Gesundheit 19 Wochen lang warten auf eine Therapie

Bis eine Therapie beginnt, dauert es ungefähr 19 Wochen.

(Foto: dpa)
  • Mit mehr als 1500 Psychotherapeuten gilt München für die Kassenärztliche Vereinigung als überversorgt.
  • Die Realität aber zeigt Gegenteiliges. Wer einen Platz will, muss sich gedulden: Ungefähr 19 Wochen dauert es, bis man eine Therapie beginnen kann.
Von Christoph Leischwitz

Die alte Frau, die ihren Mann verloren hat, eine Therapie gegen Depressionen aber nicht bezahlt bekommt. Eine junge Frau, die vor Kurzem missbraucht wurde, aber völlig überraschend vom Sachbearbeiter der Krankenkasse eine Absage erhält. Ein junger Straftäter, der vom Gericht die Auflage erhielt, eine Therapie zu machen, aber keinen Platz findet. Das sind für Münchens Psychotherapeuten alltägliche Fälle: Menschen in Not, denen sie nicht helfen können, weil sie völlig ausgelastet sind. Die Nachfrage ist mittlerweile so groß, dass manche Praxen nicht einmal mehr eine Homepage betreiben oder ein Schild an der Hausfassade anbringen. Denn sonst würden sich nur noch mehr potenzielle Patienten melden, denen man ohnehin nur absagen kann.

In anderen Branchen würde man sich über die enorme Nachfrage freuen, nicht aber in der Psychotherapie, im Gegenteil. "Das ist sehr frustrierend. Weil man ja sieht, dass jemand schnell eine Behandlung bräuchte", sagt Rudi Merod, Psychotherapeut und zugleich Therapeutenausbilder. Bis zu 70 Prozent der Anfragen muss er ablehnen, sagt er. Mehr als 40 bis 50 Therapien pro Jahr seien schlicht nicht möglich. Besonders schlimm sei es, wenn er Eltern absagen müsse, die nach einem Therapieplatz für ihr Kind suchten.

Dabei lässt ein Blick auf die Zahlen erst einmal nichts Dramatisches vermuten. 1538 Psychotherapeuten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gibt es derzeit in München, wie es der Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns ausweist, im Landkreis München kommen noch einmal 101 dazu. Laut Bedarfsplanung wäre die Landeshauptstadt damit völlig überversorgt. Doch für die niedergelassenen Ärzte fühlt es sich nicht so an. Rund um Weihnachten verschärft sich jährlich die Lage noch. "Es ist eine hochemotionale Zeit. Gerade Patienten mit Depressionen haben mehr Symptome", erklärt Merod.

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Die Probleme kulminieren: Menschen mit Therapieplatz haben erhöhten Redebedarf, gleichzeitig suchen mehr Menschen nach Hilfe. Behörden und Kassen sind nicht zu erreichen, Praxen haben länger als sonst geschlossen, teilweise auch die Tageskliniken. Merod erzählt, kürzlich habe ihn ein ehemaliger Patient per E-Mail gefragt, ob er an Heiligabend zu ihm nach Hause kommen dürfe - aus Angst vor Einsamkeit.

Eigentlich haben sich die durchschnittlichen Wartezeiten in den vergangenen Jahren verkürzt. Das lag vor allem an der Reform der Psychotherapie-Richtlinie im April 2017, die obligatorische Sprechstunden einrichtete und vor allem bei Akutfällen für etwas Entlastung sorgte. Das geht aber oft zulasten der Langzeitfälle. Und so liegen die Wartezeiten immer noch weit über dem, was als zumutbar gilt. Auf eine erste Sprechstunde wartet man in Bayern im Schnitt fünf Wochen, hat die Bundespsychotherapeutenkammer unlängst vorgerechnet. Bis eine Therapie beginnt, dauert es ungefähr 19 Wochen. Und das liegt noch immer unter dem bundesweiten Schnitt.

Weil er die Effizienz in der Behandlung steigern wollte, plante Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) einen erneuten Gesetzesvorstoß. Im Zuge des Terminservice- und Versorgungsgesetzes (TSVG) wollte er eine neue Diagnosestufe in das Therapeuten-Patienten-Verhältnis einbauen. Ausgesuchte Ärzte und Psychotherapeuten, deren genaue Qualifikation erst noch definiert werden müsste, sollen in Voruntersuchungen entscheiden, ob und welche Therapie vonnöten ist.

Und überhaupt: Woher sollen die Experten kommen?

Die Entrüstung bei den Therapeuten und den Interessensvertretern war riesig. Sie sehen einen "Hürdenlauf" für Patienten, die sich in oft hochnotpeinlichen Situationen erklären müssen, und mit einer zusätzlichen Person ein Vertrauensverhältnis aufbauen sollen. Außerdem verstoße der Vorschlag gegen die freie Arztwahl, und überhaupt: Woher sollen die Experten kommen? Zu einem Großteil würden sie aus dem Pool der ohnehin zu wenigen Psychotherapeuten stammen, die dann keine Sprechstunden mehr anbieten könnten.

Spahns Aussage, dass an Orten mit besonders vielen Psychotherapeuten die Wartezeiten besonders lang seien - also das Angebot erst die Nachfrage schaffe - geht für viele ebenfalls an der Realität vorbei. Im auf dem Papier überversorgten München sorgen vor allem zwei demografische Begebenheiten für eine Unterversorgung. Erstens ist erwiesen, dass psychische Erkrankungen auf dem Land genauso häufig auftreten wie in der Großstadt. Und viele, die im Umland keinen Therapieplatz finden, reisen dafür notfalls auch stundenlang nach München. Patienten aus Lenggries oder Pfaffenhofen sind in Münchner Praxen keine Seltenheit. Zweitens verstärke sich der Trend zur Teilzeit-Arbeit bei den Psychotherapeuten. Dieser Trend werde sich noch verstärken, sagt Ausbilder Merod, weil der Beruf zunehmend weiblicher werde und Frauen öfter in Teilzeit arbeiteten als Männer. In München sind bereits 73 Prozent der Psychotherapeuten Frauen.

Für Merod gibt es nur eine einzige Lösung. Er hält die Bedarfsplanung für veraltet und deshalb für "einfach falsch". Sie müsse an die Wirklichkeit angepasst werden, was bedeutet: Die Zahl der Psychotherapeuten müsse stark erhöht werden. Die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) fordert nicht weniger als 5000 zusätzliche Zulassungen in Deutschland. Auf München heruntergerechnet würde das ein paar Dutzend neue Praxen bedeuten. Läge der festgelegte Bedarf näher an der Realität, sprich: würden die Krankenkassen für diesen Bereich ein größeres Budget veranschlagen, würden die oft willkürlich wirkenden Entscheidungen der Sachbearbeiter seltener werden - und damit Beispiele von Menschen, die dringend Hilfe brauchen, aber keine erhalten.

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