Sicherheit Während der Wiesn fährt die U-Bahn am Rande des Zusammenbruchs

Überfüllte U-Bahnen sind zur Wiesn keine Seltenheit. Manchmal aber sehen selbst MVG-Leute "die Sicherheit nicht mehr gewährleistet".

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Pendler, Wiesngäste, Fußballfans: Ein internes Protokoll der Münchner Verkehrsgesellschaft zeigt, wie überlastet das System an solchen Tagen ist.
  • MVG-Verantwortliche warnen schon seit Jahren vor einer gefährlichen Überlastung der U-Bahn, insbesondere zur Wiesn.
  • Dieses Jahr will die MVG zur Wiesn mehr Mitarbeiter abstellen und einzelne Bahnhöfe früher zeitweise schließen.
Von Marco Völklein

Es geht eng zu an diesem Abend in der U-Bahn. Es ist laut und stickig. Die vielen Besucher, die dem Oktoberfest zustreben, sind unterwegs, daneben die Berufspendler auf dem Nachhauseweg. Dazu kommen Zehntausende Fußballfans, die um 20 Uhr zum Anstoß der Partie zwischen dem FC Bayern München und dem VfL Wolfsburg in der Arena sein müssen.

Das alles ist zu viel für die Münchner U-Bahn am Abend des 22. September 2015 - das System steht am Rande des Kollaps. In einem internen Bericht der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) heißt es, dass "die Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden konnte". Und dass selbst die Polizei nicht genügend Leute hatte, um in der Situation helfen zu können.

Wenn in zwei Wochen das 183. Oktoberfest beginnt, dann wird man fragen müssen, ob sich solch kritische Situationen wiederholen können. MVG-Mitarbeiter jedenfalls fürchten, "dass das irgendwann nicht mehr zu handhaben sein wird". Dass das "ganze System U-Bahn die Aufgaben, die an es gestellt werden, einfach nicht mehr lösen kann". Insbesondere dann, wenn drei Dinge zusammenkommen: Wiesn, Pendlerverkehr und Fußball.

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So wie am 22. September 2015. Der Einsatzleiter-Bericht der MVG, der der Süddeutschen Zeitung vorliegt, listet detailliert auf, was an diesem Abend geschah. Los geht es damit, dass bereits gegen 16.50 Uhr die Strecke von U 3/6 nahezu komplett ausgelastet ist. Wegen des Kindertags auf der Wiesn, so hält es der Einsatzleiter fest, "waren die Züge von Süden kommend bereits zu 100 Prozent gefüllt".

Insbesondere am Sendlinger Tor, am Marienplatz und am Odeonsplatz haben die Abfertiger und Ordner der MVG alle Hände voll zu tun. "Gegen 18.10 Uhr meldete der Kollege vom Odeonsplatz, dass er seine Züge nicht mehr abfertigen kann", heißt es in dem Bericht. Fahrgäste bleiben am Bahnhof zurück, aus U 4/5 drücken weitere nach.

"Der Strom an Fahrgästen von der Theresienwiese kommend riss nicht ab." Gegen 18.15 Uhr entscheiden die MVG-Verantwortlichen: Wir machen den südlichen Zugang am Odeonsplatz dicht. Postenketten schließen den Abgang von der Oberfläche, ebenso den engen Fußgängertunnel von der U 4/5. Doch der Bahnhof füllt sich weiter - bis an ein "grenzwertiges Limit", so der Bericht.

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Gegen 19 Uhr schließlich weiß sich der Einsatzleiter nicht mehr zu helfen - und ruft die Polizei. "Der Bahnhof Odeonsplatz war so stark überfüllt, dass die Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden konnte", notiert er im Protokoll. Fußballfans durchbrechen sogar die MVG-Absperrungen, die Züge stehen im Tunnel im Stau.

Eine Einsatzhundertschaft der Polizei soll anrücken und den Bahnhof räumen. Doch die kann nicht kommen: Am Telefon habe ihm der Polizeibeamte mitgeteilt, dass "keine freien Dienstkräfte so schnell zur Verfügung stehen", notiert der MVG-Einsatzleiter im Bericht. Diese würden frühestens in 30 bis 40 Minuten zur Stelle sein können.