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Corona-Krise:Fitness-Studio geht die Puste aus

Siegfried und Angela Wodzka haben das Sportstudio in Gilching 2009 übernommen und fürchten jetzt die Insolvenz.

(Foto: Arlet Ulfers)

Siegfried Wodzka kann für sein Sportcenter keine Staatshilfe beantragen, weil Mitglieder noch Beiträge zahlen. Der Gilchinger bangt um sein Familienunternehmen.

Von Jessica Schober

Erst kommt das Bankdrücken, dann die Beinpresse, dann die Rückenmaschine. Immer eine Muskelgruppe pro Tag trainiert Siegfried Wodzka. Manchmal lässt er das Radio laufen, damit es nicht so still ist im Studio. Normalerweise ist hier nach Neujahr viel los, alle wollen die guten Vorsätze umsetzen. Doch jetzt ist es leer. Der 57-Jährige ist der einzige, der hier trainiert, er hält an seinem Trainingsplan fest, übt an den rund 30 Geräten im Gilchinger Sportstudio. Das Fitnessstudio gehört ihm und seiner Frau Angela, seitdem sie es 2009 übernommen haben. Allerdings fragt sich Wodzka, wie er das alles noch stemmen soll. Nicht die Gewichte, sondern die drückenden Geldsorgen durch die Coronakrise. Er bekommt keine staatlichen Hilfen und sieht sich nahe der Insolvenz.

"Vom ersten Tag an war ich hier", sagt der Fitnesstrainer, Studioinhaber und gelernte Feinmechaniker. 1994 begann er seine Arbeit. Um das Studio vom Vorgänger abzulösen, nahm er Kredite in Kauf. Auch für die Renovierung im vergangen Winter kam nochmals ein Kredit von rund 20 000 Euro hinzu. Auf einer Grundfläche von etwa 560 Quadratmetern bietet er seinen Mitgliedern Geräteraum, Gruppenraum, Umkleiden, Duschen und eine Sauna. Es ist ein kleines inhabergeführtes Studio, in dem auch viele ältere Mitglieder trainierten. "Bei uns stehen nicht ständig drei Leute an einem Gerät Schlange, bis sie endlich ran dürfen", sagt Wodzka. Manche seiner Kunden kämen mit einem neuen Kniegelenk, andere nach einem Schlaganfall oder mit Herzproblemen. "Viele kommen zum Präventivtraining, das hier ist nicht bloß eine Muckibude zum Pumpen."

Eine dreistellige Anzahl von Mitgliedern zahlen Wodzka weiterhin monatlich Gebühren, auch wenn das Studio wegen der Corona-Pandemie seit Monaten geschlossen ist. Weil er also momentan keinen drastischen Umsatzrückgang nachweisen kann, kann Wodzka nach eigenen Angaben keine staatliche Unterstützung anfordern. Dabei hätten viele Mitglieder nur unter der Bedingung weitergezahlt, dass sie die Monate, in denen das Studio geschlossen war, später kostenfrei trainieren können. "Von einem Umsatz im steuerrechtlichen Sinne kann aber nach den Monaten der Schließung nicht gesprochen werden, da die Leistung zu einem anderen Zeitpunkt ohne Entgelt erfolgt", so Wodzka.

Er fürchtet weitere Kündigungen, normalerweise schließt er in dieser Zeit des Jahres viele neue Jahresverträge ab. Er hat einen Brief an Ministerpräsident Markus Söder geschrieben, in dem steht: "Anders als in Branchen wie Gastronomie, Einzelhandel oder wie zum Beispiel in Kosmetik- oder Nagelstudios, die von einem Tag auf den anderen über keine Einnahmen mehr verfügen und dies auch umsatzsteuerrechtlich sofort belegen können, wird es in der Fitnessbranche ein schleichender Prozess sein, dass die Umsätze sich durch die von der Regierung beschlossenen Schließungen drastisch reduzieren."

Von der Regelung, dass Unternehmer für die Zeit des Lockdowns 75 Prozent ihres Umsatzes aus 2019 erstattet bekommen, profitiert er nicht. "Wir bekommen keinen Cent, weil wir dafür auf dem Papier noch zu viel Umsatz haben", sagt Wodzka. Dabei seien die langfristigen Umsatzeinbrüche schon klar absehbar, nur eben zeitverzögert. Rund zehn Prozent der Mitglieder hätten bereits gekündigt, weil sie das Studio nicht nutzen können, "jede Kündigung schmerzt". Es sei zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel, sagt er mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit seines Familienunternehmens. Beide Jobs der Wodzkas hängen am Sportstudio, das Ehepaar hat einen 17-jährigen Sohn, auch die Miete für die Wohnung in Alling muss bezahlt werden. Für die zwei Mitarbeiter musste Wodzka im November Kurzarbeit anmelden, das Kurzarbeitergeld bekam er erst jetzt Anfang Januar. Und auch der Steuerberater kostet Geld für die Beratungen, bei denen doch nur herauskam, dass es keine staatliche Unterstützung gibt. Um die Bestandskunden nicht zu verlieren, bietet Wodzka wie viele andere Studios auch Online-Kurse über Zoom an. Das Angebot hilft bloß jenen nicht weiter, die gern im Gerätepark trainieren würden.

"Wir kennen unsere Leute beim Namen", sagt Wodzka, er ist gerührt von der Anteilnahme, die er erfährt. Ein Mitglied fragte ihn kürzlich: "Wann können wir wieder aufsperren?" Es ist das Wörtchen "wir" in dem Satz, das Wodzka hoffen lässt.

© SZ vom 11.01.2021
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