Münchner Momente:Legendär günstig, legendär eng

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Münchner Momente: Billig, aber eng: Viele Züge waren angesichts des Neun-Euro-Tickets übervoll.

Billig, aber eng: Viele Züge waren angesichts des Neun-Euro-Tickets übervoll.

(Foto: Frank Hoermann, Sven Simon/Imago)

Mit dem Neun-Euro-Ticket im Regionalzug unterwegs zu sein, beschert ganz spezielle Erlebnisse.

Glosse von Berthold Neff

Die Bilanzen hören sich ja gut an: Mit dem Neun-Euro-Ticket soll es binnen dreier Monate gelungen sein, so viel des klimaschädlichen Kohlendioxids einzusparen, wie man es sonst nur durch Tempo 130 auf der Autobahn in einem Jahr schaffen könnte. Das sind die nackten Zahlen, aber was ist mit dem Gefühl? Wie war das, im Regionalzug unterwegs zu sein? Um diese Frage zu beantworten, muss man mit diesem Ticket nicht von München bis Rügen gereist sein, was innerhalb eines langen Tages zu bewältigen gewesen sein soll, wie ein Kollege versichert. Es reicht, die überschaubare Strecke zwischen München und Ulm ein paar Mal zu durchmessen, um ins Nachdenken zu geraten.

Als der Regionalzug in Pasing hält, gibt es noch ein paar freie Plätze, als aber der Zug in Augsburg dreigeteilt wird und sich nur noch das erste Drittel auf den Weg nach Ulm macht, wird es eng, sehr eng. Und weil es immer schwieriger wird, die Fahrgäste reinzuquetschen, hat man im Laufe der dann knapp zweistündigen Fahrt Gelegenheit, die Mitreisenden zu beobachten. Da wären zum Beispiel die beiden Japaner, die ihre Augen offen halten. Was, wenn der eine immer dann, wenn er nicht im Urlaub ist, den legendär schnellen und pünktlichen Shinkansen steuerte? Und was, wenn der andere als Reinschieber in der U-Bahn von Tokio arbeitete? Sie hätten gutes Anschauungsmaterial und wunderten sich. Wie leicht die Deutschen Verspätungen von einer Stunde wegstecken und wie sie sich auch ohne Reinpresser freiwillig in den letzten Winkel des Waggons reinschieben, wo die Luft zum Atmen knapp wird.

Irgendwo, es könnte vor einer Haltestelle mit dem Namen Kutzenhausen gewesen sein, geht gar nichts mehr. Ein Rollstuhlfahrer muss unbedingt in diesen überfüllten Zug. Entweder, so die Ansage, es steigen fünf Fahrgäste aus, oder es kommt die Polizei, um den Zug zu räumen. Dann, nach einer Viertelstunde des Wartens, die rettende Idee: Es könnte ja ein Radler mitsamt seinem Gefährt aussteigen? Einer wird es gemacht haben, denn die Fahrt geht dann tatsächlich weiter. Der Radler entscheidet sich, zu strampeln, und rettet ein bisschen die Welt.

Und wie geht es mit dem Ticket weiter? Bisher hat es neun Euro gekostet, dafür hat man trotz Corona diese Enge in Kauf genommen. Wenn es aber bleibt und vielleicht fünfmal teurer wird? Dann müssten auch die Züge fünfmal länger sein, und bitte keine Verspätungen mehr. Nur so zeigen wir es den Japanern.

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