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Isarvorstadt:"Pumping Ercan" muss sein Fitnessstudio schließen

"Das war kein Job, das war mein Leben", sagt Ercan Demir, der sein Fitnessstudio an 365 Tagen im Jahr geöffnet hatte.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der Mietvertrag von Ercan Demirs "Body Gym" läuft nach 20 Jahren aus. Der Coach von Youtube-Star Sophia Thiel will in den Süden ziehen, mit Hund und ohne Handy.

Interview von Gerhard Fischer

Es waren schon mal Schauspieler (Sylvester Stallone) und Profi-Fußballer (Xherdan Shaqiri) in "Ercan's Body Gym" in der Ehrengutstraße, aber vor allem treffen sich dort ganz normale Leute aus dem Viertel. "Wir sind wie eine Familie", sagt Ercan Demir, der früher Vizeweltmeister im Bodybuilding war und Protagonist der Dokumentation "Pumping Ercan". Demir hat fast sein halbes Leben in diesem Fitnessstudio verbracht, doch jetzt muss er es schließen. Am nächsten Samstag, 9. März, ist ein Tag der offenen Tür. Und am Sonntag, 24. März, ist dann Schluss - genau 20 Jahre, nachdem er den Laden übernommen hatte.

SZ: Herr Demir, warum müssen Sie denn überhaupt schließen?

Ercan Demir: Ich wollte erst mal einen großen Dank an den alten Hausherren sagen, dass ich mitten in München für eine relativ geringe Miete meinen Traumberuf ausüben konnte; dass er mir die Chance gegeben hat, meine Philosophie weiterzugeben. Es gibt immer noch humane Hausbesitzer in München. Er ist allerdings gestorben, und mein Mietvertrag läuft jetzt aus. Seine beiden Kinder haben geerbt und werden das Haus abreißen lassen - ich kann das zu 100 Prozent verstehen, es ist wirtschaftlich nicht mehr tragbar. Wahrscheinlich wird hier ein Luxusblock entstehen.

Wie geht es Ihnen damit, dass in ein paar Wochen Schluss sein wird?

Ich verdränge es, damit ich nicht jetzt schon traurig bin. Ich mache mir aber ohnehin mehr Gedanken um die Mitglieder, deren Geschichte hier nicht freiwillig zu Ende geht, mehr Sorgen als um mich. Einige sind schon 20 oder 25 Jahre hier und sind 70 oder 75 Jahre alt. Für sie wird es schwierig, einen Neuanfang zu gestalten. Für sie ist das hier wie ein Zuhause.

Sie sprachen anfangs von Ihrer Philosophie - meinen Sie damit das Familiäre hier?

Ja, den Zusammenhalt. Es ist ein Ort der Geborgenheit. Wir sind wie ein Familie. Das sind keine gesichtslosen Mitglieder für mich, hinter jedem Menschen steckt eine Geschichte, die ich hören oder spüren will. Bei uns findet ein Austausch statt, wir haben Schicksale miteinander geteilt. Und wir helfen einander. Wenn jemand hier rein kommt und sagt, sein Auto sei kaputt, sind da fünf Leute, die ihm eine günstige Hilfe vermitteln können.

Sitzen Sie hier auch manchmal zusammen und trinken etwas?

Ja, wir sitzen auch beim Tee zusammen. Und mein Kühlschrank ist immer offen, die Leute können sich nehmen, was sie wollen und können das Geld an die Bar legen. Wenn ich mal ein paar Stunden nicht da bin, können sie das auch tun. Wer Vertrauen schenkt, bekommt Vertrauen zurück. Geld war für mich niemals der Antrieb, das Studio zu führen. Wenn Mitglieder in Rente gingen, habe ich auch schon mal die Beiträge reduziert, damit sie nicht in Schwierigkeiten gerieten. Oder ich frage Mitglieder: Wie viel kannst du zahlen? Manche haben 1985 mehr Beitrag bezahlt als jetzt. Und wenn einer mal sagt, er kann einen Monat nicht zahlen, dann interessiert mich das auch nicht.

Wie viele Menschen trainieren denn bei Ihnen?

Ich will da keine Zahl angeben, das ist unwichtig. Die Messlatte ist nicht, so viele wie möglich zu bekommen, sondern so gute wie möglich.

Wird der Tag der offenen Tür am 9. März dann auch das Abschiedsfest?

Ja. Ich trinke ja sonst wenig, aber da werde ich schon was trinken. Das wird nach dem Tod meines Vaters der größte Abschied in meinem Leben. Ich werde viele Menschen, von denen ich viel gelernt habe, nicht mehr sehen.

Und was werden Sie danach machen?

Ich habe eine große Sehnsucht nach Sonne, Meer und Lebensqualität. Und das hat nichts mit Lebensstandard zu tun. Ich brauche ein Haus, einen Hund und ein Fahrrad. Ich brauche kein Telefon, ich brauche keine Postanschrift.

Wo wird das sein?

Ich werde durch den Süden ziehen und bleiben, wo ich mich wohl fühle. Italien, Spanien oder Türkei.

Sie werden das nicht sofort machen, ...

... ich arbeite ja noch als Life Coach für Sophia Thiel.

Sophia Thiel ist eine Fitness-Bloggerin und Fitness-Youtuberin.

Ja, sie hat fast eine Million Abonnenten. Wir wollen das so weit wie möglich verbreiten. Ich schrei' das ja seit 20 Jahren raus, dass sich die Leute mehr bewegen sollen. Und dass sie beim Essen mit zehn, 15 gesunden Produkten ihre Grundbedürfnisse befriedigen können. Aber die Menschen wollen immer von allem etwas haben. Im Supermarkt wird viel zu viel angeboten, zu viele künstliche Sachen. Ich habe auch einen Youtube-Kanal. Aber es gibt halt Menschen, die hören nicht auf das, was jemand sagt, der etwas anders aussieht. Aber sie hören darauf, wenn es ein blondes, hübsches Mädchen wie Sophia sagt. Sie wird ja deutschlandweit gehört, und die Leute kommen dann auch hier ins Studio - wir waren fast wie ein Museum für Fitnessambitionierte. Wir sind authentisch in dem, was wir machen, und wir geben das weiter.

Das heißt, Ihr Traum vom Süden muss noch etwas warten?

Ja, ein wenig bleibe ich noch in München. Ich mache das erst mal mit Sophia weiter.

Wo werden Ihre Mitglieder unterkommen?

Ich habe Abmachungen mit anderen Studios in Sendling, dass sie dort zu einem humanen Preis weitermachen können; Studios, in denen ich auch selber trainieren werde.

Was werden Sie sonst noch machen?

Reisen, an die Isar gehen, ohne ans Studio zu denken. Ich habe seit 20 Jahren 365 Tage pro Jahr dort gearbeitet, ich war ja immer alleine. Ich habe geputzt, Geräte repariert, die Steuer gemacht. Das war kein Job, das war mein Leben.

© SZ vom 06.03.2019/sim
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