Dalí in München:Eine Kunst-Ausstellung, wie es sie noch nicht gegeben hat

Dalí in München: Augen auf! Eine Spiegel-Videoinstallation in der Ausstellung "Dalí - Spellbound".

Augen auf! Eine Spiegel-Videoinstallation in der Ausstellung "Dalí - Spellbound".

(Foto: Catherina Hess)

Die Ausstellung "Dalí - Spellbound" im Münchner Fat Cat verbindet die Künste des surrealistischen Malers Salvador Dalí und des Filmregisseurs Alfred Hitchcock - mit Originalen und virtueller Realität. Wegen des großen Andrangs wurde sie nun verlängert.

Von Michael Zirnstein

Neun Riesenaugen starren den Besucher an. Glupschen comicartig niedlich, durchbohren einen mit Wimpern wie Lanzen. Das ist schon mal eine köstliche Ironie im Sinne ihres Schöpfers. Denn die Besucher kommen hierher, um selbst anzuschauen: Werke von Salvador Dalí. Natürlich bedeuten diese Augen noch mehr, mythologisch, psychoanalytisch, spirituell, da darf jeder eine Weile auf einem der 2000 Sessel im Saal Platz nehmen und in seinem Unterbewusstsein stöbern.

Augenscheinlich sind diese neun Augen in einer zeltartigen Lakenlandschaft ein Bild. Und was für eins! Ein originales Gemälde, denn Dalí hat es persönlich gemalt, wie ein daneben hängendes Foto mit dem Künstler und einem zwei Meter langen Pinsel beweisen soll. Aber sie waren auch ein Requisit, die Kulisse für die berühmte Traumsequenz aus Hitchcocks Psychologie-Thriller "Spellbound" (auf Deutsch: "Ich kämpfe um dich") mit Ingrid Bergmann und Gregory Peck von 1945, in der eine große Schere um die Augen herum schnippelt. Jetzt hängt die auf zwei Keilrahmen gespannte Leinwand, insgesamt elf mal fünf Meter groß, als Blickfang und zentrales Masterpiece in einem Konzertsaal, der hier seit Langem erstmals wieder groß bespielten Philharmonie. Die Oscar-nominierte Filmmusik von Miklos Rozsa klingt dazu, von den Backsteinwänden blinzeln weitere Augenprojektionen umher. Schaurig schön.

Auf der Bühne darunter sitzt Beniamino Levi - aber nur bei der Präsentation für die Medien. Er ist die zentrale Figur der "multisensorischen" Dalí-Ausstellung im Fat Cat (dem auf seine Sanierung wartenden Gasteig). Dem italienischen Herrn, der am Freitag, 2. Februar, dem Tag der Eröffnung, seinen 96. Geburtstag feiert, gehören alle Werke hier. Der Kunstsammler, Galerist und Betreiber von zwei Dalí-Museen in Paris und Brügge hat einst auch die "Spellbound"-Kulisse geborgen, beim Sohn des Film-Produzenten David O. Selznick in den USA, erzählt er. Er hat das Bild bisher nur in Peking, Shanghai und London gezeigt, aber nie in einem so riesigen Raum. Er strahlt und staunt: "Das ist neu für mich. Es ist fantastisch. Das ist wie eine Stadt."

Dalí in München: Der Höhepunkt der Ausstellung: Dalís Monumentalbild für den Hitchcock-Film wird groß in der Philharmonie inszeniert.

Der Höhepunkt der Ausstellung: Dalís Monumentalbild für den Hitchcock-Film wird groß in der Philharmonie inszeniert.

(Foto: Catherina Hess)

Damit mein Levi auch die komplette Dalí-Schau, eine Kunst-Ausstellung, wie es sie noch nicht gegeben hat. Es ist, wie schon die immersiven Projektions-Events zu Frida Kahlo, Klimt, Monet (und inzwischen insgesamt 20 von New York bis Wien) eine Erfindung der Agentur Allegria, und damit aus dem Hause München-Musik. "Aber das hier ist anders", sagt Nepomuk Schessl, der die Idee hatte: "Hier kombinieren wir erstmals das Digitale mit den Originalen."

