SZ-Kolumne "Zwischen Welten":Ein Lied, das zu Tränen rührt

Lesezeit: 2 min

Dusmo, Schule für Ukrainer

Die deutsche Sprache ist die größte Herausforderung für geflüchtete ukrainische Kinder - doch jetzt sind erstmal Sommerferien.

(Foto: Florian Peljak)

Unsere Autorin hat geflüchtete ukrainische Kinder in Deutsch unterrichtet. Zum Schulschluss gab es wehmütige Momente.

Kolumne von Emiliia Dieniezhna

Helles Hemd, dunkle Hose oder Rock, das ist die typische Kleidung, die viele ukrainische Kinder an Festtagen tragen. Diese Kleidung haben die Kinder, die mit ihren Familien vor dem Krieg aus der Ukraine nach Pullach geflüchtet sind, am vergangenen Donnerstag getragen. In der Schule feierten sie den Abschluss des Schuljahres mit einem Konzert, das meine Mutter Switlana Dieniezhna initiiert hatte. Sie unterrichtet dort ehrenamtlich Musik, ich Deutsch.

Neben der Trennung von Familie und Freunden ist die deutsche Sprache eine der größten Herausforderungen für die geflüchteten Kinder. Nur sehr wenige haben in ihrer Heimat Deutsch an der Schule gelernt. Logischerweise fordert ihnen die deutsche Sprache einiges ab.

Am besten helfen den Kindern beim Deutschlernen ihre neuen Pullacher Freunde, Sport - und eben auch Musik. Deshalb hatte meine Mutter Switlana, die bei uns zu Hause als Assistenzprofessorin für Musik gearbeitet hat, der Grundschulleitung nach unserer Ankunft in Pullach vorgeschlagen, den Sprachunterricht mit deutscher Musik zu unterstützen. Der Schulleiter hat ein tolles Buch mit deutschen Liedern gefunden, und die Kinder waren gleich hin und weg. Begrüßung und Verabschiedung, Farben, Bezeichnung von Kleidung - gerade die alltäglichen Begriffe in der neuen Sprache lernt man schneller und unterhaltsamer mit Musik. Das alles konnten die Kinder bei diesem Konzert zeigen.

Natürlich sangen wir auch ukrainische Lieder. Das Lieblingslied vieler Kinder ist jetzt der Pink Floyd-Song "Hey He Rise Up". Die ukrainische Version heißt "Oy u luzi chervona kalyna" und wurde vor einem Jahrhundert auf Basis eines noch älteren Volksliedes geschrieben. Das Lied ging im April viral und gilt inzwischen als eines der bekanntesten Symbole des Kampfes der Ukraine gegen Russland. Als die Kinder das Lied sangen, konnte ich mir die Tränen nicht verkneifen. Ich kann einfach nicht verstehen, warum Moskau seit Jahrhunderten die Ukraine versklaven möchte.

Nicht nur ich weinte, sondern auch Eltern, die zum Konzert eingeladen waren. Für sie war es sehr berührend, ihre Kinder auf Ukrainisch und Deutsch singen zu hören.

Unter den Gästen waren auch die Rektoren der Pullacher Grund- und Musikschule und der Vorstandsvorsitzende des Partnerschaftsvereins Pullach-Baryschiwka-Berezan. Sie alle sind sehr engagiert, um die geflüchteten Kinder und ihre Familien übergangsweise zu integrieren, denn die meisten wünschen sich nichts lieber, als in die Ukraine zurückkehren zu können.

Nach dem Konzert versprachen die Kinder und Eltern, an ihren Deutschkenntnissen weiter zu arbeiten, dafür haben die Kinder aus der Bibliothek interaktive Materialien bekommen. Im Anschluss hat der Schulleiter allen gewünscht, die Ferien in Bayern möglichst zu genießen, trotz des Krieges. Wie die geflüchteten Kinder aus meiner Umgebung hier in Pullach und in München ihre Ferien verbringen, erzähle ich in der nächsten Kolumne.

Emiliia Dieniezhna, 34, flüchtete mit ihrer vierjährigen Tochter Eva aus Kiew nach Pullach bei München. Von dort aus arbeitet sie ehrenamtlich für die Nicht-Regierungs-Organisation NAKO, deren Ziel es ist, Korruption in der Ukraine zu bekämpfen. Für die SZ schreibt sie einmal wöchentlich eine Kolumne über ihren Blick von München aus auf die Ereignisse in ihrer Heimat.

Zur SZ-Startseite
jtzt storytelling ungleichbehandlung gefluechteten

SZ PlusjetztUkraine
:Wer darf bleiben?

Mary Oluokun ist mit ihrer Familie aus der Ukraine geflohen. Eigentlich hätten sie Anspruch auf Asyl - doch ihre Zukunft in Deutschland ist gefährdet. Über die Ungleichbehandlung von Geflüchteten.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB