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Flüchtlingshelfer:Protest gegen Polizeieinsatz in Kraillinger Asylunterkunft

Eine Kontrolle eskaliert, eine ältere Bewohnerin erleidet einen offenen Armbruch. Gegen einen 18-Jährigen ergeht Haftbefehl. Der Helferkreis schaltet einen Anwalt ein.

Von Michael Berzl

Nach dem Großeinsatz der Polizei in der Flüchtlingsunterkunft in Krailling übt der Bayerische Flüchtlingsrat scharfe Kritik am Vorgehen der Beamten. "Diese erneute Eskalation zeigt, dass die Polizei keinen Plan und keine Idee hat, vielleicht auch kein Interesse, wie eine erhitzte Situation deeskaliert werden kann, sondern blind ins Geschehen rennt und dann die fast schon obligatorische Hundertschaft zum Einsatz bringt", erklärt Sprecher Stephan Dünnwald. Schon am Donnerstag hatten Augenzeugen den Einsatz in der Containeranlage am Ortsrand als völlig überzogen beschrieben.

Eine etwa 73 Jahre alte Frau sei demnach bei einer Auseinandersetzung mit Polizisten verletzt worden, habe einen Bruch am Arm erlitten und müsse im Krankenhaus behandelt werden. Ein 18-jähriger Afghane, der sich einem Security-Mitarbeiter und dem Leiter der Unterkunft gegenüber aggressiv verhalten haben soll, wurde dem Ermittlungsrichter vorgeführt. Es wurde Haftbefehl wegen Fluchtgefahr beantragt, teilte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft mit. Dem jungen Mann werden Bedrohung, Angriff auf Vollstreckungsbeamte, vorsätzliche Körperverletzung und Beleidigung zur Last gelegt. Neun weitere Männer wurden vorübergehend festgenommen und erkennungsdienstlich behandelt. Mehrere Handys wurden beschlagnahmt. Der Kraillinger Helferkreis hat einen Rechtsanwalt eingeschaltet, sagte Koordinatorin Sonia Welski-Preisser.

Drei Polizeieinsätze nacheinander

In der Unterkunft hatte es am Donnerstag nacheinander drei Polizeieinsätze gegeben. In den frühen Morgenstunden rückten mehrere Streifenwagenbesatzungen zu einer Begehung an. In Abstimmung mit der Regierung von Oberbayern sollte überprüft werden, ob sich nur die dort gemeldeten Personen aufhalten.

Zumindest einer der Bewohner war darüber so empört, dass er sich später bei dem für die Anlage zuständigen Betreuer und dem Hausmeister beschwerte. Nach Angaben der Polizei griff der 18-Jährige sie dabei körperlich an und bedrohte sie mit dem Tod. Daraufhin wurde die Planegger Polizei alarmiert, um den Mann festzunehmen, der sich jedoch wehrte. Er wurde nach Angaben des Präsidiums wegen Körperverletzung, Bedrohung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte angezeigt. Augenzeuge des Gerangels auf dem Kiesplatz vor dem eingezäunten Gelände wurde ein Mitarbeiter des Evangelischen Diakonievereins, der die Asylbewerber psychologisch betreut. Er habe beobachtet, wie sich die 73-Jährige einmischte, um ihrem Sohn zu helfen, von einem Polizisten aber regelrecht weggeschleudert worden sei. Die Frau habe im Gesicht geblutet und sei in einem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht worden. Ermittlungen gegen an dem Einsatz beteiligte Polizeibeamte würden nicht geführt, teilt die Staatsanwaltschaft mit.

Beamte mit Helm und Schlagstock

Nach Darstellung des Münchner Präsidiums haben während der Festnahme mehrere Bewohner Beamte mit Steinen und Glasflaschen beworfen. Ein Streifenwagen sei dabei leicht beschädigt worden. Deswegen wird gegen neun weitere Bewohner wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung und Landfriedensbruchs ermittelt. Es gibt aber auch eine andere Version, die auch bei einer Krisensitzung von Flüchtlingen und Helferkreis am Freitagabend zu hören war. Demnach soll nur eine Frau und sonst niemand eine Wasserflasche und Steine nach den Polizisten geworfen haben.

Nach dem Angriff wurden eine Hundertschaft und das Unterstützungskommando angefordert. "Durch zahlreich hinzugezogene Polizeikräfte konnte die Situation schnell unter Kontrolle gebracht werden", heißt es in einer Mitteilung des Präsidiums. Ein 77-jähriger Augenzeuge beschrieb den Einsatz der zum Teil mit Helmen und Schlagstöcken ausgerüsteten Beamten, die auch Hunde dabei hatten, als "extrem martialisch". In seinen Augen war das eine "Demonstration der Macht".

Der Kraillinger Helferkreis versucht nun, juristische Hilfe zu organisieren. Die psychologischen Folgen des Polizeieinsatzes sind nach den Worten der Koordinatorin Welski-Preisser verheerend. "Die ganze Aufbauarbeit der vergangenen vier Jahre ist damit gefährdet", befürchtet sie. Flüchtlinge, die im Iran und Afghanistan mit Folter und Polizeigewalt konfrontiert gewesen seien, würden nun erneut traumatisiert.

© SZ vom 29.06.2019

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