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Neonazi-Mordserie:Ein Verband für die tiefe Wunde

Sie hatten 11.000 Personen überprüft - ohne eine heiße Spur zu entdecken. Jahrelang tappte die Soko "Bosporus" im Dunkeln, neun Migranten wurden getötet. Viele Ermittler sind nun erleichtert, auch weil die Münchner Profiler recht behalten haben. Die bayerische Opposition fordert Aufklärung - darüber, was die Behörden wussten und ob der Verfassungsschutz involviert war.

"Freude, Erleichterung, Gänsehaut." So umschreibt ein Münchner Polizist die Reaktionen auf die mögliche Lösung der sogenannten Döner-Morde. Freude, weil damit auch zwei Morde in München geklärt sein könnten und die Münchner Profiler mit ihrer These Recht behalten hatten. Erleichterung, weil die unheimliche Mord-Serie, die sich nicht nur durch München und Nürnberg zog, damit vermutlich ihr Ende gefunden hat. Und Gänsehaut, "weil keiner diese Dimension hinter der Verbrechensserie vermutet hat", heißt es aus Münchner Polizeikreisen.

Jahrelang tappte die Soko "Bosporus" im Dunkeln, neun Menschen mussten ihr Leben lassen. Dann ein Polizistenmord, ein Brand, ein erweiterter Suizid der Täter und ein Wohnwagen, in dem die mutmaßlichen Mörder Trophäen wie in einem Schrein gesammelt hatten. "Einen Krimi könnte man nicht besser schreiben. Wobei bei diesem Ende jeder sagen würde: 'So ein Schmarrn, das kann's nicht geben'", sagt ein Polizist.

Günther Beckstein, zur Zeit der Morde bayerischer Innenminister und selbst aus Nürnberg, sagte einmal, ihm habe in seiner Amtszeit wenig mehr Kopfzerbrechen bereitet als diese Mordserie. "Das war eine blutende, tiefe Wunde bei der Polizei, die jetzt verbunden werden kann", sagte Beckstein am Sonntag der SZ. Bis zu 160 Beamte arbeiteten bei der Sonderkommission, alleine in Nürnberg waren es 60 Polizisten.

1500 Ordner umfassten die Ermittlungsakten, 11.000 Personen wurden überprüft. Ohne Ergebnis. Geldautomaten seien gecheckt worden, erzählt Beckstein, Geschwindigkeitskontrollen durchgeführt, Handynetze überprüft. "Und nichts hat irgendeine weiterführende Spur ergeben." Er selbst war mehrmals in der Türkei, um die Zusammenarbeit mit der türkischen Polizei zu intensivieren. Auch die These, dass Rechtsextremisten die Taten verübt hätten, sei damals bereits überprüft worden, ebenso wie die Theorie, dass es sich um einen Geistesgestörten oder einen Drogenhändler handeln könnte. "Wir haben den allergrößten Aufwand betrieben", sagt Beckstein. Alles erfolglos.

Die Ermittlungen stockten - und es passierte, was in einem Behördenapparat irgendwann stets geschieht: Die Soko "Bosporus" wurde stark reduziert, es übernahmen die Männer von der Mordkommission für ungelöste Altfälle. Nun soll die Soko weitermachen, Innenminister Joachim Herrmann wollte bereits am Wochenende 15 bis 20 Beamte wieder auf die Fälle ansetzen. Allesamt Leute "mit Tatort-Wissen", wie es aus dem Innenministerium heißt.

"Jetzt haben wir neue Erkenntnisse und jetzt werden wir sicherlich die Aufklärung dieser Morde sehr schnell abschließen können", sagte Herrmann. Die konkrete Ermittlung der sogenannten Döner-Mordserie bleibt weiter federführend bei der Kriminalpolizei in Nürnberg, auch wenn der Generalbundesanwalt die Ermittlungen insgesamt an sich gezogen hat. Dessen Engagement kommt für manchen Ermittler reichlich spät. Damals hatten sich Polizisten gewundert, dass das Bundeskriminalamt nicht die Federführung übernehmen wollte. Um so erstaunter ist man nun in Polizeikreisen, dass sich Wiesbaden nun, da die Aufklärung sehr wahrscheinlich ist, der Sache annimmt.

SPD-Landtagsfraktionschef Markus Rinderspacher kritisierte am Sonntag, dass die Soko erst jetzt wieder personell aufgestockt werde. Wie die Grünen forderte er Aufklärung darüber, was die bayerischen Behörden gewusst hätten und ob der Verfassungsschutzes involviert gewesen sei. Ob Fehler seitens des Verfassungsschutzes oder anderer Behörden gemacht worden seien, könne er derzeit nicht beurteilen, sagte Innenminister Herrmann der Nachrichtenagentur dpa. Er sprach aber von einer "neuen Dimension rechtsextremer Gewalt in unserem Land".

Wenn die Behörden in Bayern zwar "keine Steigerung in diesem Bereich beobachten" können, so dürfe man dennoch man die Bereitschaft zur Gewalt im rechten Spektrum nicht unterschätzen. "Das bedeutet, dass wir generell den gesamten extremistischen Bereich immer mit großer Konsequenz beobachten und gegebenenfalls auch überwachen müssen", sagte Herrmann. Hinweise auf weitere Gewalttaten speziell in Bayern gebe es derzeit zwar nicht.