Süddeutsche Zeitung

Sicherheit:Während der Wiesn fährt die U-Bahn am Rande des Zusammenbruchs

Lesezeit: 4 min

Von Marco Völklein, München

Es geht eng zu an diesem Abend in der U-Bahn. Es ist laut und stickig. Die vielen Besucher, die dem Oktoberfest zustreben, sind unterwegs, daneben die Berufspendler auf dem Nachhauseweg. Dazu kommen Zehntausende Fußballfans, die um 20 Uhr zum Anstoß der Partie zwischen dem FC Bayern München und dem VfL Wolfsburg in der Arena sein müssen.

Das alles ist zu viel für die Münchner U-Bahn am Abend des 22. September 2015 - das System steht am Rande des Kollaps. In einem internen Bericht der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) heißt es, dass "die Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden konnte". Und dass selbst die Polizei nicht genügend Leute hatte, um in der Situation helfen zu können.

Wenn in zwei Wochen das 183. Oktoberfest beginnt, dann wird man fragen müssen, ob sich solch kritische Situationen wiederholen können. MVG-Mitarbeiter jedenfalls fürchten, "dass das irgendwann nicht mehr zu handhaben sein wird". Dass das "ganze System U-Bahn die Aufgaben, die an es gestellt werden, einfach nicht mehr lösen kann". Insbesondere dann, wenn drei Dinge zusammenkommen: Wiesn, Pendlerverkehr und Fußball.

So wie am 22. September 2015. Der Einsatzleiter-Bericht der MVG, der der Süddeutschen Zeitung vorliegt, listet detailliert auf, was an diesem Abend geschah. Los geht es damit, dass bereits gegen 16.50 Uhr die Strecke von U 3/6 nahezu komplett ausgelastet ist. Wegen des Kindertags auf der Wiesn, so hält es der Einsatzleiter fest, "waren die Züge von Süden kommend bereits zu 100 Prozent gefüllt".

Insbesondere am Sendlinger Tor, am Marienplatz und am Odeonsplatz haben die Abfertiger und Ordner der MVG alle Hände voll zu tun. "Gegen 18.10 Uhr meldete der Kollege vom Odeonsplatz, dass er seine Züge nicht mehr abfertigen kann", heißt es in dem Bericht. Fahrgäste bleiben am Bahnhof zurück, aus U 4/5 drücken weitere nach.

"Der Strom an Fahrgästen von der Theresienwiese kommend riss nicht ab." Gegen 18.15 Uhr entscheiden die MVG-Verantwortlichen: Wir machen den südlichen Zugang am Odeonsplatz dicht. Postenketten schließen den Abgang von der Oberfläche, ebenso den engen Fußgängertunnel von der U 4/5. Doch der Bahnhof füllt sich weiter - bis an ein "grenzwertiges Limit", so der Bericht.

Gegen 19 Uhr schließlich weiß sich der Einsatzleiter nicht mehr zu helfen - und ruft die Polizei. "Der Bahnhof Odeonsplatz war so stark überfüllt, dass die Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden konnte", notiert er im Protokoll. Fußballfans durchbrechen sogar die MVG-Absperrungen, die Züge stehen im Tunnel im Stau.

Eine Einsatzhundertschaft der Polizei soll anrücken und den Bahnhof räumen. Doch die kann nicht kommen: Am Telefon habe ihm der Polizeibeamte mitgeteilt, dass "keine freien Dienstkräfte so schnell zur Verfügung stehen", notiert der MVG-Einsatzleiter im Bericht. Diese würden frühestens in 30 bis 40 Minuten zur Stelle sein können.

Unterdessen meldet sich der MVG-Kollege am Stadion und fragt, "wo seine Fans bleiben". Das Stadion sei nur zur Hälfte gefüllt. Laut MVG-Protokoll wird der Anpfiff in der Fröttmaninger Arena um fünf Minuten verschoben. Erst gegen 19.30 Uhr entspannt sich die Lage: Der Abfertiger am Goetheplatz meldet, dass nun wieder weitgehend leere Züge aus Süden anrollen.

Zudem nimmt die MVG einige U 3-Züge an der Münchner Freiheit vom Regelweg und führt sie weiter nach Fröttmaning. "Das ging noch mal gut", sagen MVG-Mitarbeiter. "Aber ob es beim nächsten Mal so glimpflich ausgeht, weiß keiner."

Tatsächlich warnt MVG-Chef Herbert König seit Jahren vor einer gefährlichen Überlastung der U-Bahn insbesondere zur Wiesn. "Es ist ein Unding, dass nach wie vor in der Wiesn-Zeit hochrangige Fußballspiele angesetzt werden, die sich zum Teil auch noch mit dem Berufsverkehr überschneiden", lässt er einen Sprecher ausrichten.

Auf die Risiken habe man "x-fach hingewiesen" und darum gebeten, "bei der Terminierung von Spielen die Sondersituation Oktoberfest zu berücksichtigen". Gehör allerdings fand König nicht. So ist heuer unter anderem am 21. September ein Bayern-Heimspiel gegen Hertha BSC angesetzt. Wieder um 20 Uhr, wieder an einem Werktag mit viel Pendlerverkehr. Und wieder während der Wiesn.

Zum konkreten Fall aus dem September 2015 will sich der MVG-Sprecher nicht äußern. Der Bericht diene "primär zur kurzfristigen internen Information" und könne "einige Unschärfen enthalten". Auch die Polizei bestätigt lediglich, dass eine Hundertschaft an dem Abend am Odeonsplatz nicht zum Einsatz kam.

Ob ein entsprechender Notruf der MVG bei der Polizei eingegangen sei, könne "weder bestätigt noch dementiert werden", sagt ein Sprecher. Um das zu sagen, seien "zeitintensive Nachforschungen nötig". Die SZ hatte das Polizeipräsidium vor einer Woche um eine Stellungnahme gebeten.

MVG will heuer für Wiesn- und Fußball-Einsatz einige Mitarbeiter einsetzen

Ähnlich dünn sind die Aussagen des Polizeisprechers dazu, ob man denn Lehren aus dem Vorfall ziehen wird. Dazu erklärt er lediglich, MVG und Polizei würden "im Vorfeld von Großveranstaltungen mögliche Brennpunkte bewerten und Maßnahmen treffen". Die Einsatzkonzepte würden "aktuellen Entwicklungen und Erfahrungen angepasst". Konkreter fällt die Antwort der MVG aus: Sie will heuer für Wiesn- und Fußball-Einsatz "noch einige Mitarbeiter mehr zur Verfügung" stellen; zudem sollen "einzelne Bahnhöfe noch früher temporär gesperrt werden".

Möglich sei auch, Stationen vorsorglich zu schließen, sofern eine Überlastung absehbar sei. Dies hatte die MVG schon einmal geplant: Am 3. Oktober 2012 sollte der U-Bahnhof Universität einen ganzen Tag lang vom Netz gehen. Weil dann aber deutlich weniger Gäste als erwartet zum Fest anlässlich des Tags der deutschen Einheit auf die Ludwigstraße strömten, blieb der U-Bahnhof offen.

Zudem will die MVG heuer Züge des neuen Typs C2 bei Fußballspielen zwischen Münchner Freiheit und Fröttmaning pendeln lassen. Von diesem Typ hatte die MVG 2010 exakt 21 Stück gekauft, bisher sind nur drei davon zugelassen - und diese dürfen bislang nur auf der U 6-Nord fahren.

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Quelle:
SZ vom 03.09.2016
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