Dokumentarroman:Auf der Jagd nach der Sagengestalt des Humors

Lesezeit: 2 min

Das Multitalent Rocko Schamoni liest im Münchner Volkstheater aus seinem Roman über Heino Jäger, vergessenes Idol etlicher Humoristen von Loriot bis Olli Dittrich.

Von Michael Zirnstein

Um Popmusiker zu erleben, muss man derzeit auf die Lesebühnen ausweichen. Wo jüngst Element of Crime-Sänger Sven Regener aus "Glitterschnitter" vortrug, rückt sich nun Rocko Schamoni die Vorlesebrille vor seinem Dokumentarroman "Der Jäger und sein Meister" (Hanserblau) über den kultisch verehrten, doch vergessenen Satiriker Heino Jäger im Volkstheater zurecht. Wobei es der 55-jährige Schamoni nicht verdient hat, auf die Zweigleisigkeit Rocker/Autor festgelegt zu werden: Vom Punk wurde er zum Anti-Schlager-Entertainer ("Der Mond"), als das Trio Studio Braun (mit Heinz Strunk, noch so ein Pop-Literat) machte er Comedy unter anderem über die fiktive Band Fraktus, er tritt in Theatern und Filmen auf, entwarf die Schmuckkollektion "Scheiße by Schamoni", betrieb den Goldenen Pudelclub. Gerade will er eine Fliesenbrennerei gründen und ein marodes Gasthaus zum Kulturzentrum auf dem Land in Schleswig-Holstein ausbauen, also dort, wo er seinen Debütroman "Dorfpunks" (17. Auflage, 180 000 Exemplare) ansiedelte.

Schamoni ist Universalunterhalter. Alles ist verwoben, durchzogen von Brüchen, der Sound ist mal sahnig, mal nüchtern, mal erwachsen, mal kindisch, er, der sich bescheiden gibt, nennt sich "der King". Hamburger Ironieschule. Wo kommt das her? Die Bücher erzählen es. Der Bestseller "Große Freiheit" etwa huldigte Hamburger Unikaten wie Wolli "Indienfahrer" Köhler. Dies sei nur eine Ausflucht vor Band zwei dieser geplanten Trilogie über die Kiez-Freaks der Sechziger und Siebziger gewesen. Jetzt endlich geht es um ihn, den Über-Kauz Heino Jäger. Eine Sagengestalt, an die sich Schamoni in Textchen genähert, aber nie richtig herangetraut hatte, sein Drehbuch für einen Film blieb ungedreht. Jäger sollte von Olli Dittrich gespielt werden, der ihn den "Meister von uns allen" nennt, Loriot und Otto Waalkes verehrten ihn, den "Mozart der Komik". Jäger ist ein Artist's Artist, im Kreis der "Eingeweihten" von Hubert Fichte über Helga Feddersen bis Knut Kiesewetter ist Schamoni ein Nachzügler. Er hat die Hörspiele, Bürger-Imitationen und Musik auf Platten im "Kein und Aber"-Verlag nachgearbeitet, sich dieses Künstlerleben vom archäologischen Fundzeichner zum Satiriker und Karikaturisten, der sich jeden Erfolg sabotierte, über den selbst gelegten Wohnungsbrand bis zum Tod im sozialpsychiatrischen Pflegeheim Haus Ingrid bei Vertrauten recherchiert. Das Nacherzählen wirkt als Roman passenderweise etwas ungelenk, aber auf der Bühne wird Schamoni es mit seinem Charme zum Leben erwecken.

Rocko Schamoni, Lesung aus "Der Jäger und sein Meister", So., 19. Dez., 20 Uhr, Volkstheater

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