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After-Wiesn-Partys:Das Schlimmste kommt nach dem Bierzelt

Wiesnclub, Theresienhöhe 15 (Alte Kongresshalle) After Wiesn Party

In der Alten Kongresshalle gibt es einen der größten After-Wiesn-Clubs - inklusive VIP-Empore, wo die Getränke das Doppelte kosten.

(Foto: Florian Peljak)

Wer nach der fünften Mass noch nicht genug hat, feiert im After-Wiesn-Club weiter. Das endet auch mal zwischen Bunnyohren und Kotze im P1. Vom Versuch, den Wiesn-Wahnsinn noch zu steigern.

Gute Wiesn-Gschichten bleiben gut. Wir haben die schönsten Texte der vergangenen Jahre aus dem Archiv gekramt. Der folgende Artikel erschien erstmals 2015.

Die Nacht ist noch nicht vorbei, da planen sie schon die nächste. Morgen Abend wollen sie sich so richtig zulaufen lassen. Und dann in den Leierkasten gehen, Münchens Edelpuff. Die vier Männer fläzen auf den Ledersofas unter dem Baldachin im P1. Es ist spät, sie strecken Bäuche und Beine von sich, leere Longdrink-Gläser stehen auf dem Tisch. Dem einen fallen die Augen zu, dem anderen ist der Lederhosenknopf aufgeplatzt.

Zum Oktoberfest verwandeln sich viele Clubs in der Stadt in "After-Wiesn-Clubs", sie alle wollen mitverdienen am ganz großen Geschäft. Dort wird weiter gefeiert, wenn auf der Theresienwiese die Lichter ausgehen, 16 Tage lang. Übrig bleibt, wer nach fünf Mass im Bierzelt noch nicht genug hat. Solch ein After-Wiesn-Abend könnte eklig werden, er wird vor allem traurig. Was sich da abspielt im P1 und anderswo, das sind die immer gleichen Geschichten von Einsamkeit und Mitleid und manchmal Sex.

Irgendwann schiebt er die Hand unter ihr Dirndl und knetet ihren Hintern

Die Tanzfläche im P1 ist an diesem Abend unter der Woche fast leer. Die Wände glänzen schwarz, eingerahmt von Leuchtstreifen, davor Menschen im Halbdunkel, gekleidet in Dirndl und Lederhosen. Sie schwanken, sie trinken, sie lehnen an der Bar, sie stieren in die Luft. Lipgloss-Lippen neben Halbglatzen. Bunnyohren auf Männerköpfen, Trachtenhütchen auf Frauenköpfen. Um den Hals eines Gastes baumelt ein Lebkuchenherz, darauf steht "Da Börner". Aus den Boxen dröhnt ein Remix von Britney Spears' "Baby one more time". Es stinkt nach Bier, nach Schweiß, nach Wirtshausessen, nach Urin. Ein Paar lernt sich kennen, verknäult sich im Kuss, irgendwann hat er seine Hand unter ihrem Dirndlrock und knetet ihren Hintern.

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Von der Tanzfläche zweigen Gänge voller Verheißung ab, doch darin findet sich nichts Verruchtes, sondern ein Mann, der in sich zusammengesackt an der Wand lehnt, eingeschlafen. Papiertücher liegen auf dem Boden, Glasscherben, Strohhalme, ein Stück Pizza, eine Strumpfhose und etwas, das aussieht wie die Haut einer Weißwurst. In all diesem Chaos liegt ein Haufen Handtaschen, junge Frauen tanzen um ihn herum. Der Boden ist feucht, man rätselt, ob das Erbrochenes ist, bis man in einer Ecke hineintritt und es weiß.

Was man nicht weiß, ist, ob die Menschen hier Spaß haben. Ob sie glücklich sind. Ob ihr Abend auf der Wiesn so schön war, dasss sie nicht heimgehen wollten - oder so schrecklich. Es ist, als wollten sie etwas verlängern, an etwas festhalten, ohne zu wissen, an was genau.

Eine Frau im grünen Seidendirndl tanzt nicht, sie verlagert ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Die High Heels drücken, ihr Blick schweift umher. Alles verlangsamt sich hier drin, alles dehnt sich. Ein kleines Bier, 0,33 Liter, kostet 6,50 Euro - dagegen ist die Wiesn-Mass ein Schnäppchen. Dann spielt der DJ ein Radiolied, "Drops of Jupiter", der Sänger singt "while you were looking for yourself out there": "während du da draußen nach dir selbst suchtest".