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Starnberger Einheimischenmodell:Aufstand der unglücklichen Bauherren vom Wiesengrund

Erst haben sie den Zuschlag bekommen, nun wehren sie sich gegen eine neue Auslosung der Grundstücke am Wiesengrund (v.l.): Verena Röhrig-Wöllner, Lars Röhrig, Alexander Hills, Afra Lorbacher, Simon Lorbacher, Stefan Engels.

(Foto: Costanzo/oh)

Nachdem der Stadtverwaltung eine folgenschwere Panne unterlaufen ist, wehren sich Bewerber gegen eine neue Zuteilung. Denn die Familien müssen um ihren Traum bangen.

Sie standen schon am Bauplatz, manche mehrmals, um sich zu akklimatisieren. Hier am Wiesengrund werden die Kinder aufwachsen, wird die Familie leben, in den eigenen vier Wänden. Manche Bauherren haben schon Kredite abgeschlossen, mit Baufirmen verhandelt, Küchen angeschaut. 320 Familien haben sich beim Einheimischenmodell beworben, nur 51 haben den Zuschlag für eines der Reihenhaus-Grundstücke im Süden der Stadt bekommen - weniger als die Hälfte des Marktwerts sollen diese nur kosten. Doch am Montagabend sind gleich mehrere der vermeintlichen Bauherren zur Bürgerversammlung gekommen, um zusammengenommen ein halbes Dutzend Anträge und Anfragen zu stellen. Weil sie um ihren Traum fürchten müssen - und das nicht hinnehmen wollen.

Starnberg Rathaus Wiesengrund

51 Parzellen, die das große Glück verheißen: Modell des Starnberger Einheimischenmodells Am Wiesengrund.

(Foto: Georgine Treybal)

"Wir haben uns riesig gefreut", berichtet etwa Simon Lorbacher in der Schlossberghalle über die Zusage von Anfang August. "Drei Monate waren wir im festen Glauben, dass wir am Wiesengrund bauen dürfen." Heute sagt er über sich: "Ich bin einer der glücklichen Unglücklichen." Was in der Zwischenzeit geschehen ist, nennt er den "absoluten Worst Case".

Der Stadtverwaltung ist bei der Zuteilung eine folgenschwere Panne unterlaufen. Das Rathaus hat einen der Bewerber zu niedrig bewertet und darum Ende Oktober einigen Bauherren mitgeteilt, dass die Auslosung der Parzellen womöglich wiederholt werden muss. Bei der Bewertung etwa nach Wohndauer in der Stadt, Kinderzahl und Ehrenamt waren zunächst 39 Haushalte mit 75 Punkten für 23 Grundstücke im Lostopf. Nun stellt sich heraus, dass es tatsächlich 40 Bewerber mit 75 Punkten hätten sein müssen. Der Anwalt der Stadt will dem Stadtrat im Januar berichten, wie es weitergehen kann, sagt Bürgermeisterin Eva John (BMS) in der Versammlung. Wird die Verlosung tatsächlich wiederholt, könnten etliche Bauherren aus der ersten Runde leer ausgehen.

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Das wollen die glücklich Unglücklichen verhindern. Lorbacher fordert stellvertretend für einige Bewerber, die Parzellen nicht neu zu vergeben, sondern die benachteiligte Partei zu entschädigen. Der Saal stimmt mit überwältigender Mehrheit zu. Verena Röhrig-Wöllner hat mit ihrer Familie kürzlich eine Eigenbedarfskündigung in der bisherigen Wohnung bekommen, berichtet sie. Aber man habe diese gelassen hingenommen, schließlich überlappe sich die lange Frist mit dem bisher angekündigten Baubeginn im Sommer. Und die Zwischenzeit bis zum Einzug am Wiesengrund hätte die Familie überbrücken können. Mittlerweile haben sich einige Leidensgenossen zusammengeschlossen. Sie pochen auf den Rechtsgrundsatz des Vertrauensschutzes - ein Bürger muss sich auf den Staat verlassen können. Die meisten haben eine Anwältin eingeschaltet.

Kostensteigerung

Die Bewerber für die Grundstücke im Einheimischenmodell am Wiesengrund protestieren gleichzeitig gegen eine dramatische Preissteigerung bei den Erschließungskosten. Die ersten Bauherren - die aufgrund höherer Bewertungen nicht um ihr Reihenhaus fürchten müssen - hätten bereits Rechnungen der Stadt erhalten mit Summen zwischen etwa 35 000 und 55 000 Euro, berichtet Verena Röhrig-Wöllner. Die Banken hätten dagegen in ihren Finanzierungszusagen mit einem Mittelwert von 12 000 Euro gerechnet. Der Antrag, im Gegenzug die Bindungsfrist von 25 Jahren überprüfen zu lassen, erhielt eine Mehrheit der Bürgerversammlung. Bürgermeisterin Eva John sagte, das Baugebiet sei wegen des Sickerwassers schwierig zu erschließen. Die Kosten müssten auf alle Bauherren aufgeteilt werden. dac

"Wenn ich als Kaufmann ein Geschäft abschließe, dann muss ich mich daran halten", sagt etwa Stefan Engels in seiner Anfrage. Zweimal habe er die Stadtverwaltung nach der Zusage um eine Bestätigung gebeten, zweimal habe er diese bekommen. Am 30. Oktober sei dann das Einschreiben der Stadt gekommen, das noch nicht einmal die Bürgermeisterin unterschrieben habe, kritisiert Engels.

Eva John sagt: "Ich möchte auch nicht in Ihrer Situation stecken." Der Fehler sei nicht mehr rückgängig zu machen. Die Stadtverwaltung habe sich dafür entschuldigt. Der Anwalt sichte derzeit die Einwendungen der Bauherren, um die Entscheidung des Stadtrats vorzubereiten. "Wie die ausgeht, kann ich Ihnen nicht sagen."

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