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Pädagogik:Stockdorfer Eltern-Kind-Programm expandiert - nach Shanghai

Eine Mutter hat ein Kinderhaus in der 15-Millionen-Metropole gegründet. Das Konzept hat Erfolg - gerade weil es der autoritären, chinesischen Erziehung widerspricht.

"Wow, Wahnsinn, so etwas gibt es! Das war mein Gefühl, als ich das erste Mal mit meinem Sohn zur Eltern-Kind-Gruppe des EKP in Pöcking kam", erzählt die in Shanghai geborene Ce Zhang. Bis dahin war sie vom chinesischen Bildungssystem geprägt, das auf Leistung und Autoritätshörigkeit basiert. Dass es auch anders geht, das Kind nicht weniger lernt, dafür aber glücklicher ist und auch die Eltern zufrieden sind, hat sie so beeindruckt, dass sie die Idee in ihre Heimatstadt exportierte und zusammen mit Freunden ein EKP-Kinderhaus in Shanghai gründete. Im Januar wurde die Einrichtung eröffnet. Zur späten Einweihungsfeier Ende Oktober mit Fortbildungen für die Erzieher und Eltern reiste Ce Zhang zusammen mit dem Stockdorfer Leiterteam, Monika, Petra und Hanna Bezdek nach China.

Zurück in Stockdorf berichten sie voller Begeisterung von ihrer "Dependance" im Reich der Mitte, von der freundlichen Aufnahme und dem großen Interesse am Eltern-Kind-Programm. Der Verein, der für eine Elternbildung steht, die sich auf das Kind konzentriert, setzt die Zusammenarbeit und Interaktion zwischen Eltern und Kindern in den Mittelpunkt. Gemeinsame Aktionen, Erfahrungsaustausch und Elterngespräche tragen dazu bei, unterschiedliche Lebenssituationen zu bewältigen. Die Themen sind jahreszeitlich orientiert, durch den bewussten Umgang mit der Natur werden die Sinne sensibilisiert und das Gemeinschaftsgefühl gestärkt. Alles Themen, die in der chinesischen Pädagogik keine große Rolle spielen.

Für die kleinen Chinesen gelte von Geburt an Leistung. Das heißt: "Mit einem Jahr aufs Töpfchen, mit zwei ans Klavier, mit drei schreiben, Englisch lernen, zählen und rechnen." Um in einen guten Kindergarten aufgenommen zu werden, müssen sich die Dreijährigen durch einen Zulassungstest qualifizieren, still sitzen, Aufforderungen auf Englisch verstehen und sich jede Stunde auf ein anderes Fach konzentrieren. Kindergarten ist wie Schule mit Mathe- und Physikstunden, Ballett, ein Instrument lernen, Hausaufgaben. Also Stress pur. "Das ist in China ganz normal", sagt Zhang.

"Ich war von Klein an so ein Vorzeigekind. Immer die Beste, in der Grundschule, in der höheren Schule, eine richtige Streberin. Wenn ich in einem Fach nur die Zweibeste war, war meine Mutter sehr traurig und die Belohnung blieb aus. Ich war die Beste in Physik in ganz Shanghai (15 Millionen Einwohner) und bekam ein Stipendium für die beste Universität", erzählt Ce Zhang. Nach dem Studium der Englischen Literatur und Betriebswirtschaftslehre ging sie nach Berlin, wo sie den Master of Business Administration machte. Ach ja, man spricht sich in China nicht mit Vornamen an, nur zu Hause und unter allerbesten Freunden. So ist sie als MBA Frau Doktor, Frau Lehrerin oder auch "Mutter von Liam". Liam heißt ihr jetzt zehnjähriger Sohn, der ganz ohne Drill nur Einser und Zweier heimbringt.

"Die Eltern in China sind in einem Dilemma. Sie wollen die beste Ausbildung für ihr Kind und die beginnt in einem erstklassigen Kindergarten. Doch im Herzen wissen sie, dass es besser wäre, wenn das Kind mehr spielen dürfte. Das war ja für mich das Aha-Erlebnis, als ich gesehen habe, wie die Zweijährigen in der Eltern-Kind-Gruppe spielen. Ich hab dann gleich mitgespielt", sagt Ce Zhang.

Dann hat sie an weiteren EKP-Gruppen und Fortbildungen teilgenommen und ihren ehemaligen Schulfreunden davon berichtet. Vor allem eine Schulfreundin, eine Musikerin, war begeistert von dem Konzept. Und drei Bekannte waren bereit, das EKP-Kinderhaus zu finanzieren. Das Angebot ist auf große Resonanz gestoßen: 80 Kleinkinder sind in verschiedenen Spiel-, Eltern-Kind-Gruppen und auch Großeltern-Kind-Gruppen angemeldet. Da oft beide Eltern arbeiten, sind es meist die Großeltern, die sich um das Enkelchen kümmern. Weil bis vor kurzem die Ein-Kind-Politik galt, kommen auf jedes Baby sechs Erwachsene. Es gibt jedoch nur wenige Angebote in Frühpädagogik, weshalb die Ideen aus Bayern auf ein solches Interesse stießen.

Das EKP-Shanghai beschäftigt acht staatlich geprüfte Erzieherinnen mit abgeschlossenem Pädagogik- und/oder Psychologie-Studium und etwa zehn Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen, alle offen für alternative Methoden. "Bei uns steht das Spiel in der Gruppe im Vordergrund. Das ist neu in der chinesischen Gesellschaft. Es fehlt sowohl das Spielen mit Geschwistern wie auch die Geschwister-Konkurrenz", sagt Petra Bezdek, die zusammen mit ihrer Schwester Monika und ihrer Tochter Hanna mehrere Schulungen für die Erzieherinnen und Gruppenarbeit mit Eltern angeboten hat. "Wir machen in unseren Gruppen ja auch physikalische Experimente, wie mit Eis und Wasser, aber spielerisch und an die Jahreszeiten angelehnt", berichtet Petra Bezdek. Das habe die Eltern sehr fasziniert, weil es Arbeit und Spiel zusammenbringe. "Eine Mutter hat erzählt, dass sie ihre noch nicht mal eineinhalbjährige Tochter nicht herumhüpfen lässt, denn sie soll ja das Stillsitzen lernen", erzählt Ce Zhang. Manche Vorschulkinder hätten nicht mal Zeit für Musik oder Sport, weil sie soviel lernen müssten und bis spät abends Hausaufgaben hätten. "Ich selbst hatte keine Kindheit, keine Zeit zum Spielen", sagt sie. Heute ist sie als Unternehmensberaterin tätig und glücklich, dass sie vor acht Jahren zusammen mit ihrem Sohn das Spielen erleben durfte. "Das Erstaunliche ist, dass die Kinder ganz locker sind und enorm viele Ideen haben. Wir haben einige richtig coole und kleine freche Kinder getroffen", erzählt Hanna Bezdek.

Trotz aller Euphorie, dem EKP-Kinderhaus steht eine hohe Hürde bevor: Der Erfolg steht und fällt mit den Ergebnissen der Tests für die Aufnahme in den Kindergarten.