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Risikoforschung:Wie viel Sicherheit hält eine Gesellschaft aus?

Schwieriger ist es, mögliche Terror-Ziele wie eine U-Bahn zu schützen. In einem ihrer Projekte untersuchen die Münchner derzeit zusammen mit indischen Kollegen unter anderem, wie man Waggons ausstatten muss, damit bei einem Anschlag möglichst wenige Menschen zu Schaden kommen. Es gebe prinzipiell zwei Möglichkeiten, sagt Gebbeken: Entweder man unterteile den Waggon in viele Abteile; dann ist nur ein Bereich von der Explosion betroffen, der aber dafür sehr stark.

Oder man verzichtet auf Innenwände, dann sind mehr Leute betroffen, die aber weniger heftig. "Was besser ist, wissen wir noch nicht", sagt Gebbeken. Das müsse man im Einzelnen durchrechnen. Und was am Ende von den Verkehrsbetrieben umgesetzt werde, stehe ohnehin auf einem anderen Blatt.

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Denn je mehr sie sich mit öffentlichen Plätzen beschäftigten, desto mehr rückten für die Forscher Fragen der Sicherheitspolitik ins Zentrum. Für welchen Grad an Sicherheit ist eine Gesellschaft bereit, wie viel zu bezahlen? Oder: Wie viel Sicherheit hält eine Gesellschaft aus?

Es kann sinnvoll sein, Sicherheit zu demonstrieren, etwa mit hohen Mauern, um Attentäter abzuschrecken. Manchmal aber kann es besser sein, Sicherheitsvorkehrungen zu verstecken, damit ein Ort lebenswert wirkt, nicht wie ein Gefängnis. Vieles sei heute möglich, sagt Gebbeken. Nicht nur Fenster, sondern ganze Glasfassaden könne man relativ explosionssicher bauen, ohne dass sie wirken wie Wände einer Festung. Anstelle von Pollern könne man auch verstärkte Blumenkübel verwenden, die wirkten weniger düster.

Thujen-Hecken können die Druckwelle einer Explosion deutlich abfedern

Und zuletzt habe man erstaunliche Ergebnisse mit Thujen-Hecken erzielt: Die Pflanzen könnten die Druckwelle einer Explosion um bis zu 60 Prozent abfedern. Verstärke man sie mit einem Kettengeflecht, hielten sie sogar umherfliegende Splitter ab. Gerade spreche man mit Forstwissenschaftlern der TU München, sagt Gebbeken. Dort gebe es einen Spezialisten für Baum-Mechanik. Der Vorteil der Pflanzen ist schlicht: Sie verbessern nicht nur die Sicherheit, sondern sie machen auch niemandem Angst.

Überhaupt die Psychologie. Die Wahrnehmung von Risiken beruhe oft weniger auf Zahlen als auf emotionalen Ereignissen, sagt er - sei es die Reaktor-Katastrophe von Fukushima. Oder ein Anschlag in der U-Bahn: In Paris, in London oder in Madrid würden U-Bahn-Stationen heute ganz anders gesichert als in Deutschland. Nicht weil das Risiko dort höher sei, sondern weil es dort bereits einen Anschlag gab.

Mit solchen Zusammenhängen würden sich Techniker normalerweise nicht befassen, sagt Gebbeken. "Mit diesen Fragen muss man als Ingenieur manchmal auch erst einmal zurechtkommen." Aber im Verbund mit den Soziologen der Uni die eigenen Zahlen einmal übergeordnet zu betrachten, das sei am Ende doch das Tollste, was ihm je passiert sei. "Manchmal hilft es einfach, wenn man raus kommt aus dem Ingenieursdenken."

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