Geschlechtsangleichung Als Transfrau im Männersport

Transmenschen sind überall, sagt Hannah Aram, "aber man sieht sie kaum, denn die wenigsten trauen sich aus ihrer Community heraus".

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Hannah Aram ist die vielleicht erste Transfrau im Freeride-Skisport.
  • Die Münchnerin begreift das Extrem-Skifahren als eine "transfeministische Aktion".
  • Aram wurde als Transfrau in der Vergangenheit heftig angegriffen.
Von Martina Scherf

"Wenn ich am Berg stehe und das Rennen beginnt, dann vergesse ich alles andere um mich herum", sagt Hannah Aram. "Dann bin ich eins mit der Natur und nur noch darauf konzentriert, heil unten anzukommen."

Hannah Aram ist Freeriderin, sie fährt Extrem-Skirennen, zuletzt im Alpbachtal und am Hochfelln, und sie will in den nächsten Wochen noch möglichst viele Punkte sammeln. Vielleicht, so hofft sie, schafft sie es bis in die Qualifikationsrunde für den Worldcup. Aber das Skifahren ist für sie nicht nur eine sportliche Herausforderung. Es hat noch eine andere, größere Bedeutung. Aram sieht ihre Teilnahme im Frauenteam der Freerider auch als "transfeministische Aktion". Denn Aram kam als Junge auf die Welt.

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Sie ist vermutlich die erste Transfrau im Freeride-Zirkus, und das ist ihr wichtig. Die anderen Teilnehmerinnen hätten sie hervorragend aufgenommen, sagt sie, "wir sind eine tolle Gemeinschaft", das gibt ihr Halt. Es ist für sie auch eine Form der Therapie, um ihr Trauma zu überwinden, von dem gleich noch die Rede sein wird.

Im Freeride-Sport würden noch immer die Männer dominieren, erst allmählich kämen mehr Frauen an die Spitze, sagt sie. Aber Transfrauen gab es bisher noch keine. Wohl auch keine Transmänner. Für Menschen, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen, oder einem anderen, als ihnen von Geburt an zugewiesen wurde, ist die Welt des Sports noch immer kein einfaches Terrain.

Aber was ist schon einfach für queere Menschen, die nicht in die gängigen Schubladen der Gesellschaft passen. "Transmenschen sind überall", sagt Hannah Aram, "aber man sieht sie kaum, denn kaum jemand traut sich aus der geschützten Community heraus." Sie will dazu beitragen, dass sich das ändert.

Sie dichtet und rappt, sie spricht gelegentlich vor Schülern oder Studenten über Transgender-Themen, und sich so ungeschützt an die Öffentlichkeit zu wagen, kostet sie enorm viel Kraft. Auch die Bewerbung für die Freeride-Tour in diesem Winter, das Drumherum mit der Anmeldung, den Erklärungen, den Organisatoren, dem Publikum, "das alles war für mich ein großer Schritt". Das Geld für die Reisen sammelt sie durch Unterstützeraufrufe im Netz. Sie ist diesen Schritt gegangen, für sich selbst, für andere, für die ganze Gesellschaft, die in Sachen Toleranz und Gleichberechtigung noch viel Nachholbedarf hat. Doch wie sollen Menschen anders lernen als durch die Begegnung mit Menschen?

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Als Treffpunkt hat sich die 35-Jährige die Alpina-Bar bei Sport Schuster ausgewählt. Sie kommt in Jeans mit Löchern an den Knien, Sneakers und einem hellblauen Anorak, bestellt nur ein Glas Wasser. Sie spricht ruhig und überlegt, ihre Botschaft ist klar. "Es ist Zeit, dass all jene, die von der weißen heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft nicht wirklich ernst genommen werden, ihren Platz erkämpfen." Queere Menschen, Transmenschen, Schwule und Lesben, Menschen anderer Hautfarbe, Menschen mit Behinderungen, "wir müssen uns mehr zu Wort melden".

Hannah Aram kam in Nottingham auf die Welt. Sie wuchs als Junge auf, "und ich habe die Rolle des Jungen auch immer gespielt". Sie hat Zoologie studiert, weil sie immer schon am liebsten in der Natur war, kam dann vor zehn Jahren nach München, lernte Deutsch, frönte ihrem liebsten Hobby, dem Skifahren, und gründete eine Firma. Sie hat amerikanische Outdoor-Marken verkauft und die großen Münchner Sporthäuser bei Marketingaktionen unterstützt. Dann fand sie es an der Zeit, sich zu ihrer wahren Natur zu bekennen. Denn sie fühlte sich schon lange als Frau. Sie begann, Hormone zu nehmen, sich weiblicher zu kleiden, sich in den Münchner Communities umzusehen.