Schule während Corona:Ist die Luft in den Klassenzimmern rein?

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Mit Luftreinigern gegen Coronaviren; Mit Luftfiltern gegen Corona

Mit Luftreinigern gegen Coronaviren: Diese Strategie verfolgt man im Landschulheim Kempfenhausen.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Im Kampf gegen die Virus-Ausbreitung an Schulen setzen die Kommunen auf unterschiedliche Strategien. Manche nutzen Lüfter, manche CO₂-Ampeln - und in Gauting läuft sogar ein wissenschaftliches Experiment.

Von Michael Berzl, Patrizia Steipe und Sylvia Böhm-Haimerl, Starnberg

Frösteln gehört für viele Kinder derzeit zum Schulbesuch. Mehrmals pro Unterrichtsstunde öffnen Lehrer die Fenster; bei winterlichen Außentemperaturen wird es dann auch drinnen schnell ungemütlich. Doch es muss sein, denn in der Luft sollen sich keine größeren Mengen Coronaviren ansammeln. Abhilfe sollen Lüftungsgeräte schaffen.

Während diese Anlagen in einigen Schulen im Fünfseenland schon laufen, bereiten einige Gemeinden im Landkreis erst die Anschaffung vor, zum Beispiel Gauting, Herrsching und auch die Stadt Starnberg. Aufwändige Vorbereitungen, Zuschussanträge und Ausschreibungen kosten viel Zeit. Wann tatsächlich dort Lüfter in Klassenzimmer installiert werden, ist noch gar nicht abzusehen. In Gauting läuft zudem gerade ein wissenschaftlich begleiteter Versuch mit verschiedenen Geräten.

Gauting

Seit Kurzem liegt im Gautinger Rathaus ein Förderbescheid vor, berichtete Bürgermeisterin Brigitte Kössinger in der jüngsten Sitzung des Gemeinderats. Demnach erhält die Gemeinde aus einem Programm des Bundes gut 1,6 Millionen Euro. Damit wären 80 Prozent der kommunalen Ausgaben gedeckt. Nun könne die Beschaffung der Geräte ausgeschrieben werden, kündigte die Bürgermeisterin an.

Beim Einbau von Lüftungsanlagen in ihren Schulen gehen die Gautinger besonders gründlich vor. Der Ferienausschuss des Gemeinderats hatte im August die Beschaffung von dezentralen Lüftungsanlagen beschlossen, die Rathausverwaltung habe gleich danach mit der Untersuchung der baulichen Voraussetzungen begonnen, berichtete Bauamtsleiterin Christiane Ait im Hauptausschuss. Dabei machte sie deutlich, wie groß der Aufwand dabei ist: "Wir haben Klassenzimmer für Klassenzimmer und Fachraum für Fachraum genau angeschaut." Da spiele die Statik der Decken eine Rolle, der Brandschutz, auch die Luftströmung im Raum, außerdem sei entscheidend, wie gut die Fenster erreichbar sind. In Gauting geht es um immerhin 83 Anlagen in fünf Schulhäusern und um eine Investitionssumme von mehr als zwei Millionen Euro. Drei Grundschulen in Gauting und Stockdorf sowie das Gymnasium und die Hauptschule sollen ausgestattet werden. Einen Großteil der Ausgaben übernehmen Bund und Land in Förderprogrammen. Die entsprechenden Mittel sind beantragt.

Starnberg

Ähnlich sieht die Situation in Starnberg aus. Die Verwaltung wurde dort vom Stadtrat beauftragt, den Einbau von fest verbauten Anlagen zu prüfen. Der Einbau von mobilen Lüftern wurde abgelehnt, teilt Rathaussprecherin Lena Choi mit. Die Prüfung sei noch nicht abgeschlossen, da dies bei einem Bestand von etwa 100 Klassenräumen mit einem hohen Planungsaufwand verbunden sei. Beim Einbau von mobilen Lüftungsgeräten ist die Stadt ähnlich skeptisch wie die Gemeinde Tutzing, die sich ebenfalls für eine nachhaltigere Lösung entschieden hat.

Herrsching

Der Herrschinger Gemeinderat hat in Absprache mit der "Schulfamilie" beschlossen, in 13 Klassenzimmern Lüftungsgeräte einzubauen teilt Rathaussprecherin Katrin Engelhardt mit. Derzeit laufe die Planung, der Einbau sei für nächstes Jahr vorgesehen. Die Kosten beziffert sie auf etwa 350 000 Euro, wobei aber Fördermittel von etwa 250 000 zu erwarten seien. Im Kindergarten in Herrsching wurden in den nicht belüftbaren Kellerräumen drei Luftreiniger aufgestellt. Die Kosten betrugen dort etwa 7000 Euro.