Dalí in München: Die Skulptur einer zerfließenden Uhr auf dem Platz vor dem Gasteig wiegt 2,8 Tonnen - und ist ein Original.

Die Skulptur einer zerfließenden Uhr auf dem Platz vor dem Gasteig wiegt 2,8 Tonnen - und ist ein Original.

(Foto: Catherina Hess)
Dalí in München: Bis zum 21. April ist die Dali-Schau in der einstigen Philharmonie zu besuchen.

Bis zum 21. April ist die Dali-Schau in der einstigen Philharmonie zu besuchen.

(Foto: Catherina Hess)

Original und Dalí - das ist immer so eine Sache. Es kursieren Zigtausende Fälschungen auf dem Markt. Der Meister fühlte sich davon geschmeichelt, er selbst soll 40000 Blankobögen für Lithografien mit seinem Autogramm aufgewertet haben. Es gibt Millionen lizenzierte Drucke, es gibt Massenkitsch fürs Heimregal - auch hier im Foyer sind Dalí-Motive auf Puzzles, Magneten und Socken zu erstehen, zerfließende Uhren als Buchstütze (38 Euro) wie auf zwölf Stück limitierte Original-Bronzen (zum "Darüber sprechen wir nicht"-Preis). Eine ganz normale Verwertungskette, wie einst schon beim Künstlerweltstar selbst.

Dalí in München: Dem Kunstsammler und Galeristen Beniamino Levi gehören alle in der Schau gezeigten Werke, wie diese Elefanten-Skulptur mit Obelisk.

Dem Kunstsammler und Galeristen Beniamino Levi gehören alle in der Schau gezeigten Werke, wie diese Elefanten-Skulptur mit Obelisk.

(Foto: Catherina Hess)

Also, was ist echt? Eben alles von Levi, der selbst ein Original ist. Der Galerist traf Dalí erstmals für zwei Minuten ("nur er redete") in einem Pariser Hotel, beim Hinausgehen bot ihm der Sekretär zwei kleine Bronzen an. Eine davon, "Hommage à Newton" von 1968, eine goldplatinierte Figur mit kantigem Loch im Bauch und Pendel, steht hier in einer Vitrine neben einem witzigen Mann, der in Autoreifen steckt ("The Michelin Slave"). Levi gilt als weltführender Experte für Dalí-Skulpturen, hat selbst - "sie waren anfangs erschwinglicher als die Gemälde" - viele bei Auktionen erstanden und beim Künstler in Auftrag gegeben. "Oft hat seine Frau vermittelt - er war recht schwierig." Es gibt Museumsstücke wie die zum hochhausartigen Turm gestapelten "Surrealistischen Augen", fein bemalt. Da ist Monumentales: die 2,7 Tonnen schwere Taschenuhr auf dem Vorplatz; und das vier Meter hohe, dennoch fragile "Rinocerus cosmique", das musste mit einem Spezialkran hinein manövriert werden.

Dalí in München: Die Nashorn-Skulptur ist über vier Meter hoch und musste mit einem Spezialkran herangeschafft werden.

Die Nashorn-Skulptur ist über vier Meter hoch und musste mit einem Spezialkran herangeschafft werden.

(Foto: Catherina Hess)

Ein Tänzerinnen-Piano-Wesen, ein Elefant mit gelbem Obelisk, die Lippen von Mae West als Sofa - das sind Stücke zum Staunen. Zart berührend dagegen: die Bleistift-Skizzen Dalís für "Spellbound", oder seine Picasso-haften Tuschezeichnungen zum nie verwirklichten Film "Babaouo" (1974).

