Umstrittene Entscheidung:Bühne frei für Rammstein

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Umstrittene Entscheidung: Eindrucksvolle Bühne: Im Juni spielte die Band Rammstein im dänischen Aarhus.

Eindrucksvolle Bühne: Im Juni spielte die Band Rammstein im dänischen Aarhus.

(Foto: Sebastian Dammark/Imago/Gonzales Photo)

SPD, CSU und FDP stimmen im Stadtrat für ein Silvester-Konzert mit 145 000 Besuchern auf der Theresienwiese. Nun muss der Veranstalter schnell ein genehmigungsfähiges Sicherheitskonzept vorlegen. Das zuständige Kreisverwaltungsreferat hat Zweifel.

Von Heiner Effern

Der Stadtrat hat den Weg frei gemacht für ein Großkonzert der Band Rammstein in der Silvesternacht. Die Vertreter von SPD, CSU und FDP votierten für den geplanten Auftritt vor 145 000 Besuchern auf der Theresienwiese und überstimmten damit Grüne, ÖDP und Linke. Nun liegt es am Veranstalter Klaus Leutgeb und seinem Team, dem zuständigen Kreisverwaltungsreferat (KVR) ein genehmigungsfähiges Konzept vorzulegen. Nur wenn das gelingt, wird Rammstein am 31. Dezember auftreten können. Der Stadtrat beschloss am Mittwoch lediglich, die Theresienwiese zur Verfügung zu stellen.

SPD und CSU betonten in der Debatte, dass München ein solches Großereignis an Silvester gut zu Gesicht stünde. Alleine die Ankündigung der Pläne für ein Silvesterkonzert von Rammstein habe eine "Riesenbegeisterung" ausgelöst, sagte der CSU-Fraktionsvorsitzende Manuel Pretzl. Die Stadt könne ein Signal der "Coolness, der Lockerheit und der Weltoffenheit" senden. Er sei überrascht, dass die Grünen sich "als Speerspitze der Verhinderung" präsentierten. "Vielleicht ist grün doch das neue spießig."

Die SPD gehe die Konzertfrage "offen" an und wolle schauen, was möglich ist, sagte Fraktionschefin Anne Hübner. München sei kein Dorf, wolle gerne Großstadt, manchmal sogar Weltstadt sein. Bei so einer Anfrage sei es wichtig, "nicht immer nur 1000 Bedenken ins Feld zu führen, sondern auch mal die Chancen zu sehen". Der Veranstalter solle keine Karten in den Vorverkauf geben, bevor die Durchführung des Konzerts nicht gesichert sei. München sei stark im "Beharren", es dürfe auch mal eine Veränderung geben. Silvester sei auch ansonsten keine "Stille Nacht". Rammstein würden in einem Lied von Ruhestörung singen, für einen Tag im Jahr könne München eine solche gut vertragen.

Die Grünen lehnten das Konzert ab und verwiesen dabei vor allem auch auf die Kritik der Sicherheitsbehörden am geplanten Silvesterkonzert. Der Stadtrat werde zu einem "wahnsinnigen Schnellschuss" gezwungen, ärgerte sich die Fraktionsvorsitzende Mona Fuchs. Die Beschlussvorlage des für die Theresienwiese zuständigen Wirtschaftsreferenten habe die Fraktion "ratlos" hinterlassen. Es seien viele Fragezeichen geblieben, ein besonders großes beim Thema Sicherheit. Es gebe nicht mal die Idee eines Konzepts dafür, das gleiche gelte für den Verkehr.

Das KVR warnt vor einem "riesigen Druck" auf die Sicherheitsbehörden

Fuchs verwies auch auf die Kritik der Sicherheitsbehörden am Veranstalter Leutgeb, der kürzlich laut Polizei beim ebenfalls von ihm organisierten Großkonzert von Andreas Gabalier auf dem Messegelände in Riem kein zufriedenstellendes Sicherheitskonzept vorgelegt habe. Dazu führte sie die Sorgen des Winter-Tollwoods an, das ebenfalls auf der Theresienwiese stattfinden wird, und trug Bedenken wegen der Lautstärke vor. Insgesamt sei die Zustimmung gerade wegen der Sicherheit "unseriös, wenn nicht sogar fahrlässig".

Kreisverwaltungsreferat (KVR) und Polizei wiederholten ihre großen Bedenken, die sie zuvor bereits in schriftlichen Stellungnahmen abgegeben hatten. Sie halten die viereinhalb Monate Vorbereitungszeit für viel zu kurz, die noch bis Silvester bleiben. KVR-Chefin Hanna Sammüller-Gradl führte als Beispiel die Großkonzerte in der Messe Riem an, die vom selben Veranstalter organisiert werden. Diese seien ein guter Vergleichsmaßstab, weil ebenfalls sehr viele Besucher dort zum ersten Mal für ein Großkonzert zusammenkamen. "Dort haben wir elf Monate Zeit gehabt", sagte sie, und man hätte durchaus noch mehr gebraucht.

Sammüller-Gradl wies darauf hin, dass ein "riesiger Druck" auf die Sicherheitsbehörden entstehen könnte. Wenn Fans nun Karten kaufen würden, Hotelzimmer buchen und eventuell den Urlaub anders organisierten, werde eine Absage zwei Wochen vor dem Konzert extrem schwierig und berge ein Klagerisiko. Die Polizei verwies zudem auf die ohnehin für ihre Mitarbeiter stressige Silvesternacht. "Da geraten wir absolut an die Grenzen", sagte der leitende Polizeidirektor Gerhard Bayer.

Die Linke kritisierte die Kommerzialisierung der Theresienwiese und die Kurzfristigkeit der Vorlage. Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU) mache den Stadtrat "zu einem Hampelmann", sagte Sprecher Stephan Jagel. In einem Zwischenruf bezichtigte er Baumgärtner der "Spezlwirtschaft" mit dem Veranstalter Leutgeb. Der Wirtschaftsreferent nannte das eine nicht hinnehmbare Diffamierung und kündigte an, rechtliche Schritte gegen Jagel einzuleiten. Die ÖDP findet es "Unsinn", mit der Theresienwiese dem städtischen Olympiastadion Konkurrenz zu machen. Wenn es ein Silvesterkonzert mit Rammstein geben sollte, dann nur dort, sagte Sprecher Tobias Ruff.

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