Kloster Andechs:Wo Bier zur Kunst wird

Der Heilige Berg verwandelt sich in diesen Tagen wieder in ein Outdoor-Atelier. Drei Künstler schaffen in nur einer Woche Skulpturen und beglücken damit auch Kinder.

Von Astrid Becker, Andechs

Normalerweise sind Bildhauer recht einsame Geschöpfe. Ihre Skulpturen fertigen sie meist in Ateliers, fern ab von anderen Menschen, nur ihrem Werk und ihrem Innersten gilt ihre Konzentration. So könnte man es zumindest zusammenfassen, was Gabi Blum aus München, Stefanie von Quast und der in Kanada arbeitende Pole Ryszard Litwiniuk erzählen. Doch diesmal ist alles anders. Die Drei haben das Symposium "Kunst und Bier" gewonnen und haben dafür den geschützten Raum verlassen: Am Heiligen Berg, genauer gesagt im Skulpturenpark unterhalb des Bräustüberls, finden sich die meisten von ihnen in ungewohnten Rollen ein. Sie erschaffen nicht nur vor den Augen der vielen Besucher dort ihre Arbeiten zum Thema Bier, sondern sie müssen auch laufend Fragen beantworten - auch von den Kindern, denen sie beim Andechser Ferienprogramm Kreativität vermitteln sollen.

Die Lust darauf, Kinder in kleine Künstler zu verwandeln, ist längst eines der Kriterien, die die Jury anlegt, um unter den vielen Bewerbern - heuer waren es trotz Pandemie 21 aus aller Welt - die richtigen für die Outdoor-Kunstaktion beim Kloster Andechs zu finden. Das mag einerseits daran liegen, dass die Gemeinde Andechs zusammen mit dem Kloster das Symposium finanziell unterstützt und sich das ausbedungen hat. Andererseits auch daran, dass Künstler das Kindliche in sich bewahren müssten, meint Gabi Blum: "Das ist harte Arbeit", erzählt sie. Sie habe lange dafür gebraucht, um das Kind in sich wieder zu finden, das sie vor allen Dingen durch ihre Erfahrungen im Kunstunterricht in der Schule zerstört fand.

Deshalb ist sie regelmäßig in Grundschulen zu Gast für Kunstprojekte. Damit dürfte sie die Jury - bestehend aus Pater Anno Bönsch, dem Andechser Bürgermeister Georg Scheitz, Klostersprecher Martin Glaab und dem Leiter des Symposiums, dem Künstler Hubert Huber - überzeugt haben. Denn das, was sie als Projekt einreichte, erfüllt ein weiteres Kriterium vermutlich nicht: Das am Heiligen Berg erschaffene Werk sollte zwei Jahre Wind und Wetter aushalten können, ehe es wieder in den Besitz des Künstlers übergeht. Doch so lange werde ihr jetziges Projekt zu "Corona" kaum bestehen, meint sie. Sie bezieht sich damit auf die Zeit des Lockdowns, in der sich Menschen zu zweit an Hausecken auf ein schnelles Bier getroffen haben. "Cornern" wird dies genannt. Daher will sie nun "ein Monument" , also eine Hausecke, schaffen, die sie als Huldigung an diese Zeit versteht. Das Besondere daran ist, dass sie ursprünglich ihre Ecke am Ende selbst mit Graffiti besprühen wollte und nun ein Großteil dieser Arbeit von den Kindern im Rahmen des Ferienprogramms erledigt worden ist. Das heißt: Erstmals haben die Kinder im Alter von sechs Jahren an selbst Kunst im Skulpturenpark geschaffen. "Das war toll", erzählt zum Beispiel die neunjährige Caty, die ihren Namen an die Wand gemalt hat. Ein Schriftzug, wie von einem Profi-Sprayer.

Doch auch richtig schweres Gerät kommt zum Einsatz: Die Motorsäge, mit der der international renommierte Ryszard Litwiniuk seine Skulptur "Samen" aus einem Eichenstamm erschafft, indem er geometrische Elemente in organische abstrakte Objekte verwandelt. "Transformation" nennt er das; etwas, das in der Natur ständig geschehe: Diese vermehre sich pausenlos und stelle biologische Formen wieder her: "Aus denselben molekularen Ursprüngen entstehen Tausende Arten voller unendlicher Individualität." Für die Kinder sägt er dicke Scheiben aus seinem Stamm, die diese bemalen und mit nach Hause nehmen dürfen. "Ein echter Profi", sagt Huber über ihn, einer, der weltweit immer wieder zu Naturkunst-Symposien eingeladen werde und zu Einzel- und Gruppenausstellungen. In Andechs ist er allerdings zum ersten Mal: "Er hat sich schon öfter beworben, aber er kommt von so weit her, man fragt sich da, ob der Aufwand im Verhältnis steht zu dem, was die Künstler hier bekommen", sagt Huber: 500 Euro plus freie Kost und Logis im Kloster.

Regionale Künstler seien ihm aber auch wichtig, sagt der Symposiumsleiter und verweist auf Stefanie von Quast, die aus dem Landkreis Wolfratshausen angereist ist und Andechs von Kindesbeinen an kennt: "Ich wollte immer zu diesem Symposium, aber erst heuer hat es zeitlich gepasst." Sie ist jemand, der gern unterschiedliche Techniken und Materialien nutzt, um zwischen Bild und Skulptur zu wechseln, also zwischen zweiter und dritter Dimension. Ihr Thema ist immer der Mensch, und deshalb will sie auch am Heiligen Berg einen Stamm in ein "Biermadl" verwandeln, in eine junge Frau im Dirndl also, die einen Bierkrug in der Hand hält und auf einem Fass sitzt.

Am Donnerstag hat sie für die Kinder extra ihre Hündin Enya mitgebracht, nicht nur um Begeisterung für das Tier in den Kindern zu wecken, sondern auch ihren Blick auf Körper und Proportionen zu schärfen. Die Kleinen modellieren aus Ton kleine Hundefiguren. "Herrlich", kommentiert Sabine Boczkowski-Sigges, "die dürfen sich mal so dreckig machen wie wir es immer werden." 2018 hat sie auf dem Heiligen Berg "I mog Di" geschaffen, ein Hochzeitspaar, eine Torte und einen Bierkrug. Das Werk hat die Wahl-Hamburgerin nun abgeholt: Es soll nun eine Galionsfigur auf einem Schiff werden. Eine recht passende Idee: Die Künstlerin hat vor Kurzem ihr Atelier aufgegeben und arbeitet nun auf einem Boot. Einen geschützter Raum hat sie damit wohl nicht mehr. "Nein", sagt sie, "im Gegenteil. Das ist wackelig und macht mir manchmal sogar noch Angst."

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