Das ist durch die Schaffensphase vom späten Surrealismus über die Paranoisch-kritische Methode bis zur "Klassischen Periode" weit mehr als allein der fotorealistische Kunstkitsch, den man von manchen Zahnarzt-Praxiswänden kennt. Für den Franzosen Nicolas Descharnes - auch der Sohn von Dalís Geschäftsführer Robert ist als Original und Kenner anwesend - ist der ikonische Künstler mit dem Zwirbelbart nach wie vor der "König der Surrealisten": hochintelligent, ein Fortschreiber der Renaissance-Kunst, Schöpfer einer eigenen Mythologie.

Dalí in München: Als Hologramme sprechen Salvador Dali und Alfred Hitchcock miteinander über Kunst.

Als Hologramme sprechen Salvador Dali und Alfred Hitchcock miteinander über Kunst.

(Foto: Catherina Hess)
Dalí in München: Von außen betrachtet ist das Metaversum nur ein Raum - durch die Computerbrillen wähnen sich die Besucher aber in den undlichen Weiten von Dalis Bilderwelten.

Von außen betrachtet ist das Metaversum nur ein Raum - durch die Computerbrillen wähnen sich die Besucher aber in den undlichen Weiten von Dalis Bilderwelten.

(Foto: Catherina Hess)

Die Komplexität des Multitalents könnte eine einzige Schau niemals einfangen. "Dalí - Spellbound" versucht das auch gar nicht. Sie hat ausgehend von ihrem "Hero-Piece" (Schessl) ein Thema: Wie haben sich Dalí und Hitchcock gegenseitig beeinflusst? Die beiden befreundeten Kreativgenies sprechen als Hologramme sogar miteinander. Hitchcock engagierte Dalí wegen der "Lebendigkeit seiner Träume", der "langen Perspektiven" und "scharfen Schatten", wie er sagte: "Es war die Vermeidung eines Klischees: Alle Träume in Filmen sind verschwommen." Von der Psychoanalyse-Szene mit Peck und Bergmann knüpft die Ausstellung an an Alpträume, Scham und Religion (ein verdrehtes Christus-Kreuz), mit Originalen, einer tollen Kindersandspielecke, Videoinstallationen, einem Spiegelzimmer und zum Höhepunkt dem Saal der Augen.

Dalí in München: Nicolas Descharnes, der Sohn von Dalis Privatsekretär Robert Descharnes, vor einer Kreuz-Bronze.

Nicolas Descharnes, der Sohn von Dalis Privatsekretär Robert Descharnes, vor einer Kreuz-Bronze.

(Foto: Catherina Hess)

Wer dann nicht schnell zu seinem Psychiater muss, der kann sich noch im "Metaversum" durchrütteln lassen. Das ist ein Virtual-Reality-Parcours, durch den man sich mit Computerbrille tastet: Von Freuds Behandlungszimmer aus ("Wer von Augen träumt, fühlt sich in seiner Privatsphäre verletzt ...") führen Portale zu scheinbar unendlich weiten Bilderwelten, ein Ozean mit fliegenden Walen, eine Wüste mit Elefanten, ein Speicher voller Augen. Ein technisch generierter, begehbarer, interaktiver Traum, künstlich, und doch so real, dass man oft strauchelt, zweifelt, schwindelt. "Ich bin richtig erschrocken, als ich durch diese Tür aus Feuer gehen musste", sagt Levi, und freut sich: "Wäre Dalí hier, er wäre sehr zufrieden." Auch Descharnes findet: "Das hier ist das Beste, was wir mit unseren Mitteln machen können." Aber hätte es Dalí, der selbst mit Hologrammen experimentierte und irre Museen entwarf, auch so gemacht? Das könne niemand wissen, genau das hätte sein Genie ausgemacht: "Vielleicht hätte er eine super verrückte Idee gehabt, die uns alle umgehauen hätte."

Dalí - Spellbound - Die Ausstellung, verlängert bis 19. Mai, München, Fat Cat / Gasteig, Philharmonie, www.alegria-exhibition.de

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