Berlinale Die Höllenschlünde des Menschendaseins

Kiez-Monster vor Stammkneipe: Jonas Dassler spielt den Hamburger Serienmörder Fritz Honka.

(Foto: Gordon Timpen/2018 bombero int./Warner Bros. Ent.)

Grausige Einblicke: Fatih Akin erzählt die Geschichte des Frauenmörders Fritz Honka, François Ozon vom Missbrauch in der katholischen Kirche.

Von David Steinitz, Berlin

Die Bäuche der Berlinale-Besucher sind in der Regel gut gefüllt, bevor sie in den feierlichen Galapremieren verschwinden, weil es während des Festivals mindestens so viele Häppchen-Empfänge wie Filme gibt. Natürlich ist nicht jeder ein Fan dieser Fressorgien. Außenminister Heiko Maas zum Beispiel beobachtete den Sturm aufs Buffet im Berlinale-Palast mit der Skepsis eines geübten Häppchen-Asketen, während er wartete, bis die Fotografen seine Freundin, die Schauspielerin Natalia Wörner, abgelichtet hatten.

Und am Samstag, bei der Weltpremiere von Fatih Akins Horrorfilm "Der goldene Handschuh", wünschte sich vermutlich mancher Festivalgast, er hätte es dem Politiker gleichgetan und wäre mit leerem Magen ins Kino gekommen. Zumindest ging während der Vorführung ein ordentliches Stöhnen und Ächzen durchs Publikum, und als das Licht wieder anging, waren einige Gesichter so blass, wie man es sonst nur nach Filmen von notorischen Festivalschrecks wie Lars von Trier oder Gaspar Noé kennt. Die heftigen Reaktionen machten die internationale Presse so neugierig, dass zu den üblichen Pressevorführungen noch eine Zusatzvorstellung anberaumt werden musste, um der Nachfrage gerecht zu werden.

Fatih Akin erzählt in "Der goldene Handschuh", frei nach dem gleichnamigen Roman von Heinz Strunk, die wahre Geschichte des Hamburger Serienmörders Fritz "Fiete" Honka. Der vergewaltigte, erstach, erschlug, erwürgte und zerstückelte in den Siebzigerjahren vier Frauen, die er in der Kiezkneipe "Zum goldenen Handschuh" auf St. Pauli kennengelernt hatte. Die mit einer Handsäge zerlegten Leichenteile versteckte er in seiner Wohnung in der Hamburger Zeißstraße 74 in einem Wandverschlag. Zur notdürftigen Kaschierung des Verwesungsgeruchs warf er noch ein paar Duftbäumchen dazu.

Der Schriftsteller Strunk hat diese Geschichte akribisch recherchiert und die alten Prozessakten durchgearbeitet. Außerdem hat er seinen Tatsachenroman noch um einige fiktive Protagonisten außerhalb der tristen Herrengedeckwelt des Fritz Honka erweitert. Diese Nebenstränge hat Fatih Akin für seine Verfilmung fast ganz gestrichen.

Stattdessen konzentriert er sich auf den Mörder, wobei er diese dramaturgische Verengung auch zum ästhetischen Prinzip erhebt. Der Film spielt fast nur in winzigen, stickigen Räumen. Eine einzige Roth-Händle-Tristesse aus Zigarettenrauch und Schweißgeruch. Sowohl in der kleinen Kneipe, wo der Mittdreißiger Honka nach jeder Menge "Fako" - Fanta und Korn - deutlich ältere, meist obdachlose Gelegenheitsprostituierte abschleppt, als auch in seiner heruntergekommenen Wohnung. Wie perfekt das Filmteam diese Schauplätze rekonstruiert hat, sieht man an den Original-Polizeifotos, die nach Honkas Verhaftung 1975 gemacht wurden und die zum Schluss im Abspann gezeigt werden.

Kein Entrinnen von der Anfangstortur

Aber zurück zum Beginn. Akin verzichtet auf eine Exposition, auf jedes dramaturgische Vorspiel. Gleich in der ersten Filmminute sehen wir den sturzbetrunkenen Honka die erste Leiche zersägen, während der Plattenspieler sein Lieblingslied spielt: "Es geht eine Träne auf Reisen".

Aus dieser Anfangstortur gibt es dann zwei Stunden lang kein Entrinnen mehr. Wir sehen Honka, wie er Frauen mit dem Kochlöffel und mit Bockwürsten penetriert und sie in betrunkenen Tobsuchtsanfällen tötet, so, wie es in den Gerichtsakten steht.

Akin verzichtet auf eine biografische Einordnung, auf Informationen aus Honkas früherem Leben - ein Rückblick, der im Roman einen zentralen Platz einnimmt. Darin erfuhr man, dass Honka vor den Morden selbst ein geschundener und geprügelter Hund war, dem nie etwas Gutes passiert ist. Das ist natürlich keine Rechtfertigung, aber zumindest eine Andeutung, was ihn zu dem gemacht haben könnte, der er war.

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Im Film wirkt Honka wie ein zufällig vom Himmel auf die Reeperbahn gefallenes Monster, was diesen Horrortrip surrealer macht, als er in trauriger Wahrheit eigentlich war.

Dass der Film trotzdem nicht nur eine Rekonstruktion der Gewalt, sondern ein eindrucksvolles Drama über die Höllenschlünde des Menschendaseins geworden ist, liegt vor allem am hervorragenden Hauptdarsteller, Jonas Dassler. Der 23-Jährige spielt den deutlich älteren, entstellten Fritz Honka auch im größten Grauen noch als jemanden, hinter dessen schielenden Augen man das Gefühl hat, dass dort irgendwann mal ein Mensch zu Hause und ein anderes Leben möglich gewesen sein könnte. Für den Darstellerpreis am Ende des Festivals ist Jonas Dassler auf jeden Fall ein heißer Kandidat. Am 21. Februar startet der Film regulär in den deutschen Kinos. Und Fatih Akin? Bleibt auch nach der Berlinale dem Horror treu. Wie der Hollywood Reporter berichtet, wird er als Nächstes in den USA drehen, und zwar eine Neuverfilmung des Stephen-King-Romans "Feuerkind".