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Armut:Landkreis Starnberg zahlt Sozialhilfeempfängern die Verhütung

Bedürftige Frauen können sich die Pille bislang oft nicht leisten. Die Kassen übernehmen die Kosten nicht, die für Abtreibungen dagegen schon.

Von David Costanzo und Christian Deussing

Ist das der richtige Zeitpunkt für ein Baby? Wie sage ich es meinem Mann? Kann ich das meinen anderen Kindern zumuten? Wie sollen wir uns das leisten? Oder doch abtreiben? Immer wieder sitzen bedürftige Frauen in den Beratungsstellen, die mit sich und ihrer ungeplanten Schwangerschaft ringen. "Ich habe noch keine Frau bei mir sitzen gehabt, die eine Entscheidung zum Abbruch leicht nehmen konnte", sagt Sophie von Wiedersperg, Gleichstellungsbeauftragte im Landratsamt und Mitarbeiterin in der Schwangerschaftsberatung. "Das ist immer mit Leid verbunden."

Das Landkreis will dieses Leid lindern und am besten gleich verhindern, dass bedürftige Frauen in so eine Zwangslage kommen: Von kommendem Jahr an soll das Landratsamt die Kosten für Langzeit-Verhütung mit Spirale, Hormonimplantat und Diaphragma oder Sterilisation bei Frauen oder Männern übernehmen. Der Sozialausschuss hat am Mittwoch einstimmig den Vorschlag der Verwaltung befürwortet, einen Fonds mit 20 000 Euro etwa für Bezieherinnen von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe einzurichten. Der Kreisausschuss muss den Beschluss am Donnerstag noch bestätigen.

Seit den Sozialreformen von 2004 zahlt die Krankenkasse die Pille nur noch bis zum 20. Lebensjahr. Danach räumt der Hartz-IV-Satz von derzeit 416 Euro Frauen wie Männern genau 15,80 Euro für Hygiene und Gesundheit ein. Allein die Pille kostet rund zehn Euro im Monat, andere Methoden sind wesentlich teurer. Das können sich im Landkreis Starnberg manche Alleinerziehende, Hartz-IV-Empfängerinnen, Aufstockerinnen, Flüchtlinge und sogar schon Auszubildende und Studentinnen mit Bafög nicht leisten. Die Kosten für eine Abtreibung übernimmt dagegen der Freistaat. So ist die Moral verteilt.

Die Initiative geht auf die Schwangerschaftsberatungsstellen im Landkreis zurück. "Wir wollen Schwangerschaften nicht generell verhindern, sondern die Zahl der ungewollten und ungeplanten Schwangerschaften reduzieren, weil diese in Abbrüchen oder in unglücklichen Lebensverhältnissen enden können", erklärt Sophie von Wiedersperg, die Wert darauf legt, dass sie die Initiative nicht nur als Schwangerenberaterin, sondern vor allem als Gleichstellungsbeauftragte vorantreibt.

Der Landkreis Fürstenfeldbruck und die Stadt München verfügen längst über solche Fonds. Der Beraterin und ihren beiden Kolleginen im Gesundheitsamt in der Dampfschiffstraße fallen auf Anhieb zehn Frauen aus Starnberg ein, die so eine Unterstützung dringend benötigten. Schwangere aus dem Landkreis hätten sogar schon vergeblich in Fürstenfeldbruck um Hilfe gebeten. Die Pille und Kondome will der Landkreis künftig nicht übernehmen, weil die Frauen sie in ihrer Not verkaufen könnten.

Mehr Arme im reichen Landkreis

Immer mehr Menschen sind im Landkreis Starnberg auf Sozialhilfeleistungen oder Grundsicherung wegen Arbeitslosigkeit angewiesen. Waren es im Jahr 2005 noch 3087 Männer und Frauen, so stieg die Zahl bis Ende 2017 auf 3461 Personen. Das sind in einem der reichsten Landkreise Deutschlands knapp vier Prozent aller Einwohner. Aus dem aktuellen Sozialbericht des Landkreises, der am Mittwoch vorgelegt wurde, geht hervor, dass einige Gruppen besonders vom Armutsrisiko betroffen sind. Demnach tragen Ausländer ein deutlich höheres Armutsrisiko als deutsche Bürger, vor allem anerkannte Asylbewerber und Flüchtlinge. Seit dem Jahr 2016 seien Männer häufiger von Armut betroffen als Frauen. Als Ursache wird die Zuwanderung von mehrheitlich männlichen Asylbewerbern genannt und deren Übergang in das Leistungssystem. Ein großer Sprung bei der Kinderarmut lasse sich ebenfalls auf Kinder von anerkannten Asylbewerbern zurückführen. Seit Jahren steige das Risiko, im Alter - also mit 65 Jahren und älter - zu verarmen. 509 Personen bezogen Grundsicherung, davon mehr Frauen, nämlich 288. Für Hilfe zum Lebensunterhalt, Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung wurden rund fünf Millionen Euro ausgegeben, dazu rund 17 Millionen für Unterkunftskosten, Regelleistungen und Sozialversicherungsbeiträge bei der Grundsicherung für Arbeitssuchende. Zu den Hilfeempfängern kommt noch die sogenannte verdeckte Armut. Sie wird deutschlandweit auf fünf Prozent aller Haushalte geschätzt. manu

Auch Carla Sauer-von Kirchbach von der Diakonie kennt die "prekäre Situation", wie sie es nennt, mancher Frauen. Mehr als 100 Schwangere suchen im Jahr in der Beratungsstelle in Gilching Hilfe, etwa jede dritte gilt als bedürftig. Die stellvertretende Leiterin würde sich freuen, wenn sie Frauen unterstützen könnte, die ihre Familienplanung in die Hand nehmen.

Die Argumente für diesen Fonds überzeugten am Mittwoch die Mitglieder im Starnberger Sozialausschuss. Es sei eine "sinnvolle Investition", denn diese Verhütungsmittel sollten für jeden zugänglich sein, hieß es Gremium. Das Hilfsangebot müsse aber eher als "Brücke" dienen, denn eigentlich sollten die Krankenkassen diese Verhütungsmittel zahlen, meinte dazu Wolfgang Weber-Guskar (FDP).

© SZ vom 08.11.2018

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