Gilching

In Gilching sind die 635 von der Gemeinde und die etwa 170 von Kitas mit anderen Trägern bestellten mobilen Luftreinigungsgeräte vor einigen Tagen an die beiden Grundschulen, die Mittelschule und an Kitas geliefert worden. Je nach Größe des Raumes werden zwischen zwei und fünf der mobilen Geräte in den Klassenzimmern und Kita verteilt und aufgestellt. Sie müssen nicht installiert, sondern die Kabel lediglich in die Steckdose gesteckt werden.

Die acht Kilo schweren Geräte haben etwa die Größe eines Kopiergeräts und sollen durch ihre Filter Viren wie die Coronaviren aus der Luft filtern. Das bedeute aber nicht, dass gar nicht mehr gelüftet werden muss, so Techniker Timo Klein. Die verbrauchte, aber dann immerhin virenfreie Atemluft, muss wie bisher über das Fenster durch frische Luft ausgetauscht werden, um ausreichenden Sauerstoffgehalt in den Klassen und Kitas zu gewährleisten.

Das Landschulheim in Kempfenhausen hat 104 Luftreinigungsgeräte in Betrieb genommen. Anfang des Schuljahres hatte es der Trägerverband ermöglicht, die Klassenzimmer der fünften und sechsten Jahrgangsstufe sowie die Turnhallen mit Filtern auszustatten.

Feldafing

Die Gemeinde Feldafing dagegen setzt auf CO₂-Ampeln, um die Luftqualität in den Klassenzimmern anzuzeigen. Dies gab Bürgermeister Bernhard Sontheim auf der jüngsten Sitzung des Gemeinderats bekannt. Nachdem die Schulleitung die Lüftungsanlagen als zu teuer und wenig überzeugend bewertete, hatte das Gremium im November ihren Einsatz abgelehnt. Daraufhin war ein Testversuch mit zwei Ampel-Geräten gestartet worden. Die Schulleitung sei begeistert gewesen, erklärte der Rathauschef. Nun hat die Gemeinde Messgeräte für alle acht Klassen nachbestellt.

Bei teuren Lüftungsanlagen dürfe während des Betriebs nicht gelüftet werden, kritisierte damals die Schulleitung. Die CO₂-Ampeln indes lassen ein effizientes Lüften zu, was nach Meinung der Schulleitung besser gegen die Verteilung von Coronaviren hilft. Die Geräte messen die Kohlendioxid-Konzentration. Ist die Ampel grün, ist die Luftqualität gut. Bei Gelb ist Vorsicht geboten und bei Rot ist die zulässige CO₂-Konzentration überschritten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt müssen die Klassenzimmer gelüftet werden.

Das Experiment

Eine große Frage in den Rathausverwaltungen ist dabei stets, welche Geräte sie bestellen sollen, welche Technik am ehesten in Frage kommt. Zumal es etwa in Gauting erklärtes Ziel ist, Anlagen zu beschaffen, die auch nach der Pandemie noch ihren Zweck haben, indem sie Schulräume mit Frischluft versorgen. Das kann im Sommer auch die kühle Nachtluft sein. Dabei kommt es nicht nur darauf an, dass sie die Luft reinigen, sondern sie sollen das auch möglichst leise tun. Schließlich sollen sie nicht den Unterricht stören. "Pro Woche bekomme ich drei bis vier Anrufe von Leuten, die mir ihre Geräte verkaufen wollen", so die Gautinger Bauamtsleiterin Christiane Ait. "Oft genügen die aber gar nicht unseren Kriterien."

Die Gemeinde probiert das gerade in einem Praxistest aus, was am besten passt und bekommen dafür wissenschaftlich fundierte Daten aus erster Hand. Gauting arbeitet bei dem Forschungsprojekt mit Christian Schwarzbauer zusammen, Professor an der Fakultät für angewandte Naturwissenschaften und Mechatronik an der Hochschule München. In mehreren Klassenzimmern in einer Grundschule laufen verschiedene Geräte unterschiedlicher Bauart. Darunter eine Eigenkonstruktion des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz, der im wesentlichen aus mehreren Rohren besteht, die an der Decke befestigt sind. Favorit im Bauamt ist aber ein Standgerät. "Der läuft wunderbar und sehr leise und bringt die nötige Frischluft rein", berichtet Ait. "Und der große Vorteil: Man muss die Fenster nicht mehr öffnen."

Das würden sich gerade viele Schüler wünschen. Bald sind zwar Weihnachtsferien. Danach müssen sie in diesem Winter aber wieder frieren oder den Anorak anziehen, während sie Englisch-Vokabeln wiedergeben oder Sinus-Kurven berechnen.

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