang an dabei, und jedes Jahr sind neue hinzugekommen. Allein durch den Umstieg aufs Rad retten wir die Welt sicher nicht. Aber jeder kann damit ganz einfach etwas dazu beitragen. Viele sehen ja, dass die derzeitige Verkehrspolitik in eine Sackgasse führt und krank macht. Außerdem entdecken Radlfahrer gerade im Alltag viele Freiräume und neue Wege.

Dabei scheinen die Bedingungen fürs Radfahren im Landkreis alles andere als attraktiv zu sein. Im ADFC-Fahrradklimatest 2020, der die Zufriedenheit von Radfahrern hinterfragt, landete Starnberg mit Note 4,4 unter 415 Orten nur auf Platz 382. Gilching (4,2), Gauting (4,1) Herrsching (4,2) und Feldafing (4,0) schnitten nicht viel besser ab. Ist die Begeisterung fürs Stadtradeln da kein Widerspruch?

Auf den ersten Blick ja. Oft wundert's mich auch, warum so viele trotz der schlechten Bedingungen mitmachen. Auf der anderen Seite ist die Aktion auch eine Chance zu zeigen: Mensch, verbessert das! Diese Botschaft kommt auch an. In den letzten 50 Jahren war das Thema Verkehr gleichbedeutend mit "Auto". Deshalb ist es sehr langwierig, mit dieser Gesetzgebung aus den 1930er-Jahren und zementierten Freundlichkeit dem Auto gegenüber etwas zu verändern. Stadtradeln setzt also an beiden Polen an: Es motiviert die Teilnehmer zum Radeln und die Verantwortlichen zum Verbessern. Dazu kommt Entscheidendes: Radeln macht einfach Spaß.

Verblüffend sind immer wieder die hervorragenden Ergebnisse, die Starnberger Teams im Aktionszeitraum melden. Doch niemand kontrolliert Teilnehmer, Wege und Zeiten. Wie können Sie sicher sein, dass alles mit rechten Dingen zugeht?

Wir können es einfach nicht kontrollieren. Die Preise - es gibt Urkunden, Gastro-Gutscheine oder Radl-Zubehör - sind allerdings nicht sehr hoch dotiert, der materielle Anreiz zu manipulieren ist also gering. Wenn ein Kindskopf meint, er müsste noch ein paar Kilometer draufsetzen, dann bescheißt er vor allem sich selbst. Ich habe dazu auf Instagram eine kleine Umfrage gestartet: Man war geteilter Meinung, ob geschummelt wird. Doch fast alle stimmten "Ja", dass Stadtradeln etwas bringt, weil es dem Thema Öffentlichkeit verschafft.

Landrat und Bürgermeister haben zur Teilnahme aufgerufen, doch die Infrastruktur für Radfahrer ist eher bescheiden. Statt sich um Machbares zu kümmern, scheint eine Radl-Schnelltrasse mit Kosten von 1,2 Millionen Euro pro Kilometer derzeit wichtiger zu sein. Steht das nicht im Widerspruch zu den Realitäten?

Ich finde beides wichtig: Kleine Maßnahmen wie Bordsteine absenken oder Lücken zu schließen. Es gibt aber auch eine Initiative engagierter Unternehmer, die Pendeln per Rad fördern. Laut GWT-Geschäftsführer Christoph Winkelkötter gibt es im Landkreis 22 000 Landkreisbürger, die hier auch arbeiten, alles potenzielle Radpendler. Eine Radschnellverbindung ist einfach superwichtig für diejenigen, die schnell vorwärtskommen wollen: Da willst du nicht bei jeder Ausfahrt gucken müssen oder 17 Ampeln auf dem Weg haben. Wenn man sich die Kosten für einen Kilometer Autostraße vor Augen hält und dann für einen Radweg, dann ist es lächerlich wenig. Die Fördertöpfe für Radverkehr von Bund und Ländern sind randvoll. Man muss die Mittel nur abrufen.

Sie kommen gerade aus einer Besprechung mit der Stadtverwaltung zum Thema Radverkehr in Starnberg. Welche Ziele peilen Sie an, was müsste Ihrer Meinung nach als Erstes umgesetzt werden für eine Verbesserung der Situation?

Das oberste Ziel der Runde ist, die enormen Fördergelder anzuzapfen und damit viele längst fällige kleinere Sachen - sogenannte quick wins - am besten im Rahmen von Förderprojekten umzusetzen. Der endgültige Maßnahmenplan soll in den nächsten Umweltausschuss. Dabei geht es um Abstellanlagen, Fahrradstreifen, Lückenschlüsse, auch um den einen oder anderen Parkplatz, plus Kommunikation und Evaluierung. Beteiligt daran sind die Starnberger Verkehrsreferenten Franz Sengl und Thorsten Schüler, Vertreter der Stadt und ich für den STAgenda-Arbeitskreis Verkehr. Die Maßnahmen müssen allerdings wegen der Förderung - darunter das Sonderprogramm "Stadt und Land" mit insgesamt 800 Millionen Euro - bis 2023 abgeschlossen sein. Radfahren in Starnberg wird nur dann selbstverständlich, wenn es sicher und angenehm ist. Manches hat sich schon verbessert: Autofahrer in Fahrradstraßen am Riedener Weg oder Unteren Seeweg fahren rücksichtsvoller, man hat mehr Übersicht vor der Kreissparkasse, die Radl-Aufstellflächen an manchen Ampeln. Das Vordringlichste für mich persönlich sind sichere Radwege zu den Schulen. Das letzte Wort über alle Maßnahmen hat aber der Stadtrat.

Fahrradfahren erlebt aktuell einen Boom, auch bedingt durch E-Bikes und Pedelecs. Doch einige Radfahrer, insbesondere Senioren und Ungeübte, scheinen im normalen Verkehr überfordert zu sein. Die Unfallzahlen unter Beteiligung von Radfahrern sind 2020 rapide gestiegen. Und viele Auswärtige reisen per Auto an, um im Fünfseenland zu radeln. Müsste man nicht auch an dieser Stelle ansetzen?

Auf jeden Fall. Die Themen Sicherheit und Rücksicht sind deshalb im Maßnahmenpaket der Stadt. Viele Konflikte mit Radfahrern, Freizeit- ebenso wie Alltagsradlern, entstehen aber durch schlechte Infrastruktur. Man schickt immer mehr Radler ins System, aber die Radwege wachsen nicht mit und werden kaum von Anfang an mitgeplant. Dann wundert man sich, wenn es zu mehr Unfällen oder Aggressionen kommt. Die Rennradlerin hat keine Zeit und Lust, dem Papi mit Anhänger und Kleinkind hinterher zu fahren, und benutzt die Straße. Das macht die Autofahrer wütend, die sagen: Fahr' doch auf deinem Radlweg! Das können wir nur lösen, wenn wir den Straßenraum klarer verteilen und alle Verständnis füreinander zeigen. Einstellungen und Verhaltensänderungen sind aber leider wahnsinnig zäh. Es braucht Autofahrer, die Rücksicht nehmen auf Radler, und auch Radfahrer, die sich an die Regeln halten. Gegen die Stigmatisierung der Älteren wehre ich mich vehement: Die Stadtradler vom Seniorentreff sind eine der stärksten Gruppen, und dieses Bild vom unsicheren Rentner kann ich gar nicht bestätigen. Das sind oft topfitte Leute, die fast täglich Fahrrad fahren. In puncto Sicherheit habe ich viel mehr Bedenken bei Kindern. Sie sollten im Zentrum der Verkehrsplanung stehen.

Radfahren im Sommer ist eine schöne Sache, nicht umsonst findet das Stadtradeln stets im Juni und Juli statt. Wäre es nicht interessant, den Wettbewerb mal im Januar oder Februar zu machen?

Nein. Das Stadtradeln soll ja ein positives Erlebnis sein, für viele ist es eine Einstiegsdroge. Die erfahren zum ersten Mal, dass sie mit dem Radl schneller sind als mit dem Auto und keinen Parkplatz brauchen. Du bringst deinen Kindern ja auch nicht im Winter das Schwimmen im See bei. Wir wollen mit der Aktion die eingefleischte Ich-fahr-mit-dem-Auto-zum-Bäcker-Fraktion ebenso erreichen wie die Ehrgeizigen, die bei jedem Wetter Kilometer schrammen, um sich auszupowern. Ich weiß von ganz vielen Stadtradlern, die das ganze Jahr über viel fahren. Und dann gibt es Kandidaten, die während der Aktion öfter als sonst mit dem Radl zur Arbeit fahren. Das Zauberwort heißt: Mitmachen und Nachmachen. Letztlich ändern wir unser Verhalten am liebsten durch soziale Vorbilder.

Alle Infos und Meldungen zum Stadtradeln 2021 finden sich im Internet unter www.stadtradeln-sta.de. Gesammelte Kilometer können auch im Nachhinein noch bis 17. Juli gemeldet werden, die Organisatoren freuen sich zudem auf Fotos und Videos der teilnehmenden Teams.

© SZ vom 21.06.2021
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