Oktoberfest:Und nach der Wiesn noch ins Bordell

Oktoberfest: Normalerweise arbeiteten 800 bis 1000 Prostituierte in den 193 legalen Bordellen der Stadt, zum Oktoberfest sind es laut Polizei etwa doppelt so viele.

Normalerweise arbeiteten 800 bis 1000 Prostituierte in den 193 legalen Bordellen der Stadt, zum Oktoberfest sind es laut Polizei etwa doppelt so viele.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der Alkohol lässt die Hemmschwelle sinken: Bei manchem Oktoberfest-Besucher steigt die Lust auf Sex enorm.

Von Katharina Blum

Der Mann von der Security schließt den Fahrstuhl auf. Mitfahren darf nur das Personal, Freier müssen die Treppe nehmen. "Heißt hier ja nicht ohne Grund Laufhaus." Hoch geht es in den dritten Stock. Im Gang reiht sich Tür an Tür, davor starren Männer auf kleine Monitore, die ihnen zeigen, wer sich in den Zimmern eingemietet hat. In 308 bückt sich Bianca übers Bett und macht die Beine breit.

Wenn auf der Theresienwiese in den Zelten die Lichter ausgehen, geht es in den Rotlicht-Läden der Stadt erst richtig los, 17 Tage lang. Und nicht nur hier, in Caesars World, nach Betreiberangaben Münchens größtem Laufhaus. Normalerweise arbeiten 800 bis 1000 Prostituierte in den 193 legalen Bordellen, zu jeder Tag- und Nachtzeit. Zum Oktoberfest sind es laut Polizei etwa doppelt so viele. Diese Steigerung schafft in München sonst nur die Baumaschinenfachmesse Bauma.

Das Oktoberfest, es lässt sich auf viele Weisen erzählen und erleben. München präsentiert seine Wiesn gerne als das größte Volksfest der Welt, ein Fest für die ganze Familie. Für viele Besucher ist sie vor allem eines: kollektiver Exzess, Suff und Sex inklusive. Ein paar Mass intus, den ganzen Tag aufreizende Dekolletés vor Augen - bei so manchem Mann steigert das die Lust auf Sex enorm und lässt gleichzeitig die Hemmschwelle sinken.

Nun könnte man leicht dem Versuch erliegen, das Ganze auf den Alkohol und seine enthemmende Wirkung zu schieben. 7,3 Millionen Mass Bier tranken die Besucher im vergangenen Jahr, 628 Gäste mussten wegen Alkoholvergiftung behandelt werden. Und es stimmt ja irgendwie auch: "Wenn man für die Mass 10,60 Euro bezahlt, dann sind 50 Euro für Sex gar nicht mehr so extrem teuer", sagt Thorsten Benkel. Aber es ist vor allem der Charakter dieses Festes, wie der Soziologe von der Universität Passau erklärt: "Wenn ich nicht gerade jemanden zusammenschlage oder eine Frau vergewaltige, was leider vorkommt, darf ich dort plötzlich Dinge tun, die ich sonst nie tun darf. Ich darf mich betrinken, das ist völlig akzeptiert gesellschaftlich. Ich darf auf den Bänken tanzen, ich soll sogar aus mir rausgehen. Die soziale Kontrolle ist viel schwächer."

Genau das reize die Menschen auf die Wiesn zu gehen, vor allem die Männer. Sie seien in dieser Gesellschaft diejenigen, die sich am meisten zusammenreißen müssen, von ihnen werde ein bestimmtes Niveau erwartet. Erfüllen sie dieses nicht, werden sie sozial sanktioniert - nur auf der Wiesn nicht. "Und jetzt erleben Männer genau diese Erfahrung, jetzt haben sie Lust auf Sex. Und was machen sie?"

Die einen feiern in einem der vielen Clubs der Stadt weiter, die sich während des Oktoberfests in "After-Wiesn-Clubs" verwandeln und versuchen dort, den Wiesn-Wahnsinn noch zu steigern.

Die anderen stolpern in Richtung U-Bahn und fahren raus in die tristen Gewerbegebiete der Stadt, wo die Puffs, FKK-Clubs und Domina-Verliese stehen, um dem Wiesnbesuch ein garantiertes Happy End zu verleihen. Kein bisweilen mühsames Gebaggere, kein Risiko, eine Abfuhr zu kassieren. "Das Laufhaus ist genau das Gegenteil, das Laufhaus sagt: Du musst dich überhaupt nicht anstrengen, du musst nur eine Leistung bringen - und die ist Geld", erklärte Benkel. "Das ist ein ganz einfacher Deal, den jeder kapiert."

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