bedeckt München

Kolumne "Linksaußen":Groundhopping nach Jerusalem

RB Leipzig - FC Liverpool

Die Ferenc-Puskas-Arena in Budapest, Heimspielstätte von RB Leipzig - Moment...

(Foto: Marton Monus/dpa)

Warum manche Fußballklubs ihr Stadion häufiger wechseln als ihre Unterwäsche.

Von Johannes Schnitzler

Otto Waalkes wird von deutschen Comedians als Urvater ihrer Kleinkunst verehrt. War Loriot der Doyen des Subtilen, der leise hingetupften Ironie, so ist Otto der Großmeister des Grobschnitts, der krachenden Kalauer und kotzenden Kängurus. Einer seiner Klassiker geht so: Ein Offizier tritt vor die Truppe und kreischt: "Soldaten! Endlich ist es uns gelungen, eine Genehmigung zu erhalten, die Unterwäsche wechseln zu dürfen!" Alle freuen sich. "Fangen wir sogleich damit an! Meier wechselt mit Schmidt, Krause wechselt mit Kowalski..." Ein Witz aus der Klamottenkiste des Humors. Im Juli wird der ewige Friesenjunge auch schon 73.

Wie so vieles ist auch die empfohlene Tragedauer von Unterbekleidung einem Kulturwandel unterworfen. Früher hieß es: "Dreck gibt Speck." Täglich die Unterwäsche wechseln? Was sollte das bringen, wenn man nur ein Mal in der Woche badete? Und dann im selben Wasser wie zuvor schon Oma, Opa, Vater, Mutter und der Rauhaardackel. Kann man auch gleich die alte Buxe anlassen. Bild hat die Diskussion dieser Tage mit einer knallhart recherchierten Geschichte auf ein neues, nun ja, Niveau gesenkt: "Wie viel kann ich mit getragenen Slips verdienen?" - da hatte die Reporterin wohl den richtigen Riecher.

Heute, im Zeitalter ubiquitärer Hygienevorschriften, gilt als Ausdruck höchster Anstößigkeit der naserümpfende Hinweis, manche Menschen wechselten dies und das häufiger als ihre Unterhose: Sexualpartner*innen, Autos, die Gesinnung. Oder Fußballstadien.

Der Traditionsverein RB Leipzig hat am Dienstag sein Champions-League-Heimspiel gegen Liverpool in Budapest ausgetragen. Das liegt zwar auch im Osten, aber ein gutes Stück außerhalb Sachsens, in Ungarn. Auch Mönchengladbach zieht für seine Partie gegen ManCity dorthin um. Grund ist, dass englische Teams nach aktuellen Corona-Regeln nicht nach Deutschland einreisen dürfen. Der TSV 1860 München, fest verpartnert mit dem Grünwalder Stadion, musste am Wochenende seinen Bus nach Völklingen umlenken. Der gastgebende 1. FC Saarbrücken wich dorthin aus, weil der Rasen im altehrwürdigen Ludwigspark nicht bespielbar war. Stattdessen wurde im Hermann-Neuberger-Stadion gekickt, benannt nach einem ehemaligen DFB-Präsidenten, der einen bedenklichen Hang zum soldatischen Muff pflegte. Und was sollen sie erst bei Türkgücü sagen? Der ehrgeizige Drittligist von der Bezirkssportanlage pendelt zwischen Olympiastadion und Giesing hin und her. Gerüchten zufolge verkehrt an Spieltagen ein Shuttle zwischen den Arenen, um verirrte Spieler aufzusammeln. Vorwerfen kann man das Türkgücü nicht. Anrüchig finden dagegen viele, dass der Klub sein Personal schneller wechselt als andere ihr Feinripphemd.

Diese Stadionreise nach Jerusalem ist freilich nur das Vorspiel. Im EM-Sommer will die Uefa den ganzen Kontinent mit Groundhoppern überziehen. Gespielt wird überall, wo noch Gras wächst und keine Pandemie im Strafraum lauert. Oder wie ein Vereinspräsident kürzlich zu uns sagte: "Wir müssen jetzt alle an einem String ziehen!"

© SZ
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema