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"Große Freiheit" von Rocko Schamoni:Ende Legende

Rocko Schamonie; Rocko Schamoni

"Große Freiheit": Rocko Schamoni singt einen Lobgesang auf St. Pauli.

(Foto: Kerstin Behrendt)

Im Roman "Große Freiheit" erzählt Rocko Schamoni von einer untergegangenen Epoche, in der es auf dem Kiez von St. Pauli noch wild zuging. Das Buch hält dabei dem Ruf des Viertels nicht stand.

Die deutsche Popkultur will ihre Finger nicht von St. Pauli lassen. Warum auch, wenn das doch der Stoff ist, aus dem Legenden sind: In St. Pauli ist der Himmel getränkt in dreckiges und verheißungsvolles Licht, die Frauen sind Huren mit knallengen Hosen und Pelzmänteln und die Männer Typen, die verwegen Sonnenbrillen im Dunkeln tragen. In St. Pauli gelten nur die ungeschriebenen Gesetze, es wird trunken auf dem Gehsteig getanzt und geprügelt und gekotzt, nur vor dem Boss muss man sich hüten und vor dessen verführerischer Frau sowieso.

Ein Ort, an dem die meisten auf der Strecke bleiben, aber jeder es schaffen könnte, und wer es dann schafft, wird Legende, und wenn er Glück hat, verewigt ihn jemand in einem Stück Literatur. Jemand wie Rocko Schamoni.

Schamoni, selbst Inventar der Sub-Popkultur der Hamburger Szene, schreibt in seinem neuen Roman "Große Freiheit" über das, was er liebt, lebt und atmet: St. Pauli, genauer: das St. Pauli, wie es einmal war. Als der Kiez noch eine große Familie war, Zuhause der Ausgestoßenen und Randexistenzen und natürlich der Künstler. "Große Freiheit", das ist nicht nur der Name der Straße auf der Reeperbahn, in der der Großteil der Handlung stattfindet, sondern auch das Hauptmotiv des Romans, die Suche danach verkörpert durch den Protagonisten Wolli Köhler, einem "Mann aus dem Nirgendwo", der sich in der Unterwelt nach oben kämpft und doch nur eines will: "Über mich selbst und mein Leben bestimmen können".

Der Puffboss liest vor dem Schlafengehen Camus und Marx

Vorlage für Schamonis Köhler war natürlich der echte Wolli Köhler, dem das Buch auch gewidmet ist. Schamoni beschreibt ihn als "ersten marxistischen Puffboss der Welt", als einen Mann voller Widersprüche, der tagsüber Passanten ins Bordell zerrt und vorm Schlafengehen Camus und Marx liest, aber nicht "Das Kapital", das war ihm zu kompliziert. Wolli Köhler starb 2017, aber nicht, bevor Schamoni ihn kennenlernte und sich, nach eigenen Angaben, mit ihm befreundete. Ihre Gespräche, gemeinsam mit den 1978 veröffentlichten Interviews, die der Schriftsteller Hubert Fichte in den 60ern und 70ern mit Köhler führte, verarbeite Schamoni erst auf der Bühne des Schauspielhauses in Hamburg. Und jetzt in seinem neuen Roman.

(Foto: Hanser Verlag)

Das Buch beruht auf der Annahme, dass die Perspektive des ehemaligen Puffbesitzers, seine Gedanken und Beobachtungen, interessant genug sind, um einen ganzen Roman zu tragen. Dafür aber ist Schamonis Köhler zu fantasielos und zu selbstgewiss. Simple Phrasen wie "Wenn der Körper jung ist, dann muss der in die Welt, dann muss er sich bewegen, muss anderen Körpern begegnen", sollen vielleicht das Milieu widerspiegeln, das Schamoni hier porträtiert. Weil der Erzähler aber keinerlei Distanz zu seiner Hauptfigur erkennen lässt, fallen sie auf den Roman zurück.

Auch die Figuren, die Wolli umgeben, entwickeln sich nicht über Stereotype hinaus; eine Andeutung, dass eine andere Sichtweise auf sie möglich sein könnte, gibt es nicht. So wie Wollis Liebhaberin "Maulwurf", die hautenge Oberteile trägt und einen wippenden Pferdeschwanz, die gelangweilt in Illustrierten blättert, wenn Wolli über Politik redet, stolz ist auf Wollis Porsche und beeindruckt von seiner Arroganz und deren Existenz scheinbar keine andere Funktion erfüllt, als die, einen Kontrast zum Protagonisten zu bilden.

"Große Freiheit" liest sich wie ein ungebrochener Lobgesang auf St. Pauli

Die "sanfte Kraft", die in der "stillen Art" einer Liebhaberin zum Ausdruck kommt, ist nicht poetisch, sondern kitschig. Die Sprachbilder behaupten ihre Originalität nur: Das Licht in St. Pauli ist "dreckig und verheißungsvoll", die Haut des Protagonisten ist "ganz hell, glatt und sauber", die Drinks, die er sich mischt, sind "verwegen".

"Große Freiheit" liest sich wie ein ungebrochener Lobgesang auf St. Pauli: voll von Nostalgie und Verklärung, arm an Reflexion. Und oft scheint es so, als schreibe Rocko Schamoni, der selbst ganz tief drin ist in der Kiezkultur, über eine ganz persönliche Sehnsucht, über etwas, das der Welt vermeintlich abhandengekommen ist: den Exzess.

Denn ist es nicht so, dass der heutige Mensch sich selbst so sehr diszipliniert, dass er gar keine Disziplinierung von außen mehr braucht? Ist es nicht so, dass sich niemand mehr traut, über die Stränge zu schlagen, ja, das Verlangen danach sublimiert, auch in dem Wissen, dass jeder Fehltritt dokumentiert wird und die Technologie niemals vergisst? Und ist Schamonis St. Pauli nicht vor allem ein Gegenentwurf dazu: ein Ort, nicht um aufzubegehren gegen die Regeln von Staat und Gesellschaft, sondern um sich diesen zu entziehen? Ein kleines, verlorenes Paradies? Vielleicht. Schade dann nur, dass sie dann so langweilig aussieht, die "Große Freiheit".

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