Artenvielfalt Wie man in seinem Garten ein Biotop für Blumen und Bienen schafft

Zum Start in die Saison lockert Jana Schmaderer mit der Pendelhacke nur die oberste Schicht im Beet. Umgegraben wird zum Schutz der Bodenfauna nicht.

(Foto: Nila Thiel)

Jana Schmaderer setzt auf ihren 300 Quadratmetern in Andechs etwa auf Schachbrettblume und Traubenhyazinthe. Die SZ begleitet sie in einer Serie bis in den Herbst.

Von Armin Greune

Das Artensterben vor der eigenen Haustür hat viele alarmiert. Was kann der Einzelne dazu beitragen, dass sich in seinem Umfeld eine Vielfalt von Pflanzen, Insekten, Vögeln und anderen Tieren hält oder entwickelt? Vielleicht sogar im eigenen Garten? Und können sich dann auch noch die Menschen entfalten - zum Spiel, zur Erholung oder zum Anbau von Obst und Gemüse? Dass dies auch auf kleineren Flächen möglich ist, zeigt der etwa 300 Quadratmeter große Garten von Jana Schmaderer in Erling. Bis in den Herbst begleitet die SZ die 50-Jährige immer wieder in einer Serie, um von der Aussaat bis zur Ernte erfreuliche Entdeckungen oder bittere Rückschläge zu dokumentieren.

Von Schmaderers Erfahrungen können alle profitieren - auch wenn sie nicht so viel Zeit und Leidenschaft für die Grünpflege aufbringen können, wie die geprüfte Gartenbäuerin. Auf Schmaderers schmaler Scholle finden sich viele abgegrenzte Bereiche: von Blumenkübeln mit Heidelbeeren und Hängeweide über das begrünte Garagendach bis zum Trockenbereich mit kleinem Gartenteich. Einzelne Elemente lassen sich stückweise auch anderswo ohne allzu großen Aufwand übernehmen. Allmählich kann man sich so dem idealen Naturgarten annähern, Geduld gehört dazu, Perfektion ist ohnehin unerreichbar. "Ich bin immer noch ständig am Ausprobieren", sagt Schmaderer, die ihren Garten am Neubau 2014 angelegt hat. Einen fixen Plan hat sie sich für heuer nicht zurechtgelegt, so bleibt auch Raum für Spontaneität.

Die ökologisch wertlose Forsythie darf bleiben - weil sie schön aussieht

Zur flexiblen Gartengestaltung gehören Kompromisse: Auch vor Schmaderers Augen findet eine einzelne Forsythie Gnade, selbst wenn deren leuchtend gelbe Blüten für Insekten absolut wertlos sind. Der Löwenzahn wird ausnahmsweise im Beet geduldet, weil er gerade dort mit den Nachbarblumen so einen reizvollen Farbkontrast abgibt. Auch allerlei kunsthandwerklicher Zierrat, dessen Nutzen für die Natur gegen Null geht, der aber das Auge erfreut, ist im Garten wie beiläufig verstreut.

Wenig Kompromisse sollte man allerdings beim eigenen Einsatz im Garten eingehen. Wer da bloß lästige Plackerei sieht, hat nicht begriffen, wie vielseitig sich die Freizeit an der frischen Luft vorm Haus gestalten lässt. In kurzer Zeit wechseln sich körperliche Mühsal und Erholung, Pflicht und Belohnung ab: Beim Jäten unerwünschter Wucherer finden sich unverhofft Erdbeeren zum naschen. Während man auf den Knien eine Staude eingräbt, erscheinen nur ein paar Meter entfernt zwei Amselhähne, die zeternd ein heftiges Turnier ausfechten.

In einem lebendigen Garten werden alle Sinne beglückt

Beim Einsammeln lästiger Schnecken stößt man auf eine rare, bizarre Raupe, die ein wunderbares Fotomotiv abgibt. Und ein sonores Brummen lenkt die Aufmerksamkeit auf eine adipöse Hummelkönigin, unter deren Gewicht der Blütenstand der Primel zusammenzubrechen droht. Kurzum: in einem lebendigen Garten werden alle Sinne gefordert und beglückt. Der Hobbygärtner leistet keine entfremdete Arbeit - er kann sich seine Tätigkeiten frei aussuchen und einteilen, sie entsprechen seiner Natur, und ihre Produkte kommen ihm unmittelbar zu Gute.

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Für Jana Schmaderer hat die Selbstversorgung aus dem Garten einen hohen Stellenwert. So hat sie dort im letzten Jahr etwa Äpfel, Pfirsiche, Felsenbirnen, Rhabarber, Quitten, Mai-, Brom- und Jostabeeren geerntet und verarbeitet. Gemüse wuchs auf vier Hochbeeten, der Kürbis auf dem Kompost. "Meine besondere Leidenschaft aber sind Tomaten", sagt Schmaderer. Zehn Sorten aus eigenem Saatgut zieht sie gerade hoch, noch warten die zarten Pflänzchen im Wohnzimmer darauf, ins Freie gesetzt zu werden.

Bei allem gärtnerischen Eifer bleibt aber auch Platz für scheinbare Verwahrlosung. Vor dem Häckseln lässt sie Strauch- und Staudenschnitt erst mal im Garten liegen, damit die in den Zweigen und Halmen verborgenen Insektenlarven schlüpfen können. Totholz rottet in einer Ecke langsam vor sich hin, für einen Haufen Steine sucht Schmaderer noch nach einem geeigneten Ort. Sie werden im Garten oft unterschätzt: Lücken zwischen Steinen bieten vielen Lebewesen von der Ameise bis zur Eidechse Schlupfwinkel und Brutraum. Gern hätte Schmaderer an der Ostseite des Hauses eine schräg aufsteigende Trockenmauer aufgeschichtet, doch dazu war der Abstand zum Nachbargarten zu eng. Stattdessen stützt nun eine Reihe kleiner Granitstelen die Beete, in denen gerade Veilchen und Bergenien blühen.

Ein Garten ist kein zweites Wohnzimmer

Dass Kies-, Schotter- und Steinplattenflächen Gärten in lebensfeindliche Wüsten verwandeln können, ist auch in Schmaderers Nachbarschaft am Sonnenanger zu sehen. Den eigenen Vorplatz haben sie und ihr Mann Peter teilweise mit buntem Granit gestaltet, das Muster einer Spirale soll den Kreislauf des Lebens symbolisieren. Auch ihr kleiner Fuhrpark braucht schließlich Stellplätze, doch das Pflaster ist unverfugt verlegt, damit Regenwasser rasch versickern kann. "Manche Leute machen den Fehler, im Garten so etwas wie ein zweites Wohnzimmer zu sehen", meint Jana Schmaderer: "Da muss dann alles aufgeräumt und steril sein." Dabei ließe sich wohl in jedem Hausgarten ein Fleckchen finden, das schrittweise ein bisschen verwildern darf, ohne dass gleich sämtliche gewohnten Ordnungsprinzipien über den Haufen geworfen werden.

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