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Uniklinikum in München:Ein Arzt, der keiner ist

Dr.

Mit Klinik und Patientenversorgung hat die Ausbildung des Professors nichts zu tun.

(Foto: www.impulsq.de / Unsplash)
  • Der Leiter der Experimentellen Unfallchirurgie am Klinikum rechts der Isar hat als Arzt gearbeitet, obwohl er offenbar gar keiner ist.
  • Der 44-Jährige ist in "Biomedizinischen Wissenschaften" ausgebildet worden, hat aber niemals eine Approbation oder einen Dr. med. erhalten.
  • Trotzdem soll er bei Operationen assistiert und Studenten in medizinischen Fächern geprüft haben.

Das Klinikum rechts der Isar beschäftigt angeblich seit Jahren einen Arzt, der keiner ist. Seit 2011 schon leitet der 44-Jährige die Experimentelle Unfallchirurgie des Klinikums der TU München. Dort betreibt er vornehmlich Forschung, für die er nicht Arzt sein muss; er war nach SZ-Informationen mutmaßlich aber auch an Operationen beteiligt und hat Medizinstudenten geprüft. Dabei hat der gebürtige Niederländer offenbar niemals die Approbation als Arzt erhalten und auch nicht Medizin studiert. Er ist vielmehr an der Universität Leiden in "Biomedizinischen Wissenschaften" ausgebildet worden - einem naturwissenschaftlichen Studiengang, der viel Wissen über den menschlichen Körper vermittelt, aber mit Klinik und Patientenversorgung nichts zu tun hat.

In Deutschland machte er eine steile Karriere im Klinikbetrieb: 2002 berief die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) den Mann zum Professor für Experimentelle Unfallchirurgie. Mit 28 Jahren war er damals der jüngste Professor Deutschlands. Die MHH hat den Mann auch zum Facharzt für Chirurgie gemacht, so gibt dieser es zumindest in seinen im Netz abrufbaren Lebensläufen an, und zum "Dr. rer. biol. hum." promoviert, zum Doktor der Humanbiologie. Diesen Titel erwerben üblicherweise Naturwissenschaftler, die in der medizinischen Forschung arbeiten. Doch der Professor firmierte später als "Dr. Dr.": Einen medizinischen Doktortitel ("Dr. med.") wollte er demnach schon von der Universität Leiden bekommen haben. Mit so viel Ehren ausgestattet, legte er eine Blitzkarriere hin: 2005 wurde er stellvertretender Direktor am Ludwig-Boltzmann-Institut in Wien, bis er 2011 ans Klinikum rechts der Isar kam.

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Dort betrieb der Naturwissenschaftler vor allem Forschung, dafür ist er in der Tat bestens qualifiziert. Sein Ziel war es, die Folgen von Unfällen zu minimieren. So versuchte er, mit modernen Methoden wie Stammzellen und Gentherapie zerstörte Knochen und Sehnen zu retten. Darin war er sehr erfolgreich, er wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet. Aber er tat offenbar auch, wofür er nicht ausgebildet war: Er soll bei Operationen assistiert und Studenten in klinischen Fächern geprüft haben, zum Beispiel in Chirurgie. Ob Patienten gefährdet wurden? Das Klinikum blieb dazu bis Redaktionsschluss eine Antwort schuldig.

Es antwortete am Freitag auf Anfrage nur mit dem Hinweis, man habe "den Sachverhalt noch nicht umfassend prüfen" können. Der Professor sei als wissenschaftlicher Mitarbeiter eingestellt worden, "für diese Position ist keine Approbation als Arzt erforderlich". Die MHH antwortete bis Redaktionsschluss nicht.

Dass nun der Verdacht aufkam, er sei gar kein Mediziner, geht offenbar auf eine Doktorandin zurück, so erzählen es sich Klinikmitarbeiter. Die Frau brauchte für ihre Forschung eine spezielle Genehmigung - und die konnte nur ein approbierter Arzt einholen. Über Monate forderte sie den Professor auf, diesen Antrag zu stellen, bis er am Ende selbst mit der Wahrheit herausgerückt sein soll.

Naturwissenschaftler haben gegenüber Medizinern oft das nachsehen

Kollegen am Rechts der Isar sind verstört. Der vermeintliche Arzt ist beliebt und als Forscher hochkompetent. Mancher äußert nun, er habe sich mitunter gewundert, wie zurückhaltend der angebliche Chirurg bei Operationen war.

Was einen so fähigen Naturwissenschaftler dazu trieb, sich als Arzt auszugeben? Der Professor äußerte sich am Freitag nicht. Was nahe liegt: Dass der medizinische Titel seine Karriere befördert hat. Im Klinikbetrieb haben Naturwissenschaftler häufig das Nachsehen - selbst wenn es um Forschung geht, für die sie oft besser ausgebildet sind als Ärzte.

Anlässlich seiner Berufung zum Juniorprofessor hatte der Niederländer einem Magazin der MHH 2002 noch gesagt, er habe in Leiden ein "Studium der Biomedizinischen Wissenschaften" abgeschlossen - "eine Kombination aus Biochemie und Medizin". Später wurde daraus, er habe "Biochemie und Medizin" studiert - als hätte er in vier Jahren mal eben so zwei anspruchsvolle Studiengänge erfolgreich absolviert.